Cancel Culture gibt es auch in der Schweiz

Cancel Culture gibt es auch in der Schweiz

Wissenschaftler fürchten sich vor einem verengten Meinungskorridor, auch in der Schweiz. Noch ist das Phänomen bei uns nicht so stark ausgeprägt wie etwa in den USA: Zu sicher sollten wir uns aber nicht fühlen.

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von Sebastian Briellmann am 7.4.2021, 09:00 Uhr
Bloss nichts mehr sagen: Wer nicht woke ist, schweigt lieber. Aus Angst. Foto: Shutterstock
Bloss nichts mehr sagen: Wer nicht woke ist, schweigt lieber. Aus Angst. Foto: Shutterstock
Die freie Rede ist an Schweizer Universitäten nicht mehr unbestritten. Professoren sorgen sich um die Meinungsfreiheit, trauen sich aber nicht, öffentlich darüber zu sprechen. Wenige schrille Stimmen bestimmen, wer genehm ist – und wer nicht.
Das sorgt nun für Gegenreaktionen. Im deutschsprachigen Raum haben sich (bis jetzt) über 350 Wissenschaftler dem «Netzwerk Wissenschaftsfreiheit» angeschlossen – darunter zehn aus der Schweiz. Im Manifest steht: «Hochschulangehörige werden erheblichem Druck ausgesetzt, sich (...) moralischen, politischen und ideologischen Beschränkungen und Vorgaben zu unterwerfen.»
Michael Esfeld, seit 2002 Professor für Philosophie an der Universität Lausanne, ist Teil dieses Netzwerks. Esfeld, ein Deutscher, Autor mehrerer Bücher und Mitglied in renommierten Gremien, ist keiner, der pointierte Aussagen scheut. Aber auch er spricht vorsichtig, Details über konkrete Vorfälle will er auf Anfrage keine liefern («Datenschutz»).

Nicht Mainstream? Ab in die Schmuddelecke!

Er spricht jedoch über Entwicklungen, die ihm Sorgen bereiten – auch bei uns, in der Schweiz. Er sagt: «In der Klimakrise gibt es nur noch die eine richtige Meinung, in der Coronakrise sollen auch nur noch die Mitglieder der Taskforce für die Wissenschaft sprechen. Es geht nicht, dass bestimmte Gruppen eingeschränkt, nicht gehört werden – das bedroht die Freiheit der Forschung und Lehre.» Es entspreche sowohl dem Zeitgeist als auch dem Ausbruch von Panik wegen der Pandemie, dass nicht mehr alle, wie sonst in der Schweiz üblich, gemeinsam an einem Tisch sitzen.
Esfeld erklärt, was dann geschehen kann: Auch bisher unverdächtige Wissenschaftler können ruckzuck in der schmuddeligen Ecke landen: «Auf einmal werden Top-Experten wie der Gesundheitswissenschaftler John Ioannidis verleumdet – alleine wegen ihrer Meinung, die vom Mainstream abweicht. Zuvor nannte man sie noch Koryphäen. Das ist keine gute Entwicklung.»
Darum sei es problematisch, wenn die SRG nur wenige Meinungen wiedergebe – oder die Taskforce Kritik von Experten mit anderer Meinung nicht wahrnehme. Es gebe nicht die Wissenschaft. «Die Wissenschaft spricht mit mehreren Stimmen.»

«Es ist keineswegs sicher, dass die eidgenössischen Universitäten von Cancel Culture verschont werden.»

Vojin Saša Vukadinović, Historiker und Geschlechterforscher

Dass dies auch in der Schweiz nicht mehr selbstverständlich ist, muss nachdenklich stimmen. Auf Anfrage sagen ausgewählte Universitäten (Basel, Zürich, Bern) sowie die ZHAW jedoch, dass sie die Meinungsfreiheit nicht in Gefahr sehen. Es stimmt: Viele aufsehenerregende Beispiele sind nicht bekannt. Sabotierte Auftritte von unliebsamen Personen, wie dem libertären chilenischen Ökonomen Axel Kaiser vor einem Jahr in Zürich, gibt es selten. Kaiser wurde in einem Lokal mit Eiern beworfen. An der Universität, wo Kaiser eigentlich hätte auftreten sollen, hatte man zuvor schon kalte Füsse bekommen.
Es geht aber nicht um jene Beispiele, die auch medial für Aufsehen gesorgt haben. Vojin Saša Vukadinović, Historiker und Geschlechterforscher, gehört dem Netzwerk ebenfalls an. Und er widerspricht den Hochschulen. Er ist der Meinung, dass die Universitäten sehr wohl ein Augenmerk auf Cancel Culture legen sollten, «denn die Nachbarländer der Schweiz sind von diesen Entwicklungen erfasst worden, und es ist keineswegs sicher, dass diese die eidgenössischen Universitäten verschonen werden». Darüber müsse man sprechen.
Die Schweiz unterscheide sich in politischer Hinsicht zwar wesentlich von den anderen Staaten. Das ist ein Glück – aber Vukadinović sagt auch, «dass hier, wie im gesamten deutschsprachigen Raum, Vieles erst versetzt Einzug hält».

Wer Angst hat, schweigt

Aber wird die Einflussnahme auf Wissenschaftler in der Schweiz wirklich stärker? Vukadinović sagt, dass es gar keiner Aufforderung seitens Dritter bedürfe, woke zu werden: «Das Phänomen konstituiert sich wesentlich darüber, dass Menschen aus irrationalen Gründen die Entscheidung fällen, mitmachen zu wollen – oder aber dazu, aus Angst zu schweigen. Woke Personen wähnen sich auf der richtigen Seite der Geschichte, halten sich für selbstreflexiv, definieren sich explizit über eine kollektive Identität und denken in antiindividualistischen Begriffen, die alles auf Gruppenzugehörigkeiten zurückführt.»
Reaktionen auf diejenigen, die sich dezidiert anders verhalten und dem Trend explizit verweigern, zeigten: Es gebe oftmals unausgesprochene und bedrückende Normen gerade unter Forschenden, die sich selbst für fortschrittlich, aufgeklärt und weltgewandt hielten.
Elham Manea ist sich Widerspruch gewohnt. Ihr Einsatz für ein Burkaverbot (aus Sicht einer Feministin) hat der Privatdozentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich viel Kritik von links eingebracht. Sie hat sich dem Netzwerk ebenfalls angeschlossen. Sie sagt, dass man davon lernen müsse, was in anderen Ländern geschehe – damit wir nicht in ähnlichen Situationen landeten: «Es geht hier darum, die Freiheit der Forschung in einem polarisierten Umfeld zu verteidigen.»
Eine Freiheit, die immer mehr Wissenschaftler als gefährdet einstufen.

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