Corona ist auf dem Weg zu einer Erkältung – weil dem Virus der Saft ausgeht

Corona ist auf dem Weg zu einer Erkältung – weil dem Virus der Saft ausgeht

Das aktuelle Covid-Virus hat kaum mehr eine Chance, zu mutieren. Das wäre früher oder später das Ende des Pandemiestatus. Diese These vertritt eine britische Grösse der Imfpforschung. Sie sagt: «Das Virus hat nicht mehr viele Möglichkeiten, sich zu verbreiten.»

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von Stefan Millius am 24.9.2021, 19:00 Uhr
Dame Sarah Gilbert.
Dame Sarah Gilbert.
Sarah Gilbert ist Impfstoffentwicklerin und Professorin für Impfstoffe an der angesehenen Universität Oxford. Darüber hinaus ist Gilbert eine «Dame», gewissermassen die weibliche Version des Ritterschlags in Grossbritannien. Zudem war sie massgeblich an der Entwicklung von Vaxzevria beteiligt, einem derzeit bei uns noch weniger bekannten Impfstoff gegen Covid-19.
Mit anderen Worten: Dame Sarah Gilbert kann man das in vielen Medien gern verwendete Etikett «umstrittene Wissenschaftlerin» kaum anhängen. Ausgerechnet sie aber ist aktuell eine Stimme der Entwarnung, was Corona angeht. In der englischen Tageszeitung «The Telegraph» führen ihre jüngsten Äusserungen zur Überschrift: «Wann wird aus Covid eine Erkältung?»

Zuerst der Knall, dann das Wimmern

«The Telegraph» erinnert an den August 2010, als die WHO die Schweinegrippe offiziell als beendet erklärte. Die Ironie daran: Zu jenem Zeitpunkt war diese im Alltag schon längst kein Thema mehr. Das sei die Eigenschaft von Pandemien, befindet Luke Mintz, der Autor des Beitrags. «Pandemien beginnen üblicherweise mit einem Knall, aber enden eher mit einem Wimmern.» Also schleichend und leise. Entsprechend führte die Bekanntgabe der WHO auch kaum mehr zu Schlagzeilen. Für die Menschen war die Schweinegrippe vorbei, lange bevor sie offiziell beerdigt wurde.
Bei Corona könnte es ähnlich laufen. Während Regierungen und Behörden lange davon träumten, das Virus könne buchstäblich ausradiert werden, geht man heute von einem anderen Szenario aus: Die Immunität wächst, Covid-19 wird immer weniger gefährlich, bis es schliesslich zwar noch existiert, aber wie die meisten Coronaviren nur noch zu einem lästigen Schnupfen führt.

«Begrenzt beim Versuch, zu mutieren»

Exakt diese Prognose vertritt Dame Sarah Gilbert seit letzter Woche. Man sehe immer wieder, dass ein Virus mit der Zeit weniger gefährlich werde, «und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass wir es hier mit einer schlimmeren Version von SARS-CoV-2 zu tun haben.» Ein Virus sei begrenzt beim Versuch, zu mutieren, ohne gleichzeitig seine Fähigkeit zur Verbreitung zu verlieren. Gilbert: «Es gibt nicht mehr so viele Orte, die dieses Virus aufsuchen kann.»
Tritt das ein, wird Covid-19 endemisch, sprich: Das Virus wird pausenlos zirkulieren, immer da sein, und das wohl für immer. Nur wird es kaum mehr eine Rolle im täglichen Leben spielen. Eben wie eine Erkältung.

Ist in einem Jahr alles vorbei?

Für diesen Verlauf gibt es in der Geschichte zahllose Beispiele. Doch entscheidend ist, dass ausgewiesene Experten zum Schluss kommen, dass sich das aktuelle Virus von diesen Beispielen kaum unterscheidet, was den Ausgang der Sache angeht. «The Telegraph» zitiert Paul Hunter, Professor für Medizin an der University of East Anglia und Berater der WHO, so:

«Es würde mich überraschen, wenn uns das Thema im nächsten Jahr um diese Zeit noch Sorgen bereiten würde.»

Die Prognosen aus Grossbritannien basieren auf der dortigen Ausgangslage. Mehr als 80 Prozent der Erwachsenen sind bereits doppelt geimpft. Zusammen mit der natürlichen Immunität, die viele Menschen aufweisen, müsste das Land bald den Status «endemisch» aufweisen. In anderen dürfte es laut den Experten etwas länger gehen – aber auch so enden.

Schleichend statt explosionsartig

Auf die Nennung eines bestimmten Zeitpunkts – wann also aus Covid-Erkrankten einfach Leute mit einer Erkältung werden – will sich kaum jemand einlassen. Zumal der Übergang fliessend ist. Ein Indiz, so der Epidemiologe Professor Neil Ferguson, sei das Auftreten der Ansteckungsfälle. Während sich in einer Pandemie meist schlagartig viele Leute in einer Welle infizieren und die Zahl danach auf einen Schlag wieder zusammenbricht, verbreitet sich das Virus in einer Endemie kontinuierlich, aber langsam, gewissermassen schleichend durch die ganze Bevölkerung hindurch.
Gut möglich also, dass wie bei der Schweinegrippe die WHO in einigen Jahren die Coronapandemie als offiziell vorbei erklärt, im Alltag aber längst keiner mehr davon spricht – und höchstens zum Taschentuch greift.

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