Alle Macht den Eltern. Im Gymnasium haben sie mehr Einfluss als die Lehrer. Wie sich das negativ auswirkt

Alle Macht den Eltern. Im Gymnasium haben sie mehr Einfluss als die Lehrer. Wie sich das negativ auswirkt

Eltern akzeptieren Kritik an ihren Sprösslingen immer weniger, Schuld sind meist die anderen. Wie Lehrer und Schulleiter darauf reagieren sollten – und warum sie es so selten tun. Teil 3 der Serie «Brennpunkt Gymnasium».

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von Sebastian Briellmann am 2.9.2021, 04:00 Uhr
Überforderte Lehrer? Der Druck auf sie ist gross – aber sie könnte sich vielleicht auch mehr wehren... Foto: Shutterstock
Überforderte Lehrer? Der Druck auf sie ist gross – aber sie könnte sich vielleicht auch mehr wehren... Foto: Shutterstock
Am Anfang sind es E-Mails, SMS, Anrufe. Unregelmässig, wenn es beginnt, und nicht selten salvenartig, wenn es endet. Dann kommt der Anwalt.
Wie das Pendel doch umgeschwenkt ist: Hörten Eltern früher auf den Lehrer und den Pfarrer (und hatte ein Kind durchaus Mühe, seinen Standpunkt auch nur zu vermitteln), ist es heute umgekehrt. Eltern akzeptieren Kritik an ihren Sprösslingen immer weniger, Schuld sind meist die anderen.
Der «Tages-Anzeiger» schrieb schon vor sechs Jahren: «Kampfplatz Schule: Eltern setzen Lehrer unter Druck.» Noch drastischer formulierte es wenig später «20 Minuten»: «Kinder von Motz-Eltern kriegen bessere Noten.» Und Beat Zemp, der 2019 nach drei Jahrzehnten als «oberster Lehrer der Schweiz» abgetreten ist, kam in seinen letzten Jahren an den Begriffen «Helikoptereltern», «Klageflut» und «Druck» kaum mehr vorbei.

Brennpunkt Gymnasium –

wie ist der Zustand in unseren Oberschulen?

Wir debattieren über die Qualität und die Chancengleichheit, über Quoten und Feminisierung. Und in zwei Jahren steht auch noch eine Reform an. Wie steht es um das Gymnasium in der Schweiz?
Lesen Sie hier Teil 1: Problemzone Basel-Stadt. Viele Schüler, miese Leistung. Dagegen getan wird wenig.

Besonders manifestiert sich dieses Phänomen beim Übertritt von der Sekundarschule ans Gymnasium. Das führt dazu, dass fast alle Kinder, die in die Oberstufe wechseln, dort aber nicht hingehören, aus bildungsnahen Haushalten stammen.
Elsbeth Stern, Professorin für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich, sagt: «Viele Akademiker-Eltern wollen unbedingt, dass ihr Kind an ein Gymnasium geht. Sie sollten es nicht schlechter haben als sie selbst. Das ist nachvollziehbar. Weniger gut ist, dass es auch um den sozialen Status geht. Als wäre nur das Gymnasium etwas wert.»
Dass sich diese Ansicht immer mehr durchsetzt, kann jedoch kaum erstaunen. Heike Bruch, die an der Universität St. Gallen unter anderem Leadership lehrt, sagte der «Basler Zeitung» über Kinder aus der Generation Z: «Die Jungen wurden zu Hause behandelt wie ein Weltwunder.»

«Akademiker haben nur eine Präferenz: Ihr Kind muss ans Gymnasium. Das ist egoistisch, sie denken dabei nur an ihren Status und nicht daran, dass das schlecht für Gesellschaft und Volkswirtschaft sein kann.»

Stefan Wolter, Bildungsforscher an der Universität Bern

Stefan Wolter, der angesehene Bildungsforscher der Universität Bern, sieht dieses Verhalten ebenfalls kritisch. Er weiss, dass bei Umfragen stets dasselbe herauskommt: Akademiker wollen noch höhere Gymnasial-Quoten. Und sie lehnen deshalb Massnahmen wie eine Aufnahmeprüfung ab. Wolter sagt: «Sie haben nur eine Präferenz: Ihr Kind muss ans Gymnasium. Das ist egoistisch, sie denken dabei nur an ihren Status und nicht daran, dass das schlecht für Gesellschaft und Volkswirtschaft sein kann. Das meritokratische Prinzip wird oft ausgeblendet.»
Begründet wird die ablehnende Haltung gegenüber Aufnahmeprüfungen immer ähnlich, erklärt Wolter. Sie ist zu stressig, und mit gezielter Nachhilfe wird die Chancenungleichheit vergrössert.» Dabei hat Wolter mit seinem Team nachweisen können, dass dem nicht so ist – und Noten gerecht und unabhängig von der Herkunft verteilt werden.
Ungerechtfertigte Quoten, verursacht durch ungerechtfertigte Noten, können durch externe Tests teilweise aufgefangen werden. «Wir konnten aufzeigen, dass Kantone mit solchen Tests jene Schüler mit ungenügenden Kompetenzen, die mehrheitlich Akademikerkinder sind, fürs Gymi praktisch ausschliessen konnten.»

«Noteninflation»

Das führt unweigerlich zur Frage, wie diese unbefriedigende Situation verbessert werden kann. Denn klar ist: Auch nach dem Übertritt ins Gymnasium wird der Einfluss der Eltern nicht weniger. Wolter und Stern sprechen beide von einer «Noteninflation», die vorkommen kann. Was früher eine 4,5 war, ist heute plötzlich eine 5 wert. Wenn ein Schüler unter diesem Schnitt liegt, machen die Eltern Druck. Und die Lehrer geben irgendwann nach.
Gäbe es standardisierte Tests, etwa zur Überprüfung der Intelligenz, könnte man in den Klassenzimmern für Entlastung sorgen, ist Elsbeth Stern überzeugt: «Es wäre gut, wenn die Notengebung vermehrt von externen Lehrern oder Examinatoren vorgenommen würde. Das nimmt den Druck von den Lehrern. Sie müssen zu viel Zeit mit Rechtfertigen verschwenden. Gleichzeitig verschwände auch der oft gehörte Vorwurf des rein subjektiven Bewertens.»
Nun kann man einwenden, dass es, bei aller Mühseligkeit, durchaus Aufgabe der Lehrer ist, sich diesem Druck zu stellen. Oder zumindest Aufgabe der Rektoren, die sich schützend vor ihr Personal stellen, handelt es sich bei ihnen doch um gut bezahlte Führungskräfte.

«Es wäre wohl politischer Selbstmord, wenn man auf strengere Benotung pochen würde.»

Stefan Wolter, Bildungsforscher an der Universität Bern

Wolter entgegnet: «Sehen Sie: Wenn das nur einer alleine macht, dann kommt er sofort von allen Seiten unter Druck: von den Lehrern, die den strengen Kurs durchsetzen müssen, von den Eltern, die kritisieren – und auch von der Politik, die die Chancengleichheit gegenüber früheren Jahrgängen verletzt sieht. Diesem Druck will sich niemand aussetzen.» Man sollte aber annehmen dürfen, dass Lehrer bei ihrer Notengebung keine Kompromisse machen und externe Einflüsse berücksichtigen sollten.
Das ist eine ziemlich pessimistische Auslegeordnung. Und das ist noch nicht alles. Auch von der Politik ist nicht viel Hilfe zu erwarten, sagt Wolter: «Es wäre wohl politischer Selbstmord, wenn man auf strengere Benotung pochen würde.»

«So kommt man nicht weiter»

Die einzige Chance, die der Bildungsexperte sieht: Wenn ein Bildungsdirektor in seiner letzten Legislatur ist und nicht mehr den Druck der nächsten Wahlen spürt. Allerdings, sagt Wolter, sei sogar dies eine Rarität, da es um den eigenen Ruf gehe. Wolter nennt ein Beispiel: «Bei den Numerus-Clausus-Tests fürs Medizinstudium taten Regierungsräte aus jenen Kantonen, die am schlechtesten abgeschnitten haben, die Evidenz als untauglich ab. So kommt man natürlich nicht weiter.»
Eine Idee gibt es aber, «für mutige Rektoren», was schon einiges aussagt. Wenn diese Schulleiter die standardisierten Tests rein informativ machen und über mehrere Jahre überprüfen würden, wen die Sekundarschulen da überhaupt an die Gymnasien schicken, könnte es klappen. Wolter sagt: «Dann gibt es die Möglichkeit, mit den gesammelten Erkenntnissen zu reagieren. Es dürfte nämlich ziemlich klar werden, dass es Sek-Schulen gibt, die viel zu schlechte Schüler ans Gymnasium schicken.»
Ob das genug ist, um die Macht der Eltern auch nur ansatzweise einzuschränken: Dahinter darf ein dickes Fragezeichen gesetzt werden.

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