Corona-Beschluss des Bundesrats: Das ist noch nicht Normalität

Corona-Beschluss des Bundesrats: Das ist noch nicht Normalität

Der Bundesrat präsentiert wohltuende Strategien. Aber eines verpasst er: Alle Massnahmen per sofort aufzuheben.

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von Sebastian Briellmann am 11.8.2021, 17:30 Uhr
Die Maskenpflicht gilt weiterhin für den öffentlichen Verkehr. Foto: Shutterstock
Die Maskenpflicht gilt weiterhin für den öffentlichen Verkehr. Foto: Shutterstock
Normalität? Jein, vielleicht ein bisschen, aber doch nicht richtig, irgendwie.
Womöglich haben es viele gar nicht gemerkt, im Wust der Schreckensnachrichten wegen steigender Fallzahlen ist dies zugegebenermassen auch keine einfache Aufgabe, aber Ende Juli ist die sogenannte Stabilisierungsphase ausgelaufen, was bedeutet, dass wir jetzt in der Normalisierungsphase angekommen sind. Aber was heisst das heute noch, normal?
Der Bundesrat, immerhin, sieht das ähnlich, wie Gesundheitsminister Alain Berset am Mittwoch bekannt gibt. Es ist richtig, dass sich die Regierung nur noch auf die Auslastung der Spitäler fokussiert, wenn es um allfällige Massnahmen geht. Man ist bereit für mehr Hospitalisationen, für mehr Fallzahlen – aber eben nicht mehr für Einschränkungen für das alltägliche (und wirtschaftliche) Leben der Menschen in diesem Land.

Eigenverantwortung, endlich

Das ist wohltuend, vor allem weil sich der Bundesrat erneut deutlich abhebt von den Horrorprognosen der Taskforce. Es wäre, dies am Rande, an der Zeit, diese Gruppierung aufzulösen. Sie hat kein Gewicht mehr und keine Legitimation. Nimmt sie noch irgendjemand ernst, wenn sich selbst der Bundesrat seit Monaten um jede Einschätzung foutiert?
Berset sagt auch, dass nun die Eigenverantwortung das oberste Credo sei, da die schweren Verläufe von an Corona erkrankten Menschen massiv zurückgehen. Es ist aufgrund der vernünftigen Schilderungen des SP-Bundesrats deshalb nicht verständlich, warum weiterhin an einer Maskenpflicht in den Innenräumen und dem öffentlichen Verkehr festgehalten wird – genauso wenig wie die Tatsache, dass es an Grossveranstaltungen weiterhin ein Zertifikat braucht. Wenn das ein Privater will, ein Disco-Besitzer, ein Beizer, ein Fussballclub: Dann ist es sein gutes Recht. Der Staat soll sich da nicht einmischen.

Faktischer Impfzwang

Er darf um die Impfung werben, die Menschen dazu ermuntern, aber gerade mit dem Zertifikat führt er nun einen faktischen Impfzwang ein – weil er viele Menschen vom gesellschaftlichen Leben ausschliesst, da ab Oktober die Schnelltests nicht mehr kostenfrei zu haben sind. Wer kann es sich schon leisten, mehrmals pro Monat 50 Franken für diesen Test hinzublättern? Gerade für junge Erwachsene, die sich nicht impfen lassen wollen, weil sie sich nicht gefährdet fühlen. Sie könnten künftig auch einfach Symptome vortäuschen, um gratis an einen Test zu kommen – das kann auch nicht die Lösung sein.
Es ist an der Zeit, alle Massnahmen aufzuheben. Dann muss auch nicht mehr darüber gestritten werden, ob der Steuerzahler Hunderte von Millionen Franken für Schnelltests berappen muss, was tatsächlich unbefriedigend ist. Es liegt dann in den Händen der Eventveranstalter, ob sie von ihren Gästen ein Zertifikat verlangen oder einen Dresscode – oder eben: nichts davon.
Das wäre Normalität.
Und diese Normalität liesse sich beruhigt herstellen. Die Intensivstationen sind nur zu knapp 70 Prozent gefüllt – eine selbst für die gern vergessene Prä-Pandemie-Zeit tiefe Zahl. Dürften wir diesen sehnsüchtig herbeigesehnten Ursprungszustand endlich wieder ausleben, wäre wohl auch das Verständnis grösser, bei einer potenziellen Überlastung der Spitäler wieder ein paar Einschränkungen hinzunehmen.

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