Cyber-Sexualdelikte: Wenn Kinder vor laufender Kamera missbraucht werden

Cyber-Sexualdelikte: Wenn Kinder vor laufender Kamera missbraucht werden

Das Internet bietet Pädokriminellen neue Möglichkeiten zum sexuellen Missbrauch. Auch in der Schweiz nimmt dieses Phänomen zu. Die Täter halten sich oft im Ausland auf.

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von Nicole Ruggle am 3.10.2021, 15:00 Uhr
Pädokriminelle operieren oft aus dem Ausland. Der Bund soll nun wirksamere Methoden zum Schutz Minderjähriger prüfen. (Foto: Keystone)
Pädokriminelle operieren oft aus dem Ausland. Der Bund soll nun wirksamere Methoden zum Schutz Minderjähriger prüfen. (Foto: Keystone)
Die Zahlen zu pädosexuellen Straftaten im Internet seien auf einem Allzeithoch, stellt Mitte-Nationalrat Fabio Regazzi (TI) in einem Postulat an den Bundesrat fest.

«Laut Schätzungen des FBI und der UNO sind weltweit zu jedem Zeitpunkt etwa 750’000 Täter und Täterinnen online auf der Suche nach minderjährigen Opfern.»

Mitte-Nationalrat Fabio Regazzi
Die Täter würden sich über ein geringes Entgelt eine Live-Zuschaltung bei einem sexuellen Missbrauch eines Kindes in der realen Welt erkaufen. Regazzi empfindet dieses Phänomen als besonders besorgniserregend. Er fordert den Bundesrat auf zu prüfen, wie im Bereich Kindesmissbrauch und Cyberkriminalität die Massnahmen zur Prävention wirksamer gestaltet werden können. Im September 2021 nahm der Nationalrat das Postulat an.
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Fabio Regazzi (Foto:zvg)

Mädchen zwischen zehn und vierzehn Jahren leiden am meisten

Auch in der Schweiz nimmt dieses Phänomen zu. 2021 weist die Polizeiliche Kriminalstatistik erstmals die «Cyber-Sexualdelikte» im Bereich der digitalen Kriminalität aus. Diese umfassen die vier Tatvorgehen «Sextortion» (Erpressung des Opfers durch Nacktfotos), «Cybergrooming» (gezieltes Anwerben von Kindern und Jugendlichen für sexuelle Handlungen), «Live-Streaming» (Missbrauch des Opfers vor der Webcam in Echtzeit) sowie «Verbotene Pornographie». Laut Fedpol handelt es sich bei verbotener Pornographie um Darstellungen, die sexuelle Handlungen mit Kindern, Tieren oder Gewaltanwendung zum Inhalt haben.
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(Quelle Zahlen: Bundesamt für Statistik)
Am häufigsten betroffen von diesen «Cyber-Sexualdelikten» sind Kinder zwischen zehn und vierzehn Jahren, wobei knapp 80 Prozent aller Opfer weiblich sind. Insgesamt wurden für letztes Jahr 2612 solcher Delikte verzeichnet.

Die Täter sitzen oft im Ausland

Wer sind die Täter? Laut Bundesamt für Statistik waren 2020 knapp 90 Prozent aller Beschuldigten männlich. Auffällig ist dabei, dass die meisten zwischen 15 und 17 Jahre alt sind, gefolgt von der Gruppe der zehn bis 14-Jährigen. Diese Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu geniessen.
Denn auch Alt-Nationalrätin Rosmarie Quadranti (BDP, ZH) reichte 2019 eine Interpellation zur Bekämpfung pädosexueller Kriminalität im Internet ein. In seiner Antwort weist der Bundesrat auf die Schwierigkeit hin, Täter tatsächlich zu ermitteln. Diese operierten oft aus dem Ausland, Tatmittel und Beweise würden nicht selten von ausländischen Providern stammen. Auch viele Opfer würden sich im Ausland aufhalten. Dies erschwere die Ermittlungsarbeit der Strafverfolgungsbehörden.

«Digital begangene Delikte haben fast immer einen Auslandsbezug.»

Stellungnahme des Bundesrates

Lockvögel-Methoden

Dieses Problem griff auch Regazzi in seinem Postulat auf: «Die Täter wissen sich sicher, denn der Verfolgung dieser grausamen Straftaten sind enge Grenzen gesetzt.» Deshalb schlägt er vor, dass die Schweizer Strafverfolgungsbehörden mit virtuellen Lockvögeln arbeiten sollen, wie es zum Beispiel in den Niederlanden der Fall ist. Dort habe man mit dieser Methode innerhalb von zehn Wochen über 1000 Verdächtige aus der ganzen Welt identifiziert.
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Der virtuelle Lockvogel «Sweetie» wurde einem 10-jährigen philippinischen Mädchen nachempfunden und kommunizierte via Webcam mit Pädokriminellen. Den Behörden gingen dadurch hunderte Verdächtige ins Netz. (Bild: Keystone)
Auch in der Schweiz wird verdeckt ermittelt. Seit Anfang 2021 ist die Bekämpfung der Cyber-Pädokriminalität neu Sache der Kantone, nachdem das Fedpol (Bundesamt für Polizei) die Verantwortung dafür abgetreten hat. Die Kantone sind dann auch nicht untätig, wie eine Reportage des «SRF» zeigt: Fahnder der Schweizer Polizei geben sich im Internet als Minderjährige aus, um Pädokriminelle in der realen Welt zu überführen. Aber nicht immer klappt das wie geplant. Vor allem wenn der Täter – wie so oft – im Ausland sitzt, haben die Opfer das Nachsehen.

«Geldstrafen genügen für diese Taten nicht»

Dieser Problematik ist sich auch Regazzi bewusst. Der Advokat habe, wie er auf Anfrage sagt, das Glück, dass er solche Vorfälle persönlich noch nie aus nächster Nähe erlebt habe. «Die Motivation zur Bekämpfung dieser abscheulichen Vorfälle muss meines Erachtens jedoch nicht unbedingt in der unmittelbaren Erfahrung liegen, sondern es ist die Pflicht eines jeden Bürgers, derartige Handlungen und Missbräuche zu verurteilen und die notwendigen Massnahmen zu ergreifen, damit kein Kind jemals wieder darunter leiden muss.»
So befürwortet er auch die Bestrebung, im Rahmen der Sexualstrafrechtsrevision «Grooming» als Straftatbestand zu definieren. Es sei für die sexuelle Integrität von Kindern und Jugendlichen sehr wichtig, dass Verhaltensweisen der Täterschaft im Vorfeld eines Treffens bereits für strafbar erklärt werden. Beim «Live-Streaming» komme hinzu, dass sowohl die Tatperson, die das Kind real missbrauche, wie auch die zuschauende Person bestraft werden müsse.

«Für das ‹Live-Streaming› gilt es zu betonen, dass ein sexueller Missbrauch via Webcam genau gleich behandelt werden muss wie eine sexuelle Handlung mit einem Kind offline.»

Mitte-Nationalrat Fabio Regazzi
Die aktuell geforderten Freiheitsstrafen für «Sexuelle Handlungen mit Kindern» und «Pornografie» seien jedoch nicht ausreichend, hält der Tessiner Anwalt fest. «Eine Strafandrohung von einem bis maximal fünf Jahren oder Geldstrafe genügt nicht in Anbetracht dessen, dass es sich um reale sexuelle Gewalt an Kindern handelt. Der Strafrahmen bei ‹‘Sexuellen Handlungen mit Kindern›’ und bei ‹‘Pornografie›’ muss auf eine Höchststrafe von zehn Jahren Freiheitsstrafe erhöht werden .»
Geldstrafen für diese Taten lehnt der Mitte-Nationalrat klar ab, diese seien unangemessen. Die Strafe habe als unbedingte Freiheitsstrafe zu erfolgen. Wie lange ein Täter effektiv in eine Strafvollzugsanstalt müsse, habe das Gericht anhand der geltenden gesetzlichen Grundlagen zu entscheiden.
Allerdings enden die Sanktionen für Täter bis dato in den wenigsten Fällen hinter den Mauern einer Strafvollzugsanstalt, wie Recherchen des «Nebelspalters» zeigen. Bei gerade einmal knapp 15 Prozent aller Kinderschänder wurde in den letzten fünf Jahren eine unbedingte Freiheitsstrafe ausgesprochen; die Hälfte kam mit einer blossen Geldbusse davon.

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Nicole RuggleHeute, 12:30comments

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