Daniel Wermelinger: Dem VAR den Stecker ziehen

Daniel Wermelinger: Dem VAR den Stecker ziehen

Wenn die Welt gerecht wäre, gäbe es kein Leid in ihr, keinen Hass, keine Kriege, keine Unterdrückung, und zum Frühstück gäbe es für alle Milch und Honig.

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von Ralph Weibel am 10.11.2021, 08:00 Uhr
Cartoon: Michael Streun
Cartoon: Michael Streun
Doch schon Wolfgang Johann von Goethe wusste: «Die Welt ist voll Torheit, Dumpfheit, Inkonsequenz und Ungerechtigkeit; es gehört viel Mut dazu, diesen nicht das Feld zu räumen und sich beiseite zu begeben.» Dies hat sich auch der Daniel Wermelinger auf die Fahne geschrieben. Als Chef der Schweizer Spitzenschiedsrichter im Fussball ist er Gralshüter über Fouls, Offsides und Schwalben.
Seit drei Jahren können seine Mannen, und eine Frau, im Kampf um mehr Gerechtigkeit, auf die Hilfe des Video Assistant Referee (VAR) zurückgreifen. Trotzdem gab es in jüngerer Vergangenheit eklatante Fehlentscheidungen, als grobes Foul an der Gerechtigkeit. Folglich gibt es diese nicht. Eigentlich müsste Daniel Wermelinger das wissen. Im richtigen Leben ist er Finanzfachmann des Kantons Aargau. Als solcher sieht er täglich, wie kläglich Reichtum und Steuern verteilt sind.

Ohrfeige

So sind beispielsweise in den vergangenen 25 Jahren die obersten Löhne um fast 50 Prozent gestiegen, während die Tieflöhne stagnieren. Gleich verhält es sich mit den Steuern. Die Steuerbelastung bei Einkommen unter 100'000 Franken ist prozentual in etwa gleich geblieben. Für Einkommen über einer Million ist sie um mehrere Prozente gesunken.
Eigentlich müsste hier zwingend der VAR einschreiten. Macht er aber nicht. Muss er auch nicht, weil wir davon überzeugt sind, alles möge seine Richtigkeit haben, so wie es ist. So zumindest lässt sich die schallende Ohrfeige für die 99-Prozent-Initiative im vergangenen September an der Urne interpretieren. Zwar treibt uns, wie Daniel Wermelinger, der Wunsch nach Fehlerlosigkeit um, aber wir müssen einsehen: Es gibt sie nicht.

Chinesisches Vorbild

Aber zurück zum VAR. Im Wissen, dass er keine absolute Gerechtigkeit bringt, bleibt nur die Illusion davon. Womit wir im richtigen Leben an­gekommen wären. Vernünftigerweise müsste man vor diesem Hintergrund dem VAR den Stecker ziehen. Zumindest aus sportlicher Sicht. Man stelle sich vor, wie es früher war, als im Stadion keine Pfeiffer auf dem Platz umhergingen und mit den Fingern einen 16:9-Rahmen in die Luft zeichneten.
Nachdem die millionenteuren Video-Augen aber nun mal in den Stadien sind, stellt sich die Frage, ob man sie nicht besser nutzen könnte. Orientieren könnten wir uns dabei an den Chinesen, die ihr Volk auf Schritt und Tritt überwachen.
Anstelle von Offsides oder Fouls auf dem Platz könnte der VAR die Vergehen neben dem Platz ins Visier nehmen. Beispielsweise liesse sich damit problemlos ein Zürcher Fan identifizieren, der sich in den Fanblock der St. Galler geschlichen hat. Klar zu erkennen am Senf auf seiner Bratwurst. Und wenn wir schon bei den Zürcher Fans sind, von denen sich eine Hundertschaft den Stadionbesuch gerne mit dem Abfackeln von Feuerwerkskörpern und dem gegnerischen Fanblock versüsst, liessen sich deren Vergehen gegen das Vermummungsverbot dokumentieren.

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