Blond, mit Lambo

Blond, mit Lambo

Wie viel Luxus darf sein? Wie viel blond darf sein? Und woher darf der Coiffeur kommen, der die Haare färbt? Die Debatten rund um die Nationalmannschaft zeigen einmal mehr das erschreckende Ausmass der Schweizer Spiessigkeit.

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von Michael Schoenenberger, Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten am 24.6.2021, 12:00 Uhr
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Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft hat sich soeben mit etwas Glück für die Achtelfinals der Europameisterschaft qualifiziert. Das ist eine Erfolgsmeldung! Ich habe Jahrgang 1973. Meine ganze Fussballjugend habe ich durchlebt, ohne dass sich je eine Schweizer Fussballnationalmannschaft für ein grosses Turnier qualifiziert hätte.
In der Not haben wir anderen Nationen die Daumen gedrückt. Was hätten wir denn anderes tun sollen, die Schweiz war immer nur Zuschauerin. Fleissig kauften Eltern ihren Kids Brasilien- und Italien-Trikots. Das war die Normalität damals. Erst 1994 war es wieder soweit, nach langen, ewigen 28 Jahren: WM in den USA. Als sich die Schweizer Nati mit Knup & Co. im November 1993 für die WM 1994 qualifizierten, war die Schweiz komplett aus dem Häuschen. Kollektive Euphorie.
Einwanderer-Generation
Heute hat sich die Schweiz daran gewöhnt, dass die Nati an den Endrunden mit von der Partie ist. Nicht nur die Qualifikation, nein, auch das Erreichen der K.O.-Runde wird grundsätzlich erwartet. Das ist gut so. Und zu verdanken haben wir das einer Spielergeneration, die wie keine andere zuvor in der Breite eine hohe Qualität aufweist. Früher war es eine Sensation, konnte ein Schweizer Fussballspieler in eine europäische Liga wechseln. Heute ist es normal, dass die besseren Spieler nicht in der Schweiz bleiben.
Dahinter steckt eine Strategie, die eine konsequente Förderung, Investitionen, eine ausgezeichnete Jugendarbeit und vieles mehr umfasst. Und eine hungrige Spielergeneration, zumeist Kinder von Einwanderern, die sich in der Gesellschaft beweisen wollen und die den Aufstieg unbedingt schaffen wollen.
«Was erlauben Shaqiri?»
Und nun fahren diese Aufstrebenden und Emporgestiegenen auch noch in Luxuskarossen vor – mit Audis, Ferraris und gar Lamborghinis? «Was erlauben Strunz?». «Was erlauben Shaqiri?» Skandal!
Ich sehe das komplett anders: Was, bitte, ist verwerflich an Luxus? Was, bitte, ist verwerflich, wenn Jungs aus einfachen Verhältnissen zu grossem Einkommen und Vermögen kommen und dies auch zeigen?
Oder anders gefragt: Muss denn Shaqiri im biederen VW Golf vorfahren, damit der Durchschnitts-Schweizer mit ihm zufrieden ist? Oder hat er gefälligst einen unauffälligen Mittelklasse-Wagen zu wählen, damit er ins Bild des «Vorzeige-Schweizers» passt?
Nein! Shaqiri und Xhaka sollen zeigen, dass sie Erfolg und Geld haben. Nichts daran ist verwerflich.
Super, kam der Coiffeur aus der Schweiz
Und dann auch noch die Haare. Oh, wie konnten sich einige Schweizerinnen und Schweizer und mit ihnen einige Medien über blondierte Haare und einen eingeflogenen Coiffeur aufregen. Diese an Biederkeit kaum zu überbietende Kritik an zwei blondierten Spielern erinnert mich fatal an jene Gesellschaften, in denen nur das Normierte durchgelassen wurde. Es ist ein Menschenrecht, sich die Haare zu färben, wie man will. Ich fand, es sah cool aus und sollte nach dem eher schwierigen Wales-Spiel wohl signalisieren, dass man etwas ändern möchte.
Super, wurde der Coiffeur aus der Schweiz eingeflogen: Endlich wieder so etwas wie Normalität nach der Pandemie, in welcher uns so viele Freiheiten genommen worden sind.
«Leben und leben lassen»: Ich wäre dankbar, dieser Maxime würde in einem Land wie der Schweiz, das eigentlich ein starkes Freiheits-Gen in sich trägt, wieder nachgekommen. Leider haben zur Zeit, nicht nur im Fussball, die Moralapostel das Sagen – sie meinen, jeden von uns unter Druck setzen zu können mit ihrer vermeintlich höheren Moral. Lasst uns dagegen ankämpfen, damit das Land und mit ihm seine Menschen (und die Fussballer) ihr Leben in Freiheit noch lange so gestalten können, wie sie es wollen.
Der Schweizer Nati wünsche ich – ob blondiert, tätowiert, mit VW oder Lambo – viel Erfolg in den nächsten Spielen. Schon oft kamen Mannschaften, denen es ganz zu Beginn nicht ideal lief, noch ziemlich weit in Turnieren.

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