Problemzone Basel-Stadt. Viele Gymnasiasten, miese Leistung. Dagegen getan wird wenig

Problemzone Basel-Stadt. Viele Gymnasiasten, miese Leistung. Dagegen getan wird wenig

37 Prozent aller Schüler wechselten im August von der Sekundarschule ans Gymnasium. Auch für den Basler Bildungsdirektoren ein zu hoher Wert. Von möglichen Bekämpfungsmassnahmen – wie einer Aufnahmeprüfung – wird dennoch abgesehen. Teil 1 einer Serie.

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von Sebastian Briellmann am 26.8.2021, 16:00 Uhr
Das Gymnasium Leonhard in Basel ist das grösste im Kanton. Viele Schüler gehörten da nicht hin. Foto: Basel-Stadt
Das Gymnasium Leonhard in Basel ist das grösste im Kanton. Viele Schüler gehörten da nicht hin. Foto: Basel-Stadt
Informieren, informieren, informieren.
Das Konzept mag etwas verzweifelt daherkommen, und vielleicht ist es das auch, aber im Basler Erziehungsdepartement (ED) sieht man aktuell keine bessere Lösung.
Und eine Lösung braucht es, irgendwie, selbst wenn es eine schwammige ist, denn die für die Bildung zuständige Behörde hat ein Problem. Im August haben 37 Prozent aller Sekundarschüler an ein Gymnasium gewechselt – das ist, mal wieder, der höchste Wert aller Kantone in der Deutschschweiz.

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Das ist Bildungsdirektor Conradin Cramer zu viel. Also tut er, was er tun kann. Er informiert, informiert, informiert. Zusammen mit «Lehrern, Betrieben, Wirtschaftsverbänden et cetera» werde «einiges» unternommen, um gerade Eltern, die das duale Bildungssystem – eine schweizerische Erfolgsgeschichte – nicht kennen, darauf hinzuweisen, dass der «scheinbare Königsweg Gymnasium-Universität» bei fehlenden Fähigkeiten zu «Frustrationen und Misserfolgen» verbunden sein kann.
Nun muss man jedoch einwenden, dass die Basler Informationstaktik bisher nicht aufgegangen ist. Basel-Stadt leidet seit Jahren an der hohen Gymnasial-Quote – wie Genf, Tessin oder Waadt. Dies zeigt eine Übersicht, die das Bundesamt für Statistik für den «Nebelspalter» erstellt hat.

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Lesebeispiel: 23 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die im Juni 2013 die obligatorische Schule abgeschlossen haben, traten im selben Jahr (August 2013) in eine Schule ein, die auf die gymnasiale Maturität vorbereitet. Quelle: Bundesamt für Statistik

Dass dieser Weg kein erfolgreicher ist, zeigt auch eine andere Statistik: Vor drei Jahren wurde bekannt, dass 22 Prozent der Basler Maturanden, die seit 2008 ein Studium begonnen haben, dieses bereits abgebrochen (oder nach 16 Semestern noch keinen Bachelor-Abschluss gemacht) haben. Das ist im kantonalen Vergleich wenig überraschend der schlechteste Wert.
Das führt auch dazu, dass in Basel Lehrstellen nicht mehr wunschgemäss besetzt werden können. In der «Basler Zeitung» klagten deshalb die Wirtschaftsverbände, dass viele Schüler zu schlecht für eine Lehre seien. Jene, die man früher gerne genommen hat, sind nun – und oft zu Unrecht – im Gymnasium. Ein Teufelskreis.

Schon wieder Makulatur?

Immerhin, muss man sagen, hat Basel-Stadt die Quote in den letzten Jahren leicht senken können. 2018 wechselten sogar sagenhafte 45 Prozent von der Sekundarschule in ein Gymnasium – dies war allerdings dem Umstand einer Systemumstellung geschuldet. Das ED will sich wohl auch wegen dieser wechselhaften Entwicklungen noch nicht darauf festlegen, dass der nun wieder leicht gestiegene Wert eine Tendenz sei: «Dafür müssen erst ein, zwei weitere Jahre abgewartet werden. Aber klar ist, die Quote ist – gerade im Vergleich zu anderen Kantonen – sehr hoch.»
Unklar ist, wie die jetzige Steigung zustande gekommen ist. In den letzten drei Jahren konnte die Quote auch deshalb leicht gesenkt werden, weil strenger benotet wurde. Ist das schon wieder Makulatur? Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Lehrer – nicht nur, aber ausgeprägt in Basel-Stadt – nur ungern den Notenschnitt senken. Aus (berechtigter) Sorge vor reklamierender Eltern und der daraus folgenden Mehrbelastung? Aus Angst vor Diskriminierunsgvorwürfen im links-grünen Schmelztiegel-Kanton?
Eine Alternative, die etwa in Zürich praktiziert wird, wäre eine Aufnahmeprüfung. Regierungsrat Cramer nimmt jedoch (und wohl zu Recht) an, dass eine solche politisch keine Mehrheit fände. Zudem heisst es aus dem ED: «Wenn man zum Beispiel die Situation in Zürich anschaut, dann hat sich dort eine regelrechte Industrie zur Vorbereitung auf die Prüfung entwickelt. Das können sich nicht alle leisten.»

«Akademiker haben nur eine Präferenz: Das eigene Kind muss ans Gymnasium. Das ist egoistisch, sie denken dabei nur an ihren Status und nicht daran, dass das schlecht für Gesellschaft und Volkswirtschaft sein kann.»

Stefan Wolter, Bildungsforscher an der Universität Bern

Interessant ist dazu die Feststellung des renommierten Bildungsforscher Stefan Wolter. Er sagt dem «Regionaljournal», dass «die Forschung zeige, dass es dort, wo keine externen Prüfungen angewandt werden, eine überdurchschnittlich hohe Zahl von jugendlichen Akademikerkindern ins Gymnasium schaffe, die leistungsmässig nicht ans Gymnasium gehörten». Also wäre eine Aufnahmeprüfung doch besser als der Massenübertritt ans Gymnasium?
Auf Nachfrage erklärt Wolter das Phänomen: «Eine externe Überprüfung mit standardisierten Tests wird in Umfragen von den Akademikern abgelehnt, von den Nicht-Akademikern befürwortet. Akademiker sind auch für höhere Quoten. Der Bildungsökonom kommt zum Schluss, dass die Akademiker nur eine Präferenz hätten: Das eigene Kind muss ans Gymnasium. «Das ist egoistisch, sie denken dabei nur an ihren Status und nicht daran, dass das schlecht für Gesellschaft und Volkswirtschaft sein kann. Das meritokratische Prinzip wird oft ausgeblendet.»

«Basel-Stadt hat eine negative Korrelation: Eine hohe Gymnasial-Quote, aber schlechte Schüler.»

Stefan Wolter, Bildungsforscher an der Universität Bern

Ohne Eingriffe, das lässt sich durchaus sagen, wird es kaum zu der gewünschten tieferen Quote kommen – und es wird wohl auch nicht passieren, dass sich ohne Zutun die Chancenungerechtigkeit abschwächen lässt. Wenn man es hart ausdrücken mag, sagt Wolter dem «Nebelspalter», komme man in Basel zu einem einfachen, aber ernüchternden Schluss: «Basel-Stadt hat eine negative Korrelation: Eine hohe Gymnasial-Quote, aber schlechte Schüler.»
Dass die Politik da nicht eingreifen mag, eine Aufnahmeprüfung ablehnt, ist da schwer verständlich. Wolter sagt, es stimme einfach nicht, wenn man behaupte, dass politisch nichts zu machen sei: «Eine Abstimmung über Aufnahmeprüfung oder standardisierte Tests würde man locker gewinnen – nur traut sich das kein Politiker, weil es die Elite ablehnt.»

Zwangsquote? Unrealistisch!

Eine andere Möglichkeit wäre eine vorübergehende Fixierung der Quote, um das System zu verbessern. In Basel-Stadt zum Beispiel auf 25 oder 30 Prozent. ED-Sprecher Simon Thiriet sagt: «Dazu gibt es keine Überlegungen, Ziel ist immer noch: Für jeden Schüler, für jede Schülerin die Lösung zu finden, die am besten zu den vorhandenen Fähigkeiten passt.»
Eine Zwangs-Quote mit einer klar definierten Zahl hält auch Wolter für kaum durchführbar: «Das gäbe einen Aufstand der Eltern, zugespitzt gesagt, mit Mistgabeln vor dem Regierungsgebäude.» Diese könnten sogar berechtigt argumentieren, dass ihr Kind stark benachteiligt sei. Und der Druck auf die Lehrer stiege noch mehr. Deshalb ist sich Wolter sicher: «Da wird die Politik die Finger davon lassen.»
Informieren, informieren, informieren? Nur damit wird sich an der zu hohen Gymnasial-Quote in Basel-Stadt wohl aber auch nicht viel ändern.

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