Corona: Diese Zahlen fehlen

Corona: Diese Zahlen fehlen

Jeden Tag veröffentlicht der Bund die neuesten Statistiken zu Corona. Aber wichtige Angaben, um die Wirkung der Massnahmen beurteilen zu können, fehlen seit Beginn der Pandemie. Hier eine Liste – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

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von Dominik Feusi am 3.12.2021, 05:04 Uhr
Impfstatus unbekannt – selbst von rund einem zehntel der Covid-19-Patienten in Intensivpflege weiss man nicht, ob sie geimpft sind (Bild: Keystone)
Impfstatus unbekannt – selbst von rund einem zehntel der Covid-19-Patienten in Intensivpflege weiss man nicht, ob sie geimpft sind (Bild: Keystone)

Impfstatus der Fälle und der IPS-Patienten

Bundesrat Alain Berset wiederholt es bei jeder Gelegenheit: Die Spitäler werden vor allem durch Ungeimpfte belastet. Das BAG zeigt entsprechend eine Grafik des Impfstatus der Hospitalisierten. Rund ein Drittel der neu ins Spital Eintretenden sind geimpft, gut die Hälfte sind ungeimpft, und von gut zehn Prozent ist der Impfstatus unbekannt (Link).
Was das BAG nicht offenlegt, ist der Impfstatus der Patienten auf der Intensivpflege. Ganz im Gegensatz zum Kanton Zürich. Dort waren gemäss neusten Lagebericht (Link zum PDF) 17 Prozent der IPS-Patienten vollständig geimpft, 9 Prozent einmal geimpft und 74 Prozent ungeimpft. Das Problem bei dieser Statistik: Sie lässt Fälle weg, bei denen der Impfstatus unbekannt ist. Auf Nachfrage schreibt die Zürcher Gesundheitsdirektion, derzeit sei von 22 der 164 Hospitalisierten und von 3 der 36 intensiv Gepflegten der Impfstatus nicht bekannt. Der Grund sei, dass dieser bei Spitaleintritten kurz vor dem Abgabetermin der Meldungen nicht erfasst werde.
Bei den Fallzahlen hat das BAG den Impfstatus im Sommer noch veröffentlicht. Dann hat man damit aufgehört, da von den meisten Fällen der Impfstatus nicht bekannt war. Jetzt steht auf der Website des BAG nur noch die Warnung «Aufgrund des hohen Anteils von Meldungen ohne Angaben zum Impfstatus sind die Zahlen zu Fällen nach Impfstatus bis Anfang Juli 2021 mit Vorsicht zu interpretieren».
Warum ist von so vielen mit Corona Infizierten der Impfstatus nicht bekannt? Bei den Tests wird er eigentlich abgefragt. Weshalb er nicht ans BAG gemeldet wird, ist unklar. Das Formular für den «klinischen Befund» will den Impfstatus wissen, allerdings kann der Arzt auch «unbekannt» ankreuzen (Link zu den Meldeformularen).

Bei wie vielen Hospitalisierten ist tatsächlich Covid der Grund für den Spitaleintritt?

In Grossbritannien werden mehr als die Hälfte der Fälle erst nach ihrem Eintritt in ein Spital positiv getestet (Link). Dies geht aus Daten des staatlichen «National Health Service» hervor. Das bedeutet, dass sie gar nicht wegen Covid-19 ins Spital kommen, sondern wegen einer anderen Erkrankung, erst danach entdeckt man bei ihnen das Coronavirus.
Mit diesen eigentlich wegen eines anderen Leidens Hospitalisierten sieht jedoch die Statistik schlimmer aus, als sie es tatsächlich ist. Darüber gibt es in der Schweiz keine Statistik, obwohl das Meldeformular den Grund für die Hospitalisierung abfragt. Da muss der Arzt ankreuzen, ob die Person wegen Covid-19 oder etwas anderem ins Spital gekommen ist.

Kohortenstudien zu Antikörpern in der Bevölkerung

Das Virus werde jeden und jede erreichen, sagt Bundesrat Alain Berset bei jeder Gelegenheit. Wir hätten die Wahl, ob es uns ungeimpft oder geimpft treffe. Um die Belastung des Gesundheitswesens in Grenzen zu halten, brauche es eine höhere Impfquote.
Entscheidend ist, ob jemand Antikörper gegen das Virus entwickelt hat. Neben den Geimpften sind das auch diejenigen, welche die Krankheit durchgemacht haben. Es gibt zahlreiche Studien, die sogar zeigen, dass natürlich Immunisierte besser und länger geschützt sind als Geimpfte.
In zahlreichen Ländern führt man deswegen Untersuchungen durch, um herauszufinden, wie viele Personen mit Antikörpern geschützt sind, beispielsweise in Deutschland (Link) oder Österreich (Link). In der Schweiz untersucht dies das Netzwerk Corona Immunitas. 14 Hochschulen und Gesundheitsorganisationen führen vierzig Studien mit 50’000 Beteiligten durch. Die im Sommer abgeschlossene vierte Testphase zeigt einen starken Anstieg der Immunisierung – besonders bei den über 65-Jährigen auf über 85 Prozent (Link).
Weder bei der Taskforce noch beim BAG fliessen diese Erkenntnisse in die Lagebeurteilung oder die Statistiken ein. In Grossbritannien ist dies anders, da wird die Verbreitung der Antikörper regelmässig ausgewiesen (Link).

Kohortenstudien zu Ansteckungsorten

Um herauszufinden, wie die Verbreitung des Virus verlangsamt werden kann, müsste man wissen, wo die Übertragung stattfindet. Dieser «Ansteckungskontext» wird im Formular des BAG erfragt. Veröffentlicht werden die Zahlen nicht. Beim Kanton Zürich findet man hingegen die Angaben (Link).
Gemäss den Zürcher Zahlen sind Schulen (61), Veranstaltungen (28), Unternehmen und betreutes Wohnen (je 17) sowie Kinderbetreuungseinrichtungen (13) die hauptsächlichen Ansteckungsorte – und nicht die geplagte Gastronomie (0). Von den meisten Fällen weiss man es allerdings nicht. Genauere Untersuchungen gibt es für die Schweiz nicht.
Auffällig: Gemäss Zürcher Zahlen steckt sich kaum jemand in einem Spital oder einer anderen Gesundheitseinrichtung mit dem Virus an. Bis Mitte Mai waren es 10 bis 20 pro Woche, seither sind es nur noch vereinzelte Fälle. Das überrascht, weil es andernorts ganz anders ist. In Grossbritannien steckte sich in der ersten Welle rund ein Fünftel der Fälle in einem Spital an (Link).
Das blieb auch in der zweiten Welle so (Link). Insgesamt hat sich im Vereinigten Königreich ein Fünftel der Personen, die danach verstarben, von Beginn der Epidemie bis zum März 2021 in einer Gesundheitseinrichtung mit dem Virus angesteckt (Link).

Kohortenstudien zum Sinn von Masken

Was ebenfalls fehlt, allerdings nicht nur in der Schweiz, sind verlässliche Studien zum Nutzen von Masken, insbesondere der am meisten benutzten Einwegmasken, die in der Praxis meistens mehrere Tage bis Wochen in Gebrauch sind.
Die Weltgesundheitsorganisation änderte ihre kritische Haltung zu Masken vor allem wegen einer Meta-Studie, die 172 internationale Studien zusammenfasste (Link). Gemäss dieser Studie ist jemand mit einer Maske fünf bis sechs Mal besser vor dem Virus geschützt als ohne. Das Resultat hat allerdings eine «niedrige Sicherheit», weshalb die Forscher selber weitere Untersuchungen mit Zufallsstichproben fordern. Mehr als ein Jahr später ist die Faktenlage immer noch dünn, es gibt nur wenige Studien. Einige Untersuchungen stammen aus der Zeit vor der Pandemie, wie eine Metastudie kürzlich zusammenfasste, trotzdem empfehlt sie das Tragen von Masken (Link). Das Zentrum für Krankheitsprävention der EU kommt deshalb zum Schluss, dass Masken nur geringen bis moderaten Nutzen haben. Weitere qualitativ hochstehende Untersuchungen seien nötig (Link).
Ähnliche Studien wären sinnvoll zum Nutzen von Lockdowns oder von Kapazitätsbeschränkungen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie, die mehr als 6000 nichtmedizinische Massnahmen in 79 Regionen miteinander vergleicht, kommt zum Schluss, dass Masken wenig, Grenzschliessungen jedoch viel bewirken (Link).

Altersverteilung bei den schweren Nebenwirkungen der Impfung

Bis Anfang November wurden dem Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic 9834 Nebenwirkungen der Impfstoffe gegen Covid-19 gemeldet. Davon sind 3396 als «schwerwiegend» eingestuft. Das bedeutet, dass die Nebenwirkung lebensbedrohlich war und die betroffene Person ins Spital musste oder gar starb. Ebenfalls schwerwiegend sind Fälle, die zu einer Behinderung oder einem bleibenden Schaden geführt haben. 6438 Fälle waren nicht schwerwiegend (Link).
Swissmedic stellt die Altersverteilung bei den Nebenwirkungen zur Verfügung. Rund zwei Drittel der Nebenwirkungen traten bei 18- bis 64-Jährigen auf. Das Virus selber betrifft hingegen überwiegend Personen, die 65 Jahre oder älter sind. Das Durchschnittsalter bei den Nebenwirkungen betrug 52,6 Jahre, wobei 13,6 Prozent 75 Jahre oder älter waren.

Zusätzliche Studien der Impfstoffhersteller

Bei der Zulassung der Impfstoffe durch das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic waren sehr viele medizinische Fragen offen (Lesen Sie hier unsere Recherche). Die Dokumente der Zulassung verweisen auf weitere Studien, die im Rahmen des rollenden Verfahrens erst noch gemacht werden sollen. Jetzt, fast ein Jahr nach der Zulassung, ist unklar, ob und wenn ja, und welche Untersuchungen gemacht wurden und zu welchen Resultaten diese gekommen sind. Swissmedic wollte diese Studien nicht herausgeben.

Unterscheidung der Toten mit und an Covid-19

Hamburger Rechtsmediziner haben entgegen den damaligen Empfehlungen deutscher Behörden schon im März 2020 Corona-Tote untersucht. Von den 65 ersten untersuchten Verstorbenen hatten alle eine andere Vorerkrankung (Link).
Bis im Jahr 2021 wurden 735 mit Covid Verstorbene untersucht. Auch hier hatten die meisten eine Vorerkrankung wie sehr starkes Übergewicht, Bluthochdruck, chronische Lungenerkrankungen oder Nierenschwäche. Bei 7 Prozent der Toten war das Virus gar nicht die Todesursache (Link). Auch in der Schweiz wurden Corona-Tote untersucht, und auch hier wurde festgestellt, dass die meisten Verstorbenen an Vorerkrankungen litten, eine Aussage zu den Todesursachen machten die Forscher allerdings nicht (Link).
Das Fehlen von breiten Kohortenstudien führt immer wieder zu Missverständnissen. So meldete die Zeitung «Welt» aufgrund einer Untersuchung zwischen Juli und September 2021, dass vier von fünf Corona-Toten wohl nicht am Virus gestorben seien (Link). Da es sich bei den Untersuchten nur um einen kleinen Teil der insgesamt Verstorbenen handelte, krebste der Studienautor jedoch von der Zuspitzung im Titel zurück (Link). Für Grossbritannien ist hingegen bekannt, dass rund ein Viertel der Toten an etwas anderem als dem Virus verstorben sind (Link).

Standards für PCR-Tests und Antikörper-Tests

Und dann bleiben noch zwei Probleme bei den Tests. Es fehlen Standards sowohl bei PCR-Tests wie bei den Antikörper-Tests, was die Statistik verzerrt. Je intensiver eine Probe auf Viren getestet wird, desto eher ist sie positiv, obwohl die Person gar nicht mehr ansteckend und auch nicht krank ist. Das lässt die Epidemie in der Statistik schlimmer aussehen, als sie ist. Gemäss der Genfer Virologin Isabella Eckerle sind Proben, die dreissig Mal und mehr konzentriert werden, nicht mehr ansteckend. Je nach Labor wird jedoch intensiver getestet. Das Bundesamt für Gesundheit und Swissmedic wollen aber keinen entsprechenden Grenzwert festlegen (Link zur Recherche). Die Folge sind überhöhte Fallzahlen.
Auch beim Antikörper-Test fehlen Standards. Das führt dazu, dass Personen, die sich mit so einem Test ein Zertifikat ausstellen lassen wollen, je nach Labor unterschiedlich beurteilt werden (Link zur Recherche).
Das Bundesamt für Gesundheit und Swissmedic beantworteten Fragen zu den fehlenden Zahlen bis Redaktionsschluss nicht. Wir liefern allfällige Rückmeldungen nach.

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