Das bemerkenswerte Nein der Kirche zu den Agrarinitiativen

Das bemerkenswerte Nein der Kirche zu den Agrarinitiativen

Die EKS billigt der Trinkwasser- und der Pestizidinitiative zwar zu, in die richtige Richtung zu gehen. Sachlich, handwerklich und wegen ihrer Nebenwirkungen mögen die Agrarinitiativen aber der reformierten Kritik nicht standzuhalten.

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von Martin Breitenstein am 11.5.2021, 12:05 Uhr
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Bei der Konzernverantwortungsinitiative waren die politischen Statements der Landeskirchen hoch umstritten. Auch innerhalb der Kirchen fühlten sich Mitglieder von den apodiktischen Verlautbarungen der Weltenretter überfahren. Entsprechend sorgsam hat sich die EKS, die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz, den Umweltvorlagen angenähert, die am 13. Juni an die Urne kommen.

Calvin und Zwingli

Als Unikum im Zeitalter des Twitter-Maschinengewehrs reflektiert ein «Diskussionspapier» auf vollen zehn Seiten das CO2-Gesetz, die Trinkwasser- und die Pestizidinitiative. Unter dem geradezu tiefenentspannten Titel «zwischen Handeln und Gelassenheit» wölbt das Papier den Auslegungsbogen aus biblisch-theologischer Sicht über Genesis, Calvin und Zwingli in die heutige Zeit. Das ist zwar ungewöhnlich für politische Abstimmungsvorlagen, aber ein wohltuender Kontrast, wenn man sich darauf einlassen will; lesen Sie hier selbst: «10 Fragen - 10 Antworten».
Wenig überraschend ist, dass das CO2-Gesetz Zustimmung findet, wenn auch mit Kritik an den vorgesehenen Kompensationen als ein «Sich-Freikaufen». Um so bemerkenswerter ist, wie skeptisch das Papier der reformierten Kirche die beiden Agrarinitiativen begutachtet. Den Initiativen wird zwar zugestanden, in die richtige Richtung zu gehen. Sie werden aber als problembehaftet eingestuft: sachlich, handwerklich und wegen ihrer indirekten Wirkungen. Obschon es um Themen gehe, bei denen das Konsumverhalten eine grosse Rolle spiele, würden die Initiativen allein bei der Produktion ansetzen.

Grenzenlose Konsumenten

Bei der Trinkwasserinitiative stört sich die EKS daran, dass der Hebel allein bei Direktzahlungen für die Landwirtschaft angesetzt wird. Die Bauern würden brüskiert in ihrer beruflichen Kompetenz, in ihrer Planungssicherheit und in ihrem Anspruch auf den Erhalt der ohnehin stark eingeschränkten Gestaltungsspielräume: «Frei von jeder Einschränkung bedienen sich derweil Konsumentinnen und Konsumenten beim Discounter jenseits der Grenze». Eine kirchliche Stimme müsse in erster Linie den Menschen zuhören und die Menschen im Auge behalten und könne nicht bloss auf die Modellierung von Agrarwirtschaft und Umwelt schauen.
Noch deutlichere Worte findet das EKS-Papier zur Pestizidinitiative: «Die pauschale Gleichsetzung von natürlich und gesund, synthetisch und giftig lässt sich risiko-theoretisch und ethisch nicht halten. ‘natürliche’ Pestizide sind nicht risikofrei, als gebe es bei ihnen kein wo, wie und wieviel». Anstatt pauschale Verbote zu verhängen, propagiert die EKS die Förderung der Biodiversität trotz der im Parlament gescheiterten Agrarpolitik AP 22+ und vor allem die ökologische Aus- und Weiterbildung in der Landwirtschaft.

Nein gemeint

Rein formal fasste die EKS keine Parole zu den beiden Agrarvorlagen. Doch das ist nicht von grossem Belang. So wie heute die Notenbankchefs mit kryptischen Äusserungen die Märkte führen, so ist die Kirche seit Jahrhunderten darin geübt, mit der Kunst der Andeutung die Meinungen zu lenken. Die Lektüre des mitunter wolkigen EKS-Papiers führt die geneigte Leserin und den geneigten Leser unweigerlich zum Schluss, dass die beiden Agrarinitiativen zu unausgegoren und unausgewogen sind, als dass man ihnen zustimmen könnte. In der weltlichen Subsumtion führt das zu einem klaren Nein bei der Abstimmungsfrage.

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