Das Grounding der Swissair: Wer ging unter, die Schweiz oder wir Journalisten?

Das Grounding der Swissair: Wer ging unter, die Schweiz oder wir Journalisten?

Vor zwanzig Jahren scheiterte die Swissair. Es war ein Debakel, ohne Frage. Doch merkwürdigerweise ist davon nichts mehr zu spüren. Das Land brummt, als ob nichts geschehen wäre. Ein Nachruf ohne Tote.

image
von Markus Somm am 2.10.2021, 03:00 Uhr
Vor zwanzig Jahren: Die Swissair stellt ihren Betrieb ein. Kein Flugzeug bleibt in der Luft. In Kloten bricht das Chaos aus.
Vor zwanzig Jahren: Die Swissair stellt ihren Betrieb ein. Kein Flugzeug bleibt in der Luft. In Kloten bricht das Chaos aus.
Am 2. Oktober 2001 um 15 Uhr 45 erteilte Mario Corti, CEO der SAirGroup, seinem Chef Operationen den Auftrag, den Flugbetrieb der Swissair einzustellen – die Firma war offensichtlich bankrott und konnte ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Innert kürzester Zeit brach in Kloten alles zusammen: Flugpassagiere verzweifelten in Warteschlangen, die nirgendwo hinführten, Stewardessen weinten, Piloten ergaben sich dem Alkohol, Flugzeuge lagen am Flughafen herum wie gestrandete Wale. Es waren Bilder, die in die Schweizer Geschichte eingingen: Bilder der Schande, Bilder der Niederlage. Hätte die Schweiz in ihrer jüngeren Vergangenheit je einen Krieg verloren, wir würden uns mit den gleichen Gefühlen daran erinnern.
Schon oft ist in diesem Zusammenhang über den Untergang der alten Schweiz gesprochen und geschrieben worden – und wie immer, wenn zugespitzt wird, ist auch ein Kern der Wahrheit darin zu entdecken. Beim Grounding, dem Begriff aus einer fremden Sprache, der längst wie Schweizerdeutsch klingt, ist es nicht anders. Es fühlte sich wie ein Ende an – und noch heute denken wohl die meisten, die es erlebt haben, mit einer Mischung von Zorn, Schmerz und auch Aufregung daran zurück: Denn es war ein Drama, das uns genauso weh tat, wie es uns fesselte.

Aufruhr auf der Redaktion

Ich arbeitete damals für den Tages-Anzeiger als Bundeshauskorrespondent in Bern. Etwa um 17 Uhr wurde kurzfristig eine Pressekonferenz angekündigt, und wir rannten in Tagi-Vollbesetzung über den Bundesplatz ins Bundeshaus; auf dem Weg trafen wir zufällig auf den damaligen Nationalrat Christoph Blocher, der so gar nicht unsere Aufregung teilen mochte, er kam von irgendeiner Sitzung: «Ja, es rumpelt halt ein wenig», meinte er, was wir – natürlich – mit Empörung quittierten, immerhin waren wir ja vom Tagi, dem selbstdeklarierten Anti–Blocher–Blatt: Wie konnte er nur?

image

  • Als PDF herunterladen

Die Pressekonferenz fand im sogenannten Journalistenzimmer statt, ein kleines Zimmerchen in der Ecke des Bundeshauses, wo Zeitungen auflagen, und Journalisten ab und zu ihre Zeit vertaten, wenn ihnen nichts Besseres einfiel. Jetzt aber brannte die Luft, der Raum barst, und wir standen uns gegenseitig auf den Füssen herum. Historisches, so glaubten wir, würden wir beobachten, was zu meinen, ja auch nahelag.
Kaspar Villiger, Vorsteher des Finanzdepartements, und Moritz Leuenberger, der Verkehrsminister, eilten herbei, setzten sich, umringt von uns Journalisten. Noch gab es nicht diesen unschweizerischen Cordon Sanitaire um die Bundesräte herum, wie das heute üblich ist, sondern wir sassen den beiden, sichtlich aufgebrachten Magistraten in nächster Nähe gegenüber. Villiger, freisinnig, und deshalb per definitionem massvoll, schilderte, wie er stundenlang versucht habe, Marcel Ospel, den Chef der UBS, zu erreichen, doch der war nach New York unterwegs und für ihn nicht zu sprechen. Leuenberger, nie verlegen um einen mehr oder weniger gelungenen Kalauer, kommentierte: «Der Bankier ist in der Luft, der Bundesrat geht in die Luft!» Leuenberger war ohnehin ungleich pointierter, ihm sah man an, wie er sich ärgerte, während Villiger sich beherrschte. Was Wunder? Für Leuenberger, den Sozialdemokraten, hatten Bankiers noch nie zur umworbenen Klientel gehört, Villiger dagegen sollte später selbst noch Chef der UBS werden. Eine gewisse Zurückhaltung war angebracht.
Vielleicht wusste er insgeheim aber auch, dass es eben nicht allein an Ospel lag. Er selbst hatte sehr lange – zu lange gezögert. Noch ein paar Wochen zuvor war Mario Corti zu ihm in den Bernerhof gekommen, dem Sitz des Finanzdepartements, und hatte ihn, den Parteifreund, bestürmt, der SAirGroup (die inzwischen wieder Swissair hiess), eine Bundesgarantie von einer Milliarde Franken zu gewähren. Wenn wir heute an die rund 30 Milliarden Franken denken, die der Bund für Corona auszugeben gewillt ist, dann wäre das ein Butterbrot gewesen, um die Swissair zu retten – zumal es auch nicht ungewöhnlich gewesen wäre. In Amerika hatte man zur gleichen Zeit so gut wie alle Fluggesellschaften kurzerhand verstaatlicht, nachdem der Flugverkehr infolge der Terroranschläge von 9/11 weltweit kollabiert war. Es war die republikanische Regierung von George W. Bush, die so entschlossen eingegriffen hatte, ordoliberale Bedenken hin oder her. Villiger hätte sich nicht zu schämen brauchen.
Doch Villiger blieb hart. Warum, bleibt sein Geheimnis. Wäre er Corti entgegengekommen – die Swissair hätte mit allergrösster Wahrscheinlichkeit überlebt und es wäre nie zu einem Grounding gekommen. (Ob es die Swissair heute noch gäbe, ist allerdings eine andere Frage.) So gesehen ist es im Nachhinein besser verständlich, dass Villiger sich an jenem 2. Oktober etwas zügelte. Er sass im Glashaus.

Götterdämmerung in den Chefetagen

Dass Leuenberger umso hemmungsloser mit Steinen warf, ist nachvollziehbar, und er hatte ja auch ein wenig recht. Es war eine Zeitenwende: Die schweizerischen Manager – unter ihnen Marcel Ospel – waren in den vorhergehenden Jahren öfter durch Arroganz aufgefallen als durch Kompetenz, wobei gerade Ospel damals (noch) nicht zu jenen gehörte, denen man hätte Versagen vorwerfen müssen. Seine UBS brummte. Noch war die Finanzkrise weit weg, die die Grossbank an den Rand des Bankrotts führen sollte. Dennoch herrschte die Meinung vor: die Wirtschaft kümmerte sich nicht mehr ums Land. Dass die Swissair mit dem Land gleichgesetzt wurde, war historisch bedingt, aber auch eine PR-Leistung des Unternehmens gewesen. Als die Swissair-Flugzeuge am Boden verendeten, glaubten viele Schweizer, es sei nun die Eidgenossenschaft selbst, die ein Grounding erlitten habe.
Zwanzig Jahre später wissen wir es besser. Die Schweiz blüht wie kaum ein anderes Land in der Welt. Wenn wir von Immigranten geradezu gestürmt werden, dann gibt es vielleicht keinen besseren Beleg dafür als dieser Zuzug. Wo immer sie herkommen, die Menschen wollen in diesem Land leben, weil es ihnen in fast keinem anderen so gut geht. Auch die Swissair ist eigentlich wieder da. Vor Corona gehörte die Swiss zu den rentabelsten Töchtern der Lufthansa, und die Anbindung unseres Landes an den Weltverkehr ist so gut und zuverlässig wie nie zuvor. Wir haben die Niederlage sehr gut weggesteckt, ja manche, die das Grounding nicht bewusst erlebt haben, wie etwa meine Kinder, weil sie zu jung waren, wissen gar nicht mehr, worum es ging. Swissair? Es ist ein Name wie Alusuisse oder Escher Wyss: Ein Firmenname, der niemandem mehr etwas sagt.

Das Land, das niemand mag

Was aber ging wirklich unter? Vielleicht eine Illusion. Die Illusion, nie von einer Krise durchgeschüttelt zu werden. Wenn ich an uns Journalisten denke, die wir mit einer gewissen voyeuristischen Lust den Untergang beschrieben, dann beschleicht mich auch der Verdacht, dass wir uns ein wenig danach sehnten. Dieses Land, das nicht in die EU wollte: Sollte es nicht untergehen? Es schwang Selbsthass mit, wenn auch das Wort zu stark wirkt, womöglich trifft es Ressentiment besser: Die alte, bürgerliche Schweiz. Sie lag wie ein toter Wal am Flughafen von Kloten. Nun ging es nur noch darum, ihre Überbleibsel zu zerlegen.
Es kam anders. Wenn die Schweiz uns immer wieder überrascht, dann dadurch: Dass sie nicht totzukriegen ist. Dass sie – selbst, wenn die Welt um uns vor die Hunde ginge –alles überlebt. Wir fallen weich – ohne dass wir uns allzu bewusst sind, warum eigentlich.
Womöglich liegt es daran: Dass wir schon einen verspäteten Zug für eine Katastrophe halten. Das bewahrt uns vor gröberen.

Mehr von diesem Autor

image

Corona: Dieser Bundesrat ändert laufend seine Ziele. Wer kann ihm noch glauben?

Markus Somm16.10.2021comments
image

Morten Hannesbo: «Schon in fünf Jahren werden die Hälfte der Neuwagen elektrisch sein»

Markus Somm21.10.2021comments

Ähnliche Themen

image

Klimaschutz: Lohnt es sich, Veganer zu werden?

Markus O. Häring26.10.2021comments