Das Comeback der Kohle

Das Comeback der Kohle

Die weltweite Nachfrage nach Strom wird sich bis 2050 voraussichtlich verdoppeln. Um den Bedarf zu decken, sind weit mehr als tausend Kohlekraftwerke im Bau oder in Planung. Ihr Ausstoss an Klimagasen wird enorm sein. Vor der Klimakonferenz in Glasgow rücken die globalen CO₂-Ziele in weite Ferne.

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von Alex Reichmuth am 5.10.2021, 07:00 Uhr
Chinesisches Kohlekraftwerk im Bau. Bild:  Keystone
Chinesisches Kohlekraftwerk im Bau. Bild: Keystone
Ist ein Kohlekraftwerk erst einmal am Netz, bleibt es das meist für vierzig, fünfzig oder mehr Jahre. Geht ein solches Kraftwerk also heute in Betrieb, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch noch nach dem Jahr 2050 Strom erzeugen – zu einem Zeitpunkt, an dem die Welt den CO₂-Ausstoss längst auf null gesenkt haben muss, wenn sie die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen will.
Und es sind viele Kohlekraftwerke, die nächstens in Betrieb gehen. Gemäss der britischen Denkfabrik Carbon Tracker sind weltweit über 600 Werke im Bau – mit einer totalen Leistung von rund 300 Gigawatt, was etwa der Stromerzeugung von Japan entspricht. Dabei kommen 368 Kohlekraftwerke in China zu stehen, 107 in Indonesien, 92 in Indien, 41 in Vietnam und 14 in Japan. Zählt man die fest geplanten Kohlekraftwerke dazu, kommt man sogar auf 1380 Werke.

Asien ist mit grossem Abstand an der Spitze

Offensichtlich findet der Kohleboom überwiegend in Asien statt. Schon jetzt ist Asien für den weitaus grössten Teil der Kohleproduktion und des Kohleverbrauchs verantwortlich, wie der «Statistical Review of World Energy 2021» des Energiekonzerns BP zeigt (siehe hier). In den letzten zehn Jahren war der weltweite Kohleverbrauch etwa konstant – wobei er in Europa und Nordamerika abgenommen, in Asien aber zugenommen hat.

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Kohleproduktion und -konsum von 1995 bis 2020. Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2021

Für die nächsten Jahren ist zu erwarten, dass der Kohleverbrauch wieder nach oben geht. Zum einen erholt sich die Welt vom wirtschaftlichen Rückschlag durch die Pandemie. So rechnet der Internationale Währungsfonds für dieses Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 6 Prozent. Zum anderen ist langfristig mit einem höheren Stromkonsum zu rechnen, weil viele Schwellen- und Entwicklungsländer zu wirtschaftlichen Höhenflügen ansetzen. Gemäss dem Beratungsunternehmen McKinsey wird sich die Nachfrage nach Strom darum bis 2050 verdoppeln.

Kohle ist besonders klimaschädlich

Kohle ist diejenige Energieform, bei der am meisten Kohlendioxid pro Kilowattstunde anfällt. Der Ausstoss ist rund doppelt so hoch wie bei Erdgas. Heute hat Kohle einen Anteil an der Weltenergieversorgung von 27 Prozent. Bei der Stromerzeugung liegt der Anteil sogar bei 36,5 Prozent. Wegen der hohen CO₂-Intensität trägt die Kohle satte 40 Prozent zum Ausstoss aller fossilen Energieträger bei.

Eine Studie rechnete 2019 vor, dass bereits die existierenden Kohlekraftwerke mehr CO₂ ausstossen werden, als zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels noch erlaubt ist.


Wenn die Welt also ihre Klimaziele erreichen will, muss sie den Einsatz von Kohle möglichst rasch verringern. Doch die Aussichten dafür sind schlecht. Eine Studie im Fachjournal «Nature» rechnete 2019 vor, dass die existierenden Kohlekraftwerke mehr CO₂ ausstossen werden, als zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels noch erlaubt ist (siehe hier). Und da sind die über tausend Werke im Bau oder in Planung noch nicht berücksichtigt.

China nimmt alte Kohleminen wieder in Betrieb

Hauptsünder ist China. Das Land verfeuert mehr Steinkohle als alle anderen Länder der Welt zusammen. Schon 2020 hat China 38 Gigawatt an neuen Kapazitäten aufgebaut, was mehr ist als die gesamte Flotte an Kohlekraftwerken in Deutschland.
Und der Hunger nach Kohle ist noch längst nicht gestillt: Derzeit muss China zeitweise den Strom rationieren – auch deshalb, weil die Kohle in den Kraftwerken knapp geworden ist. Um den Nachschub sicherzustellen, öffnet China 53 Kohleminen, die eigentlich stillgelegt worden sind. «Weil erneuerbare Energie wie Wind- und Sonnenkraft sehr wechselhaft und unstabil sind, müssen wir uns auf stabile Stromquellen abstützen», sagte Su Wei, stellvertretender Generalsekretär der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission. «Wir haben keine andere Wahl.»

Indien geht die Kohle aus

In Indien, wo jeder fünfte Weltbürger lebt, ereignet sich Ähnliches. Weil der Energiekonsum in diesem Jahr stark gestiegen ist und die Kohlepreise Höchstwerte erreicht haben, droht vielen Kraftwerken die Kohle auszugehen. Wie die indische Central Electricity Authority im September meldete, war das bei mindestens sechs Werken bereits der Fall, während für mehr als die Hälfte der 135 Kraftwerke die Kohlevorräte für weniger als eine Woche reichten. Die Regierung unternimmt nun alles, um mehr Kohle zu importieren.

Heute leben in Afrika 1,2 Milliarden Menschen, von denen 500 Millionen noch keinen Stromanschluss haben.


Auch Afrika wird wohl bald zu den Grosskonsumenten von Kohle gehören. Heute leben auf dem schwarzen Kontinent 1,2 Milliarden Menschen, von denen 500 Millionen keinen Stromanschluss haben. Der einsetzende Wirtschaftsaufschwung könnte das ändern. Bis 2050 wird sich die afrikanische Bevölkerung voraussichtlich auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln.

Viertgrösstes Kohlekraftwerk in Südafrika eröffnet

In Südafrika beispielsweise ist eben das viertgrösste Kohlekraftwerk der Welt in Betrieb gegangen – mit einer Leistung von 4,7 Gigawatt, was mehr als der vierfachen Leistung des AKW Gösgen entspricht. Geplante Laufzeit: 50 Jahre. Weitere 20 Kraftwerke sind in Bau oder Planung, mit einer Gesamtleistung von 47 Gigawatt.
Auch in der entwickelten Welt gerät die angestrebte Abkehr vom Kohlestrom ins Stocken. In den USA ist ein Comeback der Kohleförderung zu verzeichnen – trotz der Absichtserklärungen von Präsident Joe Biden, die Energiebranche bis 2035 CO₂-neutral zu gestalten. «Es wirkt paradox», schrieb die deutsche Zeitung «Welt», «Just in dem Moment, in dem sich Amerika von fossilen Brennstoffen abwendet, boomt die Kohle.»

Australien setzt weiter auf Kohleabbau

In Australien wiederum hält man sowieso nicht viel von Klimaschutz. Das Land ist einer der grössten Kohleexporteure der Welt – und will das bleiben. Vor kurzem hat Premierminister Scott Morrison bekanntgegeben, dass Australien weiter auf Kohleabbau setzt. Es braucht also viel Optimismus anzunehmen, dass die Welt ihre Klimaziele beim CO₂-Ausstoss noch erreicht.

China hat angekündigt, künftig darauf zu verzichten, neue Kohlekraftwerke im Ausland zu finanzieren und zu bauen.


Vor einigen Tagen hat allerdings Chinas Präsident Xi Jinping angekündigt, dass sein Land darauf verzichten wolle, neue Kohlekraftwerke im Ausland zu finanzieren und zu bauen. Das ist bedeutend, denn gemäss einem Bericht der Internationalen Energieagentur steht China hinter der Errichtung von 70 Prozent aller Kohlekraftwerke im In- und Ausland. China wolle sich stattdessen verstärkt für erneuerbare Energien engagieren, versprach Xi.

Der Klimaschutz kann warten

Dass das Comeback der Kohle ins Stocken gerät, ist dennoch nicht zu erwarten. Energiehungrige Staaten werden sich den Support für den Bau von Kohlekraftwerken anderswo holen, falls China ausfällt. «Stehen Länder vor der Wahl, entweder nicht genug Strom zu haben oder Kohle zu nutzen, werden sie sich für Kohle entscheiden», sagte Kathryn Porter, Gründerin der britischen Energieberatungsfirma Watt-Logic, gegenüber der «Welt». Der Klimaschutz kann warten.

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