Böse Bauern! Warum ich zu den Agrarinitiativen Nein stimme

Böse Bauern! Warum ich zu den Agrarinitiativen Nein stimme

Pestizid- und Trinkwasser-Initiative bedienen das Klischee der reformunfähigen Landwirtschaft. Probleme lösen sie nicht. Im Gegenteil.

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von Martin A. Senn am 6.5.2021, 05:00 Uhr
Glücklich ist, wer im Dreck wühlen kann: Schweine in Lenzerheide GR. (shutterstock)
Glücklich ist, wer im Dreck wühlen kann: Schweine in Lenzerheide GR. (shutterstock)
Ach ja, die bösen Bauern! Die beiden Agrarinitiativen, über die wir am 13. Juni abstimmen, geben wieder einmal Anlass, so richtig schön über die reformunfähige Bauernschaft zu schimpfen. Völlig entsetzt stellt die joghurtdeckelisammelnde Stadtbevölkerung mit ihrem vollbiologischen Netto-Null-Stuhlgang fest, dass die Bauern ihre Felder hektarweise mit Antibiotika-versetztem Kuhmist vollgüllen und mit Pestiziden das Trinkwasser vergiften. Und die letzten wahren Liberalen im Land ärgern sich wieder einmal grün und blau darüber, was der agrarpolitische Unsinn die Steuerzahler kostet, von den Finanzausgleichsmilliarden erst gar nicht zu reden.
Okay, es stimmt. Die Bauern sind - wie wir alle - keine ökologischen Kirchenlichter. Manche, aber bei weitem nicht alle, gehen mit ihren Düngern und Pflanzenschutzmitteln nicht sehr knauserig um. Brunnenvergifter, wie die Initianten suggerieren, sind sie deshalb noch lange nicht. Dafür sind die Anforderungen und Grenzwerte für das Trinkwasser hierzulande viel zu streng. Wieso allerdings ausgerechnet die Bauern immer noch wie zur Zeit der Gotthardkutschen wirtschaften sollten, während die übrige Bevölkerung ihren Gift- und Gasausstoss und ihren Abfall verhundertfacht hat, konnte mir noch niemand schlüssig erklären. Sicher ist nur: Die Ökobilanz der Städte sieht gewiss nicht besser aus. Ökologisch gesehen vollzog sich die Entwicklung der Städte sogar ausschliesslich auf Kosten des Landes. Das ökologische Oberlehrertum vieler grüner Städterinnen und Städter gegenüber der Landbevölkerung ist ein durchschaubares Manöver, um von ihrer eigenen Umweltschädlichkeit abzulenken.
Und ja, liebe Liberale, es stimmt: Von Marktwirtschaft lässt sich in der Landwirtschaft in der Tat nicht reden. Was uns seit dreissig Jahren in stets neuen Agrar-Strategien als marktwirtschaftlicher ökologischer Umbau der Landwirtschaft verkauft wird, ist in Tat und Wahrheit ein bürokratisches, Milliarden teures Monster. Aber von allen Monstern, die bisher in der Agrargeschichte herumgegeistert sind, ist es immer noch das am wenigsten grauenhafte. Weniger grauenhaft jedenfalls als die einzig und allein nach ökologischen Kriterien geplante Verbots- und Vorschriftenwirtschaft, auf die die beiden Agrarinitiativen letztlich hinauslaufen.
Eine derart eindimensionale grüne Ausrichtung der Landwirtschaft würde die Konsumenten und Steuerzahler nicht nur teurer zu stehen kommen, sie würde auch unser Essen nicht ökologischer machen. Denn je ökologischer die Bauern produzieren, desto geringer sind die Erträge und desto mehr Agrarprodukte müssen importiert werden. Oder dann werden einige Bauern versuchen, die von den Initianten geforderte Streichung der Direktzahlungen dadurch auszugleichen, dass sie noch mehr Dünger und Pestizid einsetzen, um den maximalen Ertrag aus dem Boden zu holen. Das ist Unsinn. Deshalb stimme ich am 13. Juni zur Pestizid- und zur Trinkwasserinitiative Nein.

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