Coronapolitik – Wenn der Wunsch Vater der journalistischen Gedanken ist

Coronapolitik – Wenn der Wunsch Vater der journalistischen Gedanken ist

Gute Journalisten vertreten ihre Positionen mit Nachdruck. Sie nehmen in Kauf, dass sie mit Prognosen auch mal daneben liegen. Wer aber so herablassend ist, dass er sich gar nicht mehr die Mühe macht, die Argumente der Gegenseite zu prüfen, verstösst gegen die Regeln des Handwerks. Ein Fallbeispiel.

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von Peter Kuster am 1.11.2021, 09:00 Uhr
Ein versprengter Haufen von dumpfen Ideologen und Verschwörungstheoretikern? Grosse und friedliche Coronademonstration am 23. Oktober in Bern. Bild: Keystone.
Ein versprengter Haufen von dumpfen Ideologen und Verschwörungstheoretikern? Grosse und friedliche Coronademonstration am 23. Oktober in Bern. Bild: Keystone.
Journalisten sind wissbegierig, sprachlich versiert, vernetzt – und oft auch Überzeugungstäter. Sie haben den Beruf gewählt, weil sie meinungsstark sind, das heisst, sie haben klare und einigermassen fundierte Vorstellungen davon, wie die Welt idealerweise aussehen sollte. Ein guter Journalist oder eine gute Journalistin zeichnet sich zugleich aber auch dadurch aus, dass er oder sie stets eine gesunde Distanz zu den eigenen Befindlichkeiten wahrt, die eigene Position immer wieder an den besten Gegenargumenten schärft und mit der Wirklichkeit konfrontiert. Wäre es doch möglich, dass ich falsch liege und die Gegenseite recht hat? Deshalb muss er oder sie sich permanent darum bemühen, sich in andere Personen hineinzuversetzen und deren Meinungen zu verstehen.
Was mit dem Journalismus geschieht, wenn dies nicht mehr der Fall ist, lässt sich seit Ausbruch der Coronakrise leider an zahlreichen Beispielen beobachten – auf der einen Seite deutlich häufiger als auf der anderen, was auch daran liegen mag, dass sich die meisten Journalisten auf die eine Seite geschlagen haben. Wenn allein der Wunsch Vater der Gedanken ist, verflüchtigt sich jeder Hauch eines Selbstzweifels; die Selbstgerechtigkeit triumphiert, was die Gedankengänge vernebelt und sich entsprechend auf das Ergebnis im Blatt oder auf dem Bildschirm auswirkt.

Selbstgerechtigkeit statt Selbstzweifel

Ein besonders krasses Beispiel dafür ist ein Kommentar, der an einem Samstag, dem 4. September, und damit in den vielbeachteten Wochenendausgaben der CH Media publiziert worden war. Verfasser ist Francesco Benini, der seit Jahrzehnten im Journalismus tätig ist (u.a. fast 20 Jahre für die NZZ am Sonntag), also ein nach allen Massstäben sehr erfahrener und mit allen Wassern gewaschener Redaktor, der auch Leitungsfunktionen wahrgenommen hat. Es handelt sich somit um ein ganz anderes Kaliber als die junge Kollegin von der NZZ, die es vor kurzem (mit einem Nicht-Corona-Thema) zu einer «Zeitungsente der Woche» gebracht hat.
«Nun werden die Coronademonstrationen nur noch von versprengten Haufen besucht, und die Scharfmacher der SVP üben sich plötzlich in schamvoller Stille.»
Francesco Benini, CH Media, 4. September 2021
Wer im Abstand von beinahe zwei Monaten Beninis sprachlich süffig verfassten und gekonnt strukturierten Kommentar heute – wenige Tage nach einer der grössten Kundgebungen, die in den letzten Jahren in Bern stattgefunden hat – liest, darf sich trefflich über die darin enthaltenen Fehleinschätzungen mokieren, speziell natürlich über den Titel des Beitrags «Die Coronaskeptiker sind am Ende»» und das Zitat von den «versprengten Haufen» an Coronademonstrationen; ein Bild, das übrigens an idealisierende Darstellungen der heroischen Schlachtengeschichte der alten Eidgenossen bis hin zu Marignano gemahnt.

Journalistischer Anti-SVP-Reflex statt Reflektion

Doch Fehleinschätzungen und falsche Prognosen gehören zum Journalismus, und wer, wie Benini, pointiert formuliert und klar Stellung bezieht, muss dieses Berufsrisiko eingehen und mit allfälligem Spott sportlich umgehen können. Unprofessionell ist hingegen, dass der Text vor Selbstgefälligkeit und Verachtung für die Gegenseite trieft, und erschwerend kommt dazu, dass es Benini zudem nicht schafft, seinen offensichtlich tief verwurzelten Pawlow’schen Reflex gegenüber der SVP (ein Defekt, an dem leider zahlreiche Journalisten kranken) zu unterdrücken.
Und wenn wir gerade bei der SVP sind: Es ist gedanklich reizvoll, sich ein Szenario auszumalen, in dem die grösste Partei der Schweiz vehement eine stramme Eindämmungspolitik im Sinne einer Zero-Covid-Strategie verträte. Wetten, dass dann etliche Journalisten kritischer berichten würden, als sie das heute tun, weil sie in einem solchen Szenario vom Anti-SVP-Reflex befreit denken und schreiben könnten?
«Wer Verantwortung trägt, kann sich nicht auf die Verbreitung dumpfer Polemik beschränken.»
Francesco Benini, CH Media, 4. September 2021
Aber zurück zur Selbstgefälligkeit: Benini bemüht sich gar nicht darum, die Coronaskeptiker zu verstehen. Er bezeichnet sie als Ideologen und Verschwörungstheoretiker, «die Covid auf eine Stufe mit einer schweren Grippe stellten». Dabei blendet er die Tatsache aus, dass es in der Menschheitsgeschichte durchaus Grippeepidemien gab, die bezogen auf die Gesamtbevölkerung mehr Lebensjahre raubten als Corona. Noch schwerer wiegt, dass er die Skeptiker als «selbsternannte Advokaten der Freiheit» lächerlich macht.
«Die Gereiztheit der Coronaskeptiker hängt damit zusammen, dass gerade in diesen Tagen offensichtlich wird, wie falsch sie liegen. Ihre Behauptungen stellen sich als Sammelsurium von Verirrungen heraus.»
Francesco Benini, CH Media, 4. September 2021
Wären denn gewählte oder berufene Advokaten der Freiheit besser? Der Bundesrat, das Parlament oder gar die Medien? Das wären – dieser leicht polemische Einwurf sei erlaubt – derzeit doch ziemlich diskrete Fürsprecher der Sache der Freiheit. Benini wirft den Skeptikern zudem vor, den (in der Wissenschaft übrigens durchaus kontrovers beurteilten) Nutzen der Gesichtsmasken in Frage stellen. Offenbar begehen sie damit ein schwerwiegendes Sakrileg, so wie als Galileo Galilei auf dem Totenbett festhielt, dass sich doch die Erde um die Sonne und nicht die Sonne um die Erde bewegt.

Auf dem Spiel steht die Glaubwürdigkeit

Um Missverständnissen vorzubeugen: Man kann und muss darüber streiten, wie viele Einschränkungen der individuellen Freiheit für eine möglichst wirksame Bekämpfung der Pandemie in Kauf zu nehmen sind. Aber man soll dabei als Journalist die Gegenseite nicht so herablassend behandeln, wie dies Benini tut, besonders deswegen nicht, weil seit Ausbruch der Pandemie die Ungewissheit beispielsweise in Bezug auf die Wirksamkeit der seuchenpolizeilichen Massnahmen anhaltend hoch ist und auch scheinbar gefestigte Erkenntnisse im Zeitablauf immer wieder revidiert werden. Selbst wenn man überzeugter Anhänger der Behördenpolitik ist, sollte man die Motive der Gegenseite nicht verächtlich machen, sondern ihr zugestehen, dass die persönliche Freiheit für sie offensichtlich einen zentralen Wert darstellt und sie bereit ist, zu dessen Bewahrung bestimmte (im eigenen Urteil zu grosse) Risiken einzugehen.
«Wer eine Ideologie und Verschwörungstheorien über Fakten stellt, bezahlt früher oder später einen Preis dafür», lautete das Fazit, das Benini in seinem Kommentar im Hinblick auf die sich Anfang September abzeichnende Erweiterung der Zertifikatspflicht und die damit verbundenen kostenpflichtigen Tests mit sichtlicher Genugtuung zog. Es ist ihm und einigen anderen Berufskollegen zu wünschen, dass sie wieder eine gesunde Distanz zur Verlockung des ungehemmten Gesinnungsjournalismus finden, bevor sie den Preis für eine zu lange Verweildauer in dessen Dunstkreis bezahlen. Dieser wäre nicht wie bei den Tests in harten Schweizer Franken, sondern in der weichen Währung der journalistischen Glaubwürdigkeit zu entrichten.

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