Corona-Massnahmen: Ohne Plan, ohne Ziel, ohne Strategie

Corona-Massnahmen: Ohne Plan, ohne Ziel, ohne Strategie

Dem Bundesrat gehen die Argumente für eine Aufrechterhaltung der Einschränkungen aus – doch er macht weiter, als wenn nichts wäre.

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von Serkan Abrecht am 20.10.2021, 16:13 Uhr
Es fehlt die Exit-Strategie: Gesundheitsminister Alain Berset (SP). Bild: Keystone-SDA
Es fehlt die Exit-Strategie: Gesundheitsminister Alain Berset (SP). Bild: Keystone-SDA
«Dunkle Wolken ziehen auf. Die Lage ist nicht schlecht, aber es sieht nach einer negativen Trendwende aus.» Das sagt Patrick Mathys, der Leiter Krisenbewältigung des Bundesamts für Gesundheit, am Dienstag. Es gebe weniger Hospitalisierungen, das schon, aber weil die Zahlen nicht so stark zurückgingen, sei es nicht an der Zeit für weitere Lockerungen. Ferienrückkehrer, sinkende Temperaturen, Sie kennen es. Und er sagt auch: Eine Exit-Strategie? Die habe man nicht. Dafür sei der Bundesrat zuständig.

Nebelspalter- Redaktorin Maria-Rahel Cano befragt die Experten zu ihrer Strategie. Video: Youtube

Am Mittwoch folgt dann die Regierung den Empfehlungen ihres Kaderbeamten. Obschon alle Zahlen rückläufig sind, «kommt der Bundesrat zum Schluss, dass die Risiken für eine Lockerung derzeit noch zu gross sind», wie Alain Berset sagt.
Weil eben die Herbstferien bald zu Ende seien. Weil es eben kälter werde. Seit wann die Massnahmenregelungen an die Aussentemperatur gekoppelt sind, ist nicht bekannt. Immerhin ist es etwas Neues, nachdem sich der Bundesrat mal am Inzidenz-Wert, mal an den Hospitalisierungen, mal an den Fallzahlen und mal am R-Wert orientiert hat – nun ist es also das Wetter. Ein weiterer Grund für den Entscheid des Bundesrats, nicht zu lockern, ist laut Berset die Stagnation der Hospitalisierungen. Das war bisher ein Grund für Lockerungen. Nun nicht mehr.

Was gilt?

Mit seinem Drei-Phasen-Modell hat der Bundesrat kurz vor den Sommerferien ein Ausstiegsszenario skizziert. Jedoch bleibt es nur bei einer Skizze. Auf die Frage des «Nebelspalters», wie ein konkretes Ausstiegsszenario aussehen könnte, etwa, welche Werte konkret erreicht werden müssten, damit die Massnahmen fallen: Darauf liefert Berset keine befriedigende Antwort und verweist auf die momentane Lage. Konfus wird es auch, als ein SRF-Journalist fragt, was denn nun bei den Seilbahnen gelte: Zertifikat oder nicht? Seine Beamten schweigen. Die Journalisten lachen.
Am Vortag hat Mathys vor den Medien noch gesagt, dass diese Entscheidung beim Bundesrat liege. Heute verweist der Bundesrat an die Seilbahnen und die Kantone. Was denn nun? «Wir stehen im engen Austausch mit den Seilbahnunternehmen», sagt Berset.

Alain Berset zum möglichen Ausstiegszenario. Video: Youtube

Das sorgt für Unmut, auch in der Politik. Noch ist die Pressekonferenz im Gang, da versendet die FDP Schweiz eine empörte Medienmitteilung: «Endlich Perspektive bieten!», fordern sie. Und die Freisinnigen betonen: «Nicht nachvollziehbar ist, dass der Bundesrat heute darauf verzichtet hat, bereits eine Ausstiegsstrategie anhand klarer Kriterien zu präsentieren.» Ein kleines Zückerchen gibt es dann doch noch: Das Zertifikat für Genese ist neu ein Jahr lang gültig – jedoch nur in der Schweiz.
Der Bundesrat hält die Bevölkerung an der langen Leine, aber er hält die Leine weiter fest in der Hand, schrieb der «Nebelspalter» bereits im Juni. Ob er die Leine aus der Hand geben will, wird der Bundesrat im November verkünden. Wer sich seine Freiheiten zurückwünscht, muss wohl auf gutes Wetter und möglichst wenig dunkle Wolken hoffen.

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