Somms Memo

Das Gespenst der Inflation geht um. Wer hat das Gespenst eingelassen? Politiker

image 14. Oktober 2022, 10:00
Deutsche Inflation 1923: Geld wird in Wäschekörben transportiert.
Deutsche Inflation 1923: Geld wird in Wäschekörben transportiert.
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Die Fakten: Die Inflation in den USA erreicht 8,2 Prozent, das ist so hoch wie das letzte Mal 1981. In Deutschland steigt sie auf 10 Prozent, ein Wert, wie nie mehr seit 1951.

Warum das wichtig ist: 20 Jahre falsche Politik fordert ihren Preis. Die Geschichte wiederholt sich. Politiker sind die gefährlichsten Menschen.


Als 2008 die Weltwirtschaft infolge der Finanzkrise vor dem Abgrund stand, konnte es nur noch besser werden. Und auf den ersten Blick ging es bald besser:
  • Die Zentralbanken fluteten die Märkte mit frischem Geld, als hätte Dagobert Duck deren Präsidium übernommen. Man schwamm im Geld, niemand dachte ans Ertrinken
  • Die tiefen, besser: negativen Zinsen verleiteten die Bürger zum Ausgeben, sie kauften Ferienhäuser oder einen Tesla, und sie wählten Politiker, die genauso gern Geld ausgaben – für Windräder und Gendertoiletten und Anti-Mohrenkopf-Broschüren
  • die Börse sang, die Politiker jubelten – und die Staaten verschuldeten sich in einem Ausmass, wie man es zu Friedenszeiten eigentlich noch nie gesehen hat

Wie unerwartet, wie mitleidlos der Absturz.
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Nachdem selbst kluge Ökonomen jahrelang behauptet hatten, die lockere Geldpolitik führte nie zu höherer Inflation, womit sie Physikern glichen, die sich plötzlich für klüger als Newton und Einstein hielten – melden die Staaten nun Inflationszahlen, die allesamt historisch wirken:
  • 8,2 Prozent in den USA
  • 10 Prozent in Deutschland
  • 9,9 Prozent in Grossbritannien
  • 14,5 Prozent in den Niederlanden

Dass Argentinien immer noch miserabler abschneidet: 78,5 Prozent – es ist kein Trost.
Don’t Cry for Me, Argentina?
Don’t Cry for Us.
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Zwar weist die Schweiz zur Zeit bloss eine Rate von 3,3 Prozent auf (September 2022) – was mit dem starken Franken zusammenhängt, der die Importe verbilligt – doch auch das ist kein Trost.
Denn wie immer bringt Inflation nicht bloss die Wirtschaft in Schwierigkeiten – das ist furchtbar genug –, sondern die politischen Folgen sind meistens noch furchtbarer.
Inflation ruiniert Gesellschaften, Inflation zerstört ganze Staaten.
Das berühmteste und traurigste Beispiel ist wohl Deutschland und die Inflation von 1923.
  • Im Juli 1914, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, lag der Wechselkurs der deutschen Mark gegenüber dem amerikanischen Dollar bei 4,20
  • Im Januar 1920, ein Jahr nach dem Krieg, den Deutschland verloren hatte, entsprach ein Dollar bereits 42 Mark
  • Am 9. November 1923 erhielt man für einen Dollar 628’500’000’000 Mark oder anders ausgedrückt: 628,5 Milliarden Mark

Von einer solchen Geldentwertung befinden wir uns natürlich noch Lichtjahre entfernt – und niemand muss sich fürchten, dass wir in den USA oder in Deutschland einen Hitler zu erwarten haben. Niemand profitierte politisch mehr von der deutschen Hyperinflation als Hitler, der grösste Verbrecher der Weltgeschichte. Die deutsche Hyperinflation
  • ruinierte das deutsche Bürgertum
  • sie stürzte die einfachen Deutschen ins Elend
  • Und hinterliess bei allen Deutschen das fatale Gefühl, ihre Welt sei aus den Fugen geraten, ihr Staat, die demokratische Weimarer Republik, tauge nichts, und deren Politiker seien Versager – oder Verbrecher
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Tatsächlich trugen Politiker die Verantwortung für die deutsche Inflation. Wenn aber die Geschichte manchmal ungerecht ist, dann in diesem Fall: Es waren nicht die Politiker der Weimarer Republik an erster Stelle gewesen, die die deutsche Währung zunichte gemacht hatten, sondern die alten Eliten des Kaiserreichs hatten damit begonnen, sie waren die Versager, wenn nicht Verbrecher
  • Als sie, allesamt hochqualifiziert und aus besten Familien stammend, elegant und dumm zugleich, ihr Land in den Ersten Weltkrieg führten
  • Um diesen bald teuersten Krieg der bisherigen Geschichte zu finanzieren, lösten sie zuerst die Mark vom Gold, dann druckten sie Geld und häuften Schulden an, in der Hoffnung, nach dem Sieg würden die Besiegten die Rechnung begleichen
  • Am Ende des Krieges sassen die Deutschen auf einem Schuldenberg von 150 Milliarden Mark, man hatte die Staatsschulden im Vergleich zu 1914 um den Faktor 30 vervielfacht. Allein um die Zinsen zu zahlen, musste im letzten Kriegsjahr 90 Prozent des gesamten Reichshaushaltes eingesetzt werden

Die Folgen kann man in den Jahren 1933 bis 1945 besichtigen. Eine falsche Politik im Jahr 1914 führte dazu, dass 1933 ein Diktator und seine Partei an die Macht gelangten, die nicht bloss eine falsche Politik machten, sondern eine Politik der Monster für Monster.
Falsche Politik? Davon haben wir in den vergangenen zwanzig Jahren auch genug abbekommen. Gewiss, ich betone es, kein «Drittes Reich» steht am Horizont.
Dennoch eine kurze Bilanz des Grauens:
  • Die deutsche Energiewende: astronomische Kosten, astronomische Verschuldung, ohne irgendein Ziel in der Milchstrasse zu erreichen, dafür nahm Angela Merkel, die am meisten überschätzte Politikerin der Gegenwart, in Kauf, dass ihr Land sich Russlands Gas auslieferte
  • Der Ukraine-Krieg, der nun eine Ursache für die hohen Energiepreise (und damit der Inflation) darstellt, wäre womöglich nie ausgebrochen, hätte sich der russische Präsident Wladimir Putin nicht so sicher gefühlt. Er neigte zu Übermut und Imperialismus, weil er meinte, Europa schätzte sein Gas mehr als eine unabhängige Ukraine
  • Corona: Wie wir heute wissen, haben die meisten Regierungen überreagiert, als sie das Virus für eine neue Pestilenz hielten und die chinesische Lockdown-Politik in den Westen importierten. Diese Politik hat vor allem Schulden hinterlassen, und die Weltwirtschaft zerrüttet. Eine effektivere und deshalb preisgünstigere Bekämpfung wäre möglich gewesen, die Schweiz gehört zu den Vorbildern
  • Der Euro: Eine Ruine, bevor sie fertiggestellt war, gebaut von Politikern, die glaubten, ohne Architekten, Bauingenieure und Maurer auszukommen. Statt jene Länder aus der Euro-Zone zu entlassen, die mit dem Euro nicht zurechtkamen, warf die EZB stattdessen die (virtuelle) Notenpresse an. Schulden über Schulden, und infolgedessen sieht sich die EZB ausserstande, die Zinsen kräftig zu erhöhen, was nötig wäre, um die Inflation in Europa einzudämmen

Wer solche Politiker hat, braucht keine Diktatoren. Es geht ihm schlecht genug.
Mit Blick auf die Inflation sagte Ronald Reagan, der grosse amerikanische Präsident:
«Die Inflation ist so gewalttätig wie ein Räuber, so beängstigend wie ein bewaffneter Räuber und so tödlich wie ein Auftragskiller
Und meistens sind es Politiker, die den Auftrag erteilt haben.

Ich wünsche Ihnen ein frohes Wochenende Markus Somm

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