Das Einfamilienhaus als ultimative Glücksquelle: Warum tun sich Menschen das bloss an?

Das Einfamilienhaus als ultimative Glücksquelle: Warum tun sich Menschen das bloss an?

Im Allgemeinen wird das Glück des Eigenheims überschätzt und andererseits die Last des Pendelns unterschätzt.

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von Mathias Binswanger am 2.11.2021, 13:30 Uhr
Wichtig oder spiessig? Einfamilienhaussiedlung in Ardon, Kanton Wallis. Foto: Keystone
Wichtig oder spiessig? Einfamilienhaussiedlung in Ardon, Kanton Wallis. Foto: Keystone
Menschen lassen im allgemeinen keine Gelegenheit aus, so weit weg als nur irgend möglich von ihrem Arbeitsplatz zu wohnen. Jedes Mal, wenn der öffentliche Verkehr oder das Strassennetz ausgebaut wird, setzt ein neuer Exodus in noch weiter entlegene Gegenden eines Landes ein, wo Einfamilienhäuser wie Pilze aus dem Boden schiessen.
Je besser ausgebaut die Verkehrsmittel sind und je schneller man sich fortbewegen kann, umso länger werden die Arbeitswege und umso mehr Leute sind demzufolge täglich unterwegs und sorgen so während der Rush-Hour für Verkehrsstaus und überfüllte öffentliche Verkehrsmittel. Die Folge davon ist, dass nicht weniger, sondern mehr Zeit für das Pendeln aufgewendet werden muss. In der Schweiz benötigten Arbeitspendler für einen Arbeitsweg im Jahr 2000 im landesweiten Durchschnitt noch 23 Minuten, im Jahr 2011 waren es bereits 30 Minuten.

Pendeln ins Glück? Naja...

Ein unbefangener ausserirdischer Beobachter, der das erste Mal unseren Planeten besucht, müsste wohl schliessen, dass Pendeln den Erdenbewohnern grossen Spass macht und sie deshalb stets nach neuen Möglichkeiten suchen, ihre Pendlerwege zu verlängern. Aus mehreren Untersuchungen wissen wir aber, dass das morgendliche Pendeln zur Arbeit, die Zeit am Tage ist, während der die Menschen am wenigsten glücklich sind. Und Untersuchungen zeigen auch, dass die arbeitende Bevölkerung eines Landes umso zufriedener mit dem Leben ist, je weniger Zeit sie für das Pendeln aufwendet.
Wie kommt es zu dem Paradox, dass Menschen genau die Tätigkeit noch ausbauen, die sie am wenigsten glücklich macht? Was treibt Menschen dazu an, möglichst viel Tageszeit fahrend zu verbringen, obwohl sie niemand dazu zwingt und es ihnen auch nicht guttut?

Der Erwerb als Höhepunkt

Grund ist oft der Wunsch nach einem Eigenheim oder einer attraktiven Eigentumswohnung in toller Lage. Nach wie vor stellt der Erwerb entsprechender Immobilien in der Biographie vieler Menschen den absoluten Höhepunkt da. Nichts scheint einem das Paradies auf Erden näher zu bringen und demzufolge muss das Einfamilienhaus auch als Projektionsfläche für alle möglichen Lebensträume herhalten. Mit dem Erwerb eines Eigenheims, so stellt man sich vor, ist ein unabhängigeres selbständigeres Leben verbunden, bei dem man sein eigener Herr und Meister ist.
Endlich kann man so leben, wie man will und wie man es gemäss eigener Einschätzung auch verdient hat: Entspannen auf der neuen Le Corbusier-Liege im 80 Quadratmeter grossen Wohnzimmer, Grillpartys mit Freunden im grossen Garten, endlich wieder Zeit für Klavierspielen im neuen Musikzimmer, Baden nach Lust und Laune mit der ganzen Familie im neuen Swimming-Pool im Garten, tägliches Trainieren des Körpers im neuen eingerichteten Fitness-Raum im Keller, und noch intensivere Hör- und Seherlebnisse auf dem Grossbildschirm der zum Multi-Media Center gewordenen ehemaligen Fernsehecke.

Rostige Le-Corbusier-Liegen

Zehn Jahre später ist von diesen Träumen dann oftmals nur der letzte geblieben. Tatsächlich wird der neue Grossbildschirm intensiv genutzt, denn nach wie vor bietet keine andere Tätigkeit mehr Unterhaltung für wenig Aufwand als Fernsehen. Fitnessgeräte und Le-Corbusier-Liege rosten hingegen still und leise vor sich hin, da der fetter gewordene Körper sich auf der Couch vor dem Multi-Media-Center einfach wohler fühlt als auf von Fitnessexperten und Architekten ersonnenen Folterinstrumenten.
Das Klavier ist zu einem zweckfreien, rein dekorativen Einrichtungsgegenstand geworden und eine Grill-Party findet, wenn überhaupt, noch einmal im Jahr statt. Das schon seit Jahren nicht mehr benutzte Swimming Pool ist zu einem Tummelplatz für Frösche und Mölche geworden, und der Garten, einst eine Quelle der Freude, ist schon lange eine Belastung. Und natürlich ist auch das tägliche Pendeln zur Arbeit geblieben, welches jeden Morgen erneut für Stress und Unzufriedenheit sorgt.
Im Allgemeinen wird das Glück des Eigenheims überschätzt und andererseits die Last des Pendelns unterschätzt. Dies führt dazu, dass wir zunehmend zu gestressten Pendlergesellschaften werden, in denen die Menschen trotz stets steigendem Wohnkomfort nicht glücklicher werden. Überlegen Sie sich genau, ob ein Eigenheim im Grünen tatsächlich eine Glücksquelle oder nicht vielmehr eine Glücksfalle ist.

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