Ein Drittel der Gymnasiasten ist zu schlecht. Die Noten sind dennoch zu gut. Und die Quoten überborden

Ein Drittel der Gymnasiasten ist zu schlecht. Die Noten sind dennoch zu gut. Und die Quoten überborden

An den Schweizer Gymnasien offenbaren sich grosse Unterschiede. Generell gilt: Je höher die Übertrittsquote, desto schlechter die Leistungen. Die Kantone tun sich jedoch schwer mit Änderungen. Dabei gäbe es genug Lösungsvorschläge. Teil 2 der Serie «Brennpunkt Gymnasium».

image
von Sebastian Briellmann am 1.9.2021, 04:00 Uhr
Wie viel Gymnasiasten verträgt die Schweiz? Hier ein Foto der Maturfeier im St. Antonius im Kanton Appenzell Innerrhoden. Foto: Kanton AI
Wie viel Gymnasiasten verträgt die Schweiz? Hier ein Foto der Maturfeier im St. Antonius im Kanton Appenzell Innerrhoden. Foto: Kanton AI
Zuerst gibt es einmal eine Tasse Grüntee. Das beruhigt, sagt man, und ein bisschen Gelassenheit kann wohl nicht schaden bei einem hitzigen Thema, das die Gemüter vieler Schüler und noch mehr Eltern in der Schweiz im Frühling regelmässig erhitzt: Wie viele Schüler sollen nach der Sekundarschule in die Gymnasien dieses Landes – und wie werden diese ausgewählt?

Brennpunkt Gymnasium –

wie ist der Zustand in unseren Oberschulen?

Wir debattieren über die Qualität und die Chancengleichheit, über Quoten und Feminisierung. Und in zwei Jahren steht auch noch eine Reform an. Wie steht es um das Gymnasium in der Schweiz?
Lesen Sie hier Teil 1: Problemzone Basel-Stadt. Viele Schüler, miese Leistung. Dagegen getan wird wenig.

Im Büro von Elsbeth Stern, Intelligenzforscherin und Professorin für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich, droht kein Heisslaufen, das Interieur des Raumes passt zur unscheinbar-zweckmässigen Erscheinung des Gebäudes, hier, das ist spürbar, wird jedes Thema nüchtern behandelt. Stern sagt pragmatisch, dass nur die Intelligenten ans Gymnasium sollten. Und sie sagt auch: «Intelligenz heisst: Informationen effizient verarbeiten, Schlussfolgerungen ziehen, abstrahieren – und auch in der Lage sein, selbstständig zu lernen.»
Wer das ist, oder eben nicht: Keine einfache Frage. Es ist deshalb nachvollziehbar, dass an den Schweizer Esstischen dieser Pragmatismus manchmal zu kurz kommt bei der Debatte, ob das eigene Kind das Potenzial fürs Gymnasium hat. Mit einberechnet müssen auch die gigantischen Quoten-Unterschiede der Kantone – und es bedarf keines Studiums in Nanowissenschaften für die Feststellung, dass die Diskrepanz keine natürliche sein kann. Vielmehr ist klar: Es ist nicht möglich, dass in Kantonen wie Genf, Tessin oder Basel-Stadt mit exorbitant hohen Gymnasial-Quoten nur Genies leben – und in Kantonen wie Glarus oder St. Gallen nur Nieten (vgl. Grafik unten).

image
Lesebeispiel: 23 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die im Juni 2013 die obligatorische Schule abgeschlossen haben, traten im selben Jahr (August 2013) in eine Schule ein, die auf die gymnasiale Maturität vorbereitet. Quelle: Bundesamt für Statistik

Überspitzt formuliert darf man sogar davon ausgehen, dass es eher umgekehrt ist. Die Basler haben zum Beispiel an der Universität die höchsten Abbruchquoten. Und der renommierte Bildungsforscher Stefan Wolter sagt: «Basel-Stadt hat eine negative Korrelation: Eine hohe Gymnasial-Quote, aber schlechte Schüler.» (Lesen Sie hier: Problemzone Basel-Stadt. Viele Schüler, miese Leistung.)
Nun stellt sich die Frage: Was kann, was muss man gegen die frappanten Unterschiede tun? Eine fixe Quote ist weder liberal noch fair, Unterschiede soll es je nach Einzugsgebiet durchaus geben – und schlussendlich kommt es ja auch auf die Kompetenzen der Schüler in jedem Jahrgang an.
Stern sagt, dass die rund 20 Prozent, die man an den Gymnasien haben will, vertretbar seien: «Ich bin nicht für eine schweizweit einheitliche Gymnasial-Quote. In städtischen Gebieten, die viele Akademiker anziehen, ist der Anteil der geeigneten Kinder sicher etwas höher.» Da gibt es für Stern aber einen Knackpunkt: «Das Problem ist einfach, dass es – was die Intelligenz angeht – nicht die besten 20 Prozent sind. Mindestens ein Drittel, und das ist wirklich konservativ geschätzt, der Gymnasiasten gehören eigentlich nicht dorthin.»

«Je höher die Quote, desto schlechter die Fähigkeiten der Maturanden – und umso geringer die Chancen, im Studium zu bestehen.»

Stefan Wolter, Bildungsforscher an der Universität Bern

Auch Stefan Wolter ist der Meinung, dass eine hohe Quote natürlich keine Rolle spielte, wenn es die Fähigkeiten der Schüler hergäbe. Da dem aber nicht so ist, wie die Praxis zeige, gilt: «Je höher die Quote, desto schlechter die Fähigkeiten der Maturanden – und umso geringer die Chancen, im Studium zu bestehen.»
Zu diesem Ergebnis ist Wolter dank einer aufwendigen Studie gekommen – in der alle Maturanden und ihre darauffolgenden Leistungen an den Universitäten zwischen 1975 und 2008 untersucht worden sind. Unter Berücksichtigung von allen wichtigen Parametern: Alter. Geschlecht. Maturatyp. Studienfach. Plus kantonale Maturitätsquote. Wolter sagt: «Das Resultat ist keine unschuldige Grösse. Es gibt in Kantonen mit höheren Quoten ein grösseres Abbruchrisiko.»

Warum keine Aufnahmeprüfung?

Die Erkenntnis ist die eine, der Umgang damit eine ganz andere Frage. Und da tun sich viele Kantone schwer. Es ist kein Geheimnis, dass viele Lehrer viel zu kulant benoten – weil sie sich keinen Diskriminierungsvorwürfen oder dem Druck der Eltern aussetzen wollen. Das führt dazu, was Stern sagt: Zu viele «Nicht-Intelligente» an den Gymnasien. Auch Wolter hat dieses Problem erkannt. Er sagt: «Die Kompetenzen der Schüler beim Eintritt ins Gymnasium sollten besser in den Blick genommen werden. Es ist nach bisheriger Erfahrung keine Erfolgsgeschichte, wenn nur auf die Vornoten vertraut wird.»
Es ist erstaunlich, dass sich viele Kantone trotzdem gegen eine Aufnahmeprüfung wehren. Oft heisst es, dass dies die Chancenungleichheit noch weiter verstärke. Wer aus einem bildungsnahen Elternhaus komme, werde mit Nachhilfeunterricht und dem Support der Eltern besser vorbereitet. Das ist allerdings ein Irrtum, wie Wolter sagt: Akademikerkinder werden wider Erwarten bevorzugt, wenn es keine Prüfung brauche. Sozial Schwächere dagegen profitierten nicht.

«Es ist auffällig, dass zu viele Schüler zu gute Noten haben. Das heisst: Auch nicht-intelligente Kinder werden zu gut bewertet.»

Elsbeth Stern, Intelligenzforscherin an der ETH Zürich

So bleibt das Problem der nonchalanten Notengebung und der in manchen Kantonen zu hohen Übertrittsquoten. Stern sagt: «Es ist auffällig, dass zu viele Schüler zu gute Noten haben. Das heisst: Auch nicht-intelligente Kinder werden zu gut bewertet. Das ist nicht sinnvoll, denn Fehleinschätzungen schaden der Gesellschaft. Wer überfordert ist, kann sein berufliches Potenzial nicht voll entfalten.»
Neben dem Druck, dem sich die Lehrer immer häufiger nicht mehr aussetzen wollen (was nicht unverständlich ist), sieht Stern auch noch einen Punkt, den es zu berücksichtigen gilt: «Es gibt eine Studie, die besagt, dass Lehrer nicht besonders gut darin sind, die Intelligenz ihrer Schüler richtig einzuschätzen. Das ist auch nicht ihre Kernaufgabe.» Deshalb wäre es aus ihrer Sicht vernünftig, wenn nebst den Schulnoten auch noch standardisierte Tests, die die Intelligenz messen, durchgeführt würden.

Droht eine Rebellion?

Wolter ist allerdings skeptisch, ob das in der Praxis umsetzbar ist: «Ich glaube nicht, dass es Schulleiter gibt, die sich sagen: So, jetzt schauen wir wirklich auf die Qualität der Schüler – und senken die Gymnasial-Quote, etwa mit standardisierten Tests.» Das hätte einen riesigen Aufschrei zur Folge.
Wolter ist aber auch der Meinung, dass etwas getan werden muss: «Wenn wir das nicht in den Griff kriegen, dann drohen uns Debatten wie in Frankreich, unten gegen oben, fast schon eine Rebellion.» Es sei das Glück der Schweiz, «dass wir ein grosses Korrekturventil an den Hochschulen haben». Die Universitäten hätten genügend grosse Pools an Studierenden aus verschiedensten Kantonen und auch aus dem Ausland, um von den zu hohen Maturaquoten-Quoten eines Kantons nicht unter Druck gesetzt werden zu müssen. Das helfe der Chancengerechtigkeit, wenn auch spät…
Wolter sagt auch klar: «Es handelt sich für Eltern, die ihr Kind zur Matur treiben, deshalb oft um einen Pyrrhussieg.» Gerade in Kantonen mit einer hohen Gymnasial-Quote. Wer da die Untätigkeit der Kantone als nachvollziehbar empfindet, braucht wohl literweise Grüntee.

Mehr von diesem Autor

image

Zeitungsente der Woche: Für Granit Xhaka gilt bereits Impfpflicht. Ist er nur noch ein Mensch zweiter Klasse?

image

Bern einfach vom 1. September: Die Zertifikatspflicht kommt nicht – das ist gut. Corona macht uns wehleidig und unversöhnlich – das ist schlecht

Ähnliche Themen

image

«Wir gehen auf tutti!» Ein Lehrer kämpft mit allen Mitteln gegen die Maskenpflicht an Schulen

Philipp Gut14.9.2021comments