Somms Memo

Bürgerkrieg in der Schweiz: Wie unser Land vor 175 Jahren in Hass und Gewalt versank.

image 8. November 2022, 11:00
Krieg und Hass in der Schweiz. Das Gefecht bei Gisikon vom 23. November 1847. Druckgrafik von 1848.
Krieg und Hass in der Schweiz. Das Gefecht bei Gisikon vom 23. November 1847. Druckgrafik von 1848.
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Die Fakten: Vor 175 Jahren brach der Sonderbundskrieg aus, ein Bürgerkrieg, aus dem die moderne Schweiz hervorging. Mit Gewalt, Blut, Tränen und Hass.

Warum das wichtig ist: 300 Jahre lang gab es fast alle 50 Jahre einen Bürgerkrieg. Was 1847/48 entschieden wurde, ist wohl die grösste Leistung unserer Vorfahren.


Bernhard Meyer, der Gesandte des Kantons Luzern an der Tagsatzung, hatte am Abend des 29. Oktober 1847 Bern fluchtartig verlassen, er nahm einen Zweispänner, also die schnellste Kutsche, und hetzte die ganze Nacht durchs Emmental und Entlebuch zurück nach Luzern. Am Morgen um 4 Uhr traf er ein:
«Ich eilte in die Wohnung des Herrn Siegwart», schrieb er in seinen Memoiren – Constantin Siegwart-Müller war der Schultheiss von Luzern und faktische Chef des Sonderbundes:
«berichtete ihm über die Vorfälle an der Tagsatzung, über die Unvermeidlichkeit des Krieges und flehte ihn an, alles aufzubieten, um … sofort loszuschlagen. In jeder Verzögerung liege für uns die grösste Gefahr».
Wenn Meyer gemeint hatte, er müsste auf Siegwart noch lange einreden, lag er falsch. Der mächtige und ehrgeizige Mann berief noch am gleichen Tag den Kriegsrat des Sonderbundes ein, eines Separatbündnisses der Kantone Luzern, Zug, Uri, Schwyz, Unterwalden, Wallis und Freiburg, also so gut wie alle katholischen Orte. Man beschloss den Krieg.
Wenige Tage später fielen urnerische Truppen ins Tessin ein. Sie besetzten den Gotthard, Ziel war es, damit Anschluss zu finden an die Lombardei, einem Gebiet, das zu jener Zeit den Österreichern gehörte. Von ihnen (Katholiken und Konservative auch sie) erhoffte man sich militärische Unterstützung.
Giacomo Luvini, der Kommandant der 6. Division, die den Tessin verteidigen sollte, hielt fest:
«Die Nachricht über die Invasion bewegte die Bevölkerung … besonders in Airolo. Sogleich griffen ein paar mutige Männer zum Karabiner und begaben sich zum Gotthard, um den Feind auszuspionieren, dabei versteckten sie sich hinter Felsen.»
Krieg im Tessin, Krieg in der Schweiz.
Heute ist das unvorstellbar, 1847 aber nicht ungewöhnlich. Seit die Reformation die Schweiz im 16. Jahrhundert in zwei Hälften geteilt hatte, eine katholische und eine reformierte, war es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen gekommen, oft bloss kleinere Scharmützel und andere Gemeinheiten, dann aber auch vier veritable Bürgerkriege, wo zahlreiche Schweizer umkamen, und nachher stets ein Frieden geschlossen wurde, bei dem jedermann wusste, dass er nur einen neuen Krieg vorbereitete.
  • Katholiken hassten Protestanten
  • Protestanten verabscheuten Katholiken

Die gemeinsame Tagsatzung wurde kaum mehr durchgeführt, stattdessen fanden eine katholische und eine reformierte Tagsatzung statt.
Das Land galt in den Augen seiner Nachbarn als unruhig, zerstritten auf eine manchmal grotesk kleinkarierte Art und Weise, dabei kam es allerdings niemanden in den Sinn, dieses dysfunktionale Land anzugreifen – denn
  • der Ruf der Schweizer Truppen war nach wie vor legendär, man fürchtete ihre pünktliche Brutalität
  • und Frankreich, das die meisten Schweizer Söldner angestellt hatte, legte seine schützende Hand über das Land. Wer die Schweiz überfiel, dass wussten alle in Europa, bekam es mit Frankreich zu tun
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1847 ging es vordergründig um etwas anderes als um den richtigen Glauben. Die politische Zukunft des Landes stand auf dem Spiel. Wie sollte es sich verfassen? Blieb es ein lockerer Staatenbund von souveränen, eigenwilligen Kantonen oder ein Bundesstaat mit gemeinsamer Regierung und Parlament?
Seit 1815 hatten die Liberalen auf mehr Zentralisierung in der Eidgenossenschaft gedrängt, einem kuriosen, altertümlichen Staat, der nach dem Fall von Napoleon wieder unabhängig geworden war. Den Konservativen sowohl in reformierten als auch katholischen Kantonen ging das zu weit.
  • Die einen sträubten sich gegen ein erweitertes Wahlrecht
  • die anderen störten sich am vermeintlichen Einheitsstaat, jedenfalls sah man nicht ein, was es das zu verändern geben sollte.

Und da der neue Bundesvertrag von 1815 keine Revisionsklausel vorsah, konnte man auch nichts verändern – es sei denn mit Gewalt.
Nachdem sich 1830 nach kurzen Revolutionen die Hälfte der Kantone eine liberale Verfassung gegeben hatte, während die andere Hälfte das alte Regime vorzog, verschärften sich die Spannungen naturgemäss.
Dennoch blieb es beim Patt. Niemand besass die Mehrheit in der Tagsatzung, dem einzigen, gemeinsamen Gremium der Schweiz, eine Kreuzung von Parlament, Politbüro und ohnmächtiger Exekutive. Manchmal tagte man, bis es tagte.
  • Vielleicht wäre die Schweiz noch jahrzehntelang in diesem Zustand eines «failed state» verharrt, hätte es nicht zwei Konfessionen gegeben.

Denn von Anfang war der Gegensatz liberal – konservativ auch religiös unterlegt, zumal die Katholiken den liberalen Staat sehr viel mehr als eine Bedrohung für ihre Kirche ansahen, als dies in reformierten Kreisen der Fall war. (Wobei nicht zu vergessen ist, dass es auch reformierte Konservative gab, die den liberalen Staat genauso ablehnten, aber sie waren in ihren Kantonen in die Minderheit versetzt worden.)
Jedenfalls wussten die Liberalen um die katholischen Sensibilitäten – und taten alles, um die Katholiken aufs Blut zu reizen:
  • sie hoben im Aargau die Klöster auf (was dem Bundesvertrag widersprach)
  • sie hiessen Freischarenzüge gut, also irreguläre, liberale Truppen, die in katholische Gebiete einfielen
  • sie verlangten, dass Luzern die Jesuiten, die es gerade erst in den Kanton geholt hatte, wieder wegschickt
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„Blutschänder der christlichen Liebe“. Die Liberalen bekämpften die Jesuiten, als kämen sie aus der Hölle. (Jesuiten feiern mit Papst Franziskus das Titularfest ihres Ordens mit einer Messe in Rom, Januar 2014.)
Achtung, die Jesuiten! Eine liberale Zeitung schrieb damals über sie:
«Jesuiten sind die Banditengarde des Papstes, die Sprösslinge des Schierlings- und des Fliegenschwammes, der Bandwurm der Niederträchtigkeit … , die Schinderknechte der gesunden Vernunft, die Blutschänder der christlichen Liebe».
Man muss es bedauern: Aber erst der konfessionelle Streit löste jenen Hass in den Schweizern aus, den es brauchte, um einen Krieg herbeizuführen. Nur der Demokratie oder der Zentralisierung wegen wären die Menschen wohl kaum gegeneinander ins Feld gezogen.
Die Katholiken fühlten sich wie Fremde im eigenen Land. Deshalb hatten sie sich 1845 zum Sonderbund zusammengeschlossen. Nur Krieg, so meinten sie, würde sie befreien. Dass sie dabei völlig jedes Mass verloren, lag auch an Siegwart, dem ambitionierten Schultheissen von Luzern.
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Seine Vision der Schweiz war eine düstere: Er wollte das Land aufteilen – wie man später Irland auftrennen sollte. Die beiden Konfessionen hätten je ein eigenes Territorium erhalten, und die Verbindung untereinander wäre noch loser geworden als bisher. Natürlich glaubte Siegwart an einen Sieg:
  • Waren die Katholiken, insbesondere die Innerschweizer, nicht die tüchtigeren Soldaten? Das hatte die Geschichte vielfach gelehrt
  • Überdies rechnete er mit einer Intervention der Grossmächte – zugunsten des Sonderbundes

Bereits hatte er dem Kriegsrat weitgehende Annexionspläne vorgelegt. Hätten die Katholiken den Bürgerkrieg gewonnen, die Grenzen innerhalb der Eidgenossenschaft wären neu gezogen worden. Es war eine Karte des katholischen Grössenwahns:
  • Luzern hätte den halben, den katholischen Aargau bekommen: Freiamt, Baden, Zurzach, das Fricktal
  • Freiburg die Hälfte der Waadt
  • Bern hätte sein Berner Oberland an Nidwalden abtreten müssen
  • Glarus wäre ganz aufgelöst und unter seine Nachbarn verteilt worden
  • Der Berner Jura und der heutige Kanton Jura (der damals zu Bern gehörte) wären zu einem neuen «Kanton Pruntrut» zusammengefasst worden
  • Zürich hätte das Säuliamt an Zug abgegeben

Wenn man dieses überzogene, geradezu imperialistische Programm mit dem Frieden vergleicht, den die Liberalen den Katholisch-Konservativen nachher gewähren sollten – ohne jegliche Gebietsveränderungen –, dann muss nur schon deshalb froh sein, dass die Liberalen siegten und nicht die Konservativen. Das Land wäre nie mehr zur Ruhe gekommen.
Nach einem kurzen Bürgerkrieg war das der Fall. Der Sonderbund verlor, die Grossmächte halfen nicht. 1848 entstand der liberale Bundesstaat. Eine Errungenschaft sondergleichen, die bis heute die halbe Welt in Staunen versetzt. *
Die Tessiner schlugen den ersten Angriff der Urner übrigens zurück. Diese hatten 15 Scharfschützen und zwei Offiziere nach Airolo geschickt, um die Lage zu erkunden. Dabei wurden sie von den Tessinern überrascht, die beiden Offiziere erschossen.
Das reichte den Urnern. Die meisten ihrer Soldaten waren ohnehin widerwillig ins Tessin gezogen. Sofort gaben sie auf. In «panischem Schrecken» rannten sie nach Uri zurück.
Wilhelm Tell, ebenfalls ein Urner, dürfte Verständnis für die Tessiner gehabt haben. In Schillers Tell sagt er:
«Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben,
Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.»

Ich wünsche Ihnen einen friedlichen Tag. Markus Somm

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