Covid-Patienten in Spitälern. Keine Angaben, keine Zahlen – keine Ahnung?

Covid-Patienten in Spitälern. Keine Angaben, keine Zahlen – keine Ahnung?

Wie viele Personen werden erst im Spital positiv getestet? Wie viele Menschen infizieren sich direkt im Spital? In der Schweiz sind die Kliniken ahnungslos – oder sie verweigern die Herausgabe der Daten.

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von Serkan Abrecht am 4.8.2021, 04:00 Uhr
Wer steckt sich wo an? Ungewissheit in der Schweiz. (Bild:Shutterstock)
Wer steckt sich wo an? Ungewissheit in der Schweiz. (Bild:Shutterstock)
Neue Daten des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes, dem National Health Service (NHS), verunsichern die Einwohner auf der Insel. Eigentlich unter Verschluss gehalten, dann trotzdem an die Öffentlichkeit durchgesickert, zeigt ein Bericht des NHS, dass sich 56 Prozent der wegen Covid hospitalisierten Personen aufgrund anderen Leiden in ein Spital einliefern liessen. Eine Infektion wurde erst durch die Standard-Tests im Spital nachgewiesen. «Die überwiegende Mehrheit der Covid-Fälle im Krankenhaus wird erst nach der Einweisung diagnostiziert, in einigen Fällen erst Wochen später», schreibt der britische «Telegraph».
Trotzdem fallen diese Personen im nationalen Covid-Monitoring in die Kategorie «Hospitalisierte». Die nationalen Covid-Zahlen zu den «wegen Covid hospitalisierten Personen» sind auf der Insel nicht schlüssig, da sie ungenau sind. Es ist von weniger Covid-Patienten auszugehen als eigentlich angegeben. Der Verdacht kommt auf, dass dies kein britisches Phänomen ist.

«Wir führen keine Statisitk»

Nur: In der Schweiz hat kaum jemand konkrete Zahlen dazu. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erhebt keine Zahlen und verweist an die Spitäler. Der «Nebelspalter» hat eine Umfrage an folgende Spitäler versendet: Triemli Zürich, Universitätsspital Zürich, Universitätsspital Basel, Kantonsspital St.Gallen, die Insel-Gruppe in Bern und an das Kantonsspital Luzern. Letzteres hat die Anfrage nicht beantwortet.
Die meisten Spitäler erheben keine Zahlen zu Personen, die sich wegen Leiden, die nicht Covid-spezifisch sind, eingeliefert haben – und danach positiv getestet wurden. Die Insel-Gruppe beispielsweise schreibt: «Spitaleintritte ohne Covid-Symptome werden in der Insel-Gruppe nicht systematisch auf SARS-CoV-2 getestet. Gewisse Spitäler haben in der Vergangenheit alle stationär eintretenden Patienten gescreent, ein Teil macht dies immer noch so.»

Zürcher Verweigerung

Das Triemli schreibt: «Dazu führen wir keine Statistik, es dürfte sich jedoch um Einzelfälle handeln.» Im Gegensatz zu den Spitälern der Insel-Gruppe werden aber im Zürcher Stadtspital die Patienten «grosszügig» auf Covid getestet. «Am Kantonsspital St. Gallen ist die Zahl nicht bekannt», lautet die Antwort aus der Ostschweiz. Dasselbe aus Basel.
Das Unispital Zürich hingegen hat die Zahlen – will sie aber nicht preisgeben. «Wird ein Patient im Verlauf seines Aufenthalts positiv auf SARS-CoV-2 getestet, werden sämtliche möglichen Übertragungswege überprüft. Trotz detaillierter Abklärung ist jedoch nicht in jedem einzelnen Fall sicher eruierbar, wann und wo die Ansteckung erfolgte. Die Fälle werden zwar erfasst, sind deswegen aber nur von beschränkter Aussagekraft», schreibt Mediensprecherin Katrin Hürlimann.

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Keine Infos: Katrin Hürlimann, Mediensprecherin Unispital Zürich. (Bild: UZH)

Der «Nebelspalter» hat in einer zweiten Mail erneut um die konkreten Zahlen gebeten. Doch das Unispital Zürich bleibt hart: «Wie erläutert, erheben wir zwar Zahlen, die aber mit grosser Unsicherheit behaftet sind. Wir verwenden diese daher ausschliesslich intern, um unsere Vorkehrungen zum Schutz vor Übertragung jeglicher Keime zu überprüfen und stetig zu verbessern», schreibt Hürlimann.

Basel gibt Auskunft

Brisant ist die Verweigerung oder auch Ahnungslosigkeit deshalb, weil der Bundesrat weitere Öffnungsschritte unter anderem an die Zahl der Covid-Patienten in Spitälern koppelt. Aktuell (Stand: Dienstagabend) vermeldet das BAG 53 Spitaleinweisungen wegen Covid.
Nur kann es sein, dass sich eine Person wegen starken Magen-Darm-Beschwerden in ein Spital einweisen lässt, eine Woche später positiv auf Covid getestet wird und danach in die nationale Statistik fällt. Zumal das Risiko einer Covid-Infektion im Spital erhöht ist. Auch nach den Zahlen der Patienten, die sich im Spital selbst angesteckt haben, hat der «Nebelspalter» gefragt.
Wieder lautete die Antwort meist, dass man diese Zahlen nicht erhebe. Das Kantonsspital St.Gallen verweist auf einen BAG-Bericht vom Oktober 2020. Und das Universitätsspital Zürich hat die Zahlen, will sie aber – wenig überraschend – nicht öffentlich machen. Einzig das Unispital Basel nennt Zahlen: «Wir hatten rund 1250 Patientinnen und Patienten stationär in Behandlung wegen Covid-19. Wir müssen davon ausgehen, dass sich in rund 70 Fällen Patientinnen und Patienten nosokomial, also bei uns im Haus, angesteckt haben», schreibt Mediensprecher Nicolas Drechsler.
Es ist also gut möglich, dass die offiziellen Zahlen zu den Covid-Patienten in der Schweiz ungenau oder arg verfälscht sind.

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