Sind die Kirchen noch zu retten?

Sind die Kirchen noch zu retten?

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von Gottlieb F. Höpli am 2.4.2021, 07:46 Uhr
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Unsere Kirchen wollen sich dem Zeitgeist mit politischem Aktivismus, mit Events, Rock und Pop andienen. Sie haben damit keinen Erfolg – und verpassen ihre Aufgabe, ein widerständiger Gegenentwurf zur Welt zu sein.

Nun ist den armen Journalisten, die sich auf Geheiss des Chefredaktors etwas Besinnliches zu Ostern einfallen lassen sollen, in Pandemiezeiten auch noch das Standardthema abhandengekommen – die «leeren Kirchen». Was liess sich daraus alles analysieren und ableiten: Die abnehmende Bedeutung der Kirchen, deren fehlende «gesellschaftspolitische Relevanz» und, im Falle wohlwollender redaktioneller Behandlung, die gnädige Anerkennung als spiritueller Reparaturservice für Alte, Arme und sonstwie Alleingelassene. Am Ende dann die Aufforderung (merke: kein Meinungsartikel ohne obligates «muss»): die Kirchen «müssen» zeitgemässer, müssen den Bedürfnissen nach zeitgemässen Trends, heutiger Sprache und poppiger Musik gerecht werden. Es muss «grooven» in der Kirche, so las ich’s diese Woche.
Egal, ob die Kirchen in Vor-Pandemiezeiten wirklich allesamt und immer leer standen, und egal, wann der betreffende Journalist selbst zum letztenmal eine Kirche betreten hat (war’s eine Kindstaufe, oder das Begräbnis des Grossvaters?) – dass Kirchen leer zu sein haben, steht schon einmal fest. Und die Gründe dafür tun es auch. Eigenartig nur, dass die vereinten Anstrengungen, die schwächelnde Institution per Medienzuruf wieder auf die Beine zu bringen, bisher so wenig bewirkt haben.
Das kann ja demnach nur eines bedeuten: die Kirchen sind nicht mehr zu retten. Obwohl sie sich doch vielerorts so viel Mühe geben, den Aufforderungen nach mehr Aktualität und Zeitgeist nachzukommen: Engagement, politisch und sozial! Gottesdienste umkrempeln – kein Orgelspiel, lieber elektrische Gitarren oder zur Not ein Gospelchörli, statt einer Predigt ein Stargast oder eine Bundesrätin im Gespräch mit dem launigen Seelsorger. Von der Bibel muss ja nicht jedesmal auch noch die Rede sein. Und wenn schon, die «Bibel in gerechter Sprache».
Seltsam nur, dass das alles so wenig einschenkt. Wer volle Kirchen sehen will, muss nämlich zu den Evangelikalen und Freikirchen gehen. Und deren Rezept besteht in keinem Fall darin, dem Zeitgeist zu huldigen. Oder gar, ein möglichst verwechselbarer Teil der Gesellschaft, moderner ausgedrückt: eine NGO zu sein. Riesige Banner mit Abstimmungsparolen an Kirchtürmen, Abstimmungsplakate noch und noch! Nein, nicht als Protest gegen jene Polit-Aktivisten, welche Weihnachtslieder oder gar Kreuze in der Schule verbieten wollen. Oder gar aus Solidarität mit verfolgten Christen im Nahen Osten, in Armenien und anderswo. Nein, für trendige Initiativen mit politischen Triggerbegriffen wie Konzernverantwortung und Palmöl. Entworfen in den Büros trendiger Campaigner.
Mit anderen Worten: Man will dabei sein. Teil der Gesellschaft, auch auf die Gefahr hin, verwechselbar zu sein und nur noch zu Dekorations- und Stimmungszwecken an hohen Feiertagen und familiären Anlässen aus dem Regal hervorgeholt zu werden.
Könnte es sein, dass sich die Kirchen – zumindest deren Zeitgeist-Aktivisten – damit auf dem falschen Kurs befinden? Der sie zwar nicht gegen den Eisberg, aber zum sanften Untergang führt? Weil sie sich dem Design des Zeitgeistes anpassen, anstatt Gegenentwurf zum Zeitgeist zu sein. Unangepasst, unverwechselbar, unbequem.
Wie wäre es – ich frage ja nur – wenn sich unsere Kirchen wieder einmal an ihre ursprüngliche Botschaft erinnerten, die so quer zum Zeitgeist und zu den Mächtigen stand: Mit einem Botschafter an der Spitze, der in den Augen der Welt kläglich scheiterte, «der einzige Messias der Weltgeschichte, der verraten, verleugnet und ans Kreuz genagelt wird,» wie der Regisseur des jüngsten Christus-Films, Milo Rau, richtig sagt (auch wenn man mit ihm in vielem sonst nicht einverstanden sein muss). Man vergleiche diese christliche Botschaft etwa mit jener des Islam, dem Koran – eine endlose Abfolge geschlagener Schlachten und wüster Drohungen gegen die Ungläubigen.
Der Höhepunkt der biblischen Osterbotschaft ist ganz anders: Niederlage, Verzweiflung, Tod – und dann erst noch ein leeres Grab. Eine wahre Leerstelle des Glaubens! Wäre es dem Geist dieser Botschaft nicht angemessener, sie nicht gleich mit hektischem Aktivismus aufzufüllen? Sondern sie erst einmal zu bedenken. Und dabei herauszufinden, dass es nicht politische Kampagnen und andere Heldentaten sind, welche diese Leerstelle füllen – sondern ein Heilsgeschehen, das ganz ohne unser Zutun daherkommt. Was für eine Provokation!
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