Corona: Dieser Bundesrat ändert laufend seine Ziele. Wer kann ihm noch glauben?

Corona: Dieser Bundesrat ändert laufend seine Ziele. Wer kann ihm noch glauben?

Immer etwas Neues aus Bern: Nun sollen die Impfquoten in die Höhe getrieben werden, koste es, was es wolle. Wenn es so weitergeht, werden bald auch Hunde und Kanarienvögel geimpft.

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von Markus Somm am 16.10.2021, 04:28 Uhr
Alain Berset (SP), Gesundheitsminister, möchte noch einmal eine Million Schweizer impfen lassen.
Alain Berset (SP), Gesundheitsminister, möchte noch einmal eine Million Schweizer impfen lassen.
Je länger diese Corona-Krise dauert, desto unglaubwürdiger wirkt diese Regierung, desto verzweifelter auch: Ursprünglich hiess es einmal, die Impfung würde uns aus dem Massnahmen-Dschungel führen, und niemand sprach damals von Quoten, die zu erreichen wären; brav trotteten wir ins Impfzentrum, in der Hoffnung, der Spuk fände endlich ein Ende. Dass dies zu einem Wettbewerb ausarten würde, wo wir uns fast stündlich darüber belehren lassen müssen, wie miserabel wir doch abschnitten im Vergleich zu anderen, braveren Ländern, wir ehemaligen Bürger und neuen Untertanen: Wer hätte sich das je träumen lassen?
Am vergangenen Mittwoch ging der Bundesrat gar so weit, eine verbindliche Rate festzulegen: eine Impfquote von etwa 93 Prozent soll es bei den über 65-jährigen sein, 80 Prozent bei den 18- bis 65jährigen. Das sind ziemlich hohe Werte, die selbst wenige Impfweltmeister bislang erreicht haben wie etwa Portugal oder Singapur. «Wir brauchen noch eine Million Schweizerinnen und Schweizer, die sich impfen lassen, um auf ein ähnliches Niveau zu kommen», sagte Alain Berset, der Corona-Minister am Mittwoch nach der Sitzung des Bundesrates, wo anscheinend solche Zahlen beschlossen worden waren.
Ich hoffe, das ist nicht der Fall – und nicht alle Bundesräte haben sich zu diesem Unsinn hinreissen lassen. Was Berset nämlich mit dem Selbstbewusstsein des Technokraten verkündete, dürfte er noch bereuen. Eine Million zusätzliche Geimpfte? Warum soll das nun möglich sein, was bisher nicht gelungen ist – trotz aller gut gemeinter und weniger gut gemeinter Massnahmen? Auch die Quoten – in konkrete Zahlen gegossen – dürften ihn noch heimsuchen: 93 Prozent oder reicht auch 89 Prozent? Es spricht nicht für diesen Mann, dass er nach einer so langen, unberechenbaren Krise immer noch glaubt, alles im Griff zu haben. Ein bisschen schräubeln hier, ein bisschen ermahnen da: und Simsalabim, die Bürger folgen. Er müsste es besser wissen – aber offensichtlich will er das nicht, und die übrigen Bundesräte erlösen ihn nicht von seiner Reise auf dem fliegenden Teppich. Dieser Mann, so mein Eindruck, hat sich dermassen mit Corona verknotet, dass er sich nicht mehr daraus befreien kann.
Das ist die wohlwollende Interpretation. Die andere ist finsterer. Berset liebt die Macht, liebt es, uns Vorschriften zu machen, liebt es, uns wie Schulbuben und Schulmädchen ins Licht des Wissens zu führen. Selten hat ein Bundesrat sich so ins tägliche Leben der Menschen eingemischt – ohne Gewissensbisse, ohne liberales Unbehagen, ohne Kompass.

Impfweltmeisterschaften: Wozu?

Denn am Kompass muss man zweifeln. Am Kompass der gesamten Regierung. Diese Woche sind wie so viele Wochen zuvor die Hospitalisierungen erneut zurückgegangen, inzwischen sind wir bei 130 in einer Woche angelangt – für eines der teuersten und modernsten Gesundheitswesen der Welt eine vermutlich durchaus zu bewältigende Aufgabe. Auch die Todeszahlen geben keinen Anlass zur Unruhe, noch die bestätigten Ansteckungsfälle.
Ja, warum dann die Panik der Behörden, warum dieser starre, wenn nicht irrsinnige Blick auf die Impfstatistik?
Wer sich vor Corona fürchtet, kann sich impfen lassen. Wer es nicht tut, nimmt in Kauf, dass er erkrankt. Je nach Alter fällt diese Risikoabschätzung indessen leicht: Seit Beginn der Pandemie (Februar 2020 bis Ende September 2021) sind in der Schweiz insgesamt 10 713 Menschen an Covid-19 gestorben, das ist eine Tragödie ohne Frage, aber die Risiken sind (leider) sehr ungleich verteilt: Von all den Toten waren 10 409 über 60 Jahre alt, wogegen der Rest, nämlich 304, jünger als 60 Jahre alt war. Wenn wir die über 50jährigen dazu nehmen, dann wird das Bild noch eindeutiger: denn 237 Tote gehörten der Kohorte zwischen 50 und 59 an, womit sich folgender Befund ergibt: Bloss 67 Menschen sind gestorben, die jünger als 50 waren – seit Beginn der Corona-Krise.

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Zeitraum Februar 2020 bis Ende September 2021. Quelle: https://www.covid19.admin.ch/de/overview

Kann es irgendjemanden (ausser vielleicht Alain Berset) überraschen, dass so viele junge Leute nicht einsehen, warum sie sich gegen eine Krankheit impfen lassen sollten, von der sie so wenig zu befürchten haben? Angesichts der Tatsache, dass pro Jahr durchschnittlich rund 1700 Menschen sterben, die jünger als 40 waren – ob an Krankheiten, infolge von Unfällen oder Suizid, dann muss man einräumen: diese Jungen verhalten sich durchaus rational.

Strapazierte Solidarität

Aber stecken diese Ungeimpften nicht andere an? Gewiss, diese Gefahr besteht, doch in der Regel sind das ebenso Ungeimpfte, also Leute, die wiederum selbst entschieden haben, dass sie mit diesem Risiko leben wollen. Wenn sie krank werden, wenn sie gar ins Spital müssen, dann ist das für die übrigen Geimpften nur dann ein Problem, wenn dadurch das Gesundheitswesen überlastet würde. Davon sind wir aber weit entfernt – somit entfällt das einzige, aus meiner Sicht gültige Argument, die Impfquote um jeden Preis erhöhen zu wollen.
Mit anderen Worten, wenn wir die Risikogruppen impfen – und das ist in hohem Ausmass bereits geschehen – dann müssten wir uns doch gar keine Sorgen mehr machen. Tatsächlich sind die Zahlen in dieser Hinsicht beeindruckend: nahezu 90 Prozent aller über 70jährigen sind geimpft, und 82 Prozent der über 60jährigen ebenfalls. So gut wie alle, denen Corona etwas anhaben kann, sind somit geschützt, so dass wir es den Jüngeren überlassen dürfen, ob sie sich impfen lassen möchten oder nicht. Ihr Risiko ist überschaubar, sie können, sie sollen das selber entscheiden. Sie brauchen dafür keinen behördlichen Holzhammer.
Das ist eine Regierung, die ständig ihre Ziele verändert. Von Tag zu Tag, so scheint es, sind andere Zahlen von Bedeutung, immer gibt es einen neuen Horizont, den wir bald erreichen sollten, wenn wir nur ganz genau das tun, was der Bundesrat will.
Manchmal kommt mir Alain Berset vor wie ein überforderter Pfadi-Führer, der seine Buben und Mädchen auf eine Bergtour mitgenommen hat. Zwar hat er sich längst verlaufen, die Kompassnadel dreht wie wild, die Karte ist veraltet, und auch vom Polarstern ist nichts mehr zu sehen, doch statt seinen Pfadis die Wahrheit zu sagen, die da hiesse: «Ich stehe im Schilf!», erfindet Berset laufend neue Routen: «Noch dieser Aufstieg, dann haben wir es geschafft!» – «Hinter dieser Kuppe gibt es eine Beiz, wo wir ausruhen können».
Wenn dann der Aufstieg immer noch kein Ende nimmt statt einer Beiz eine Geröllhalde auftaucht, dann stellt Berset unverdrossen ein neues Abenteuer in Aussicht, das bald bevorstehe – und die Buben und Mädchen jubeln, ziehen die Maske an und erklimmen den dritten Viertausender.

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