Ein Hagelsturm von geradezu biblischen Ausmassen? Bitte schickt keine Fresspäckli nach Zürich

Ein Hagelsturm von geradezu biblischen Ausmassen? Bitte schickt keine Fresspäckli nach Zürich

In der Tagesschau wird der Alarmismus zelebriert. Ein exemplarisches Beispiel, wie Medien funktionieren – und wir darauf hereinfallen.

image
von Ralph Weibel am 14.7.2021, 10:30 Uhr
Nebelspalter
Nebelspalter
1500 Notrufe, ganze Strassenzüge unpassierbar, Bilder von umgestürzten Bäumen, Männer mit Motorsägen arbeiten an der Belastungsgrenze. Dazu Pendler, die verspätet zur Arbeit kommen, die Rede ist von Ausnahmesituation. Ein eingestürztes Pneulager in Rümlang erinnert an Aleppo und noch ist die Gefahr nicht gebannt.
Höchste Zeit, die Gummistiefel aus dem Keller zu holen, wenn dieser nicht schon überschwemmt ist. Ein Unwetter ist über die Schweiz, also Zürich gezogen, was das Gleiche ist. Der Beitrag dauert knappe drei Minuten und vermittelt den absoluten Notstand.
Unbestritten, es gab Schäden, und weil das heute immer gesagt werden muss: Alle Betroffen und BetroffenenInnen tun mir leid, ihnen gilt unser aller Mitgefühl. Persönlich bekam ich, als gelegentlicher Zürich-Pendler, von der Ausnahmesituation nichts mit. Ausser, dass mein Zug zwar pünktlich, aber statt auf Gleis 32 auf Gleis 31 fuhr.

Mehr als ein paar Lackschäden

Sicher ist es ein Bericht in der «Tagesschau» wert, wenn ein Baum entwurzelt wird und ein Auto darunter mehr erleidet als ein paar Lackschäden, aber irgendwie auch zu wenig. Doch was jetzt passiert, zeigt exemplarisch, wie die Medien und Konsumenten derselbigen funktionieren. Es folgt der Wechsel zur Möglichkeitsform, dem geliebten Konjunktiv. Ein Feuerwehrmann erklärt, dass das Ganze doch sehr gefährlich sein könnte und empfiehlt, mit dem Auto nicht in eine mit Wasser überfüllte Unterführung zu fahren. Wieder eine Minute Horrorszenario.

Rakete zünden

Dann wird die nächste Lunte gezündet, die weitere drei Minuten brennt. Die Unwetter von vor ein paar Wochen hätten schon einen Schaden von 260 Millionen Franken angerichtet. Das Schlimmste daran: Die Rückversicherung wird weniger Gewinn machen, denke ich. Jetzt steigt die gezündete Rakete richtig und explodiert als Feuerwerk der Drohung. Im Jahr 2005 verursachten Überschwemmungen einen Schaden von drei Milliarden Franken. Endlich können Archivbilder einer eingerissenen Brücke über die Emme, von Autos und Häusern in reissenden Fluten, dem zu Kleinvenedig mutierten Luzern und Menschen in Gummistiefeln im überschwemmten Berner Mattequartier herausgeholt werden.
Ich bestelle im Internet vorsorglich Wathosen.

Kinder und Tiere mit Fell

Was jetzt noch fehlt, ist der persönliche Touch. Alte Journalistenregel: Kinder oder Tiere mit Fell! Also für knapp drei Minuten ab ins Zeltlager von Jungwacht und Blauring. Dort erleben gutgelaunte Kinder in der Natur gerade das Abenteuer ihres Lebens, bevor sie in ein paar Jahren schon an den Rand eines Nervenzusammenbruchs kommen, wenn die Pumps auf dem Weg ins Büro nass werden. Lieber wäre ihnen dennoch Sonnenschein.

Die Synapsen arbeiten

Soweit die Ausgangslage. Was passiert jetzt im Kopf? Unsere Synapsen verbinden entwurzelte Bäume, Bilder von Überflutungen vergangener Jahre, Schäden in Milliardenhöhe, nasse Kindern und dramatische Kommentare zu einem Gesamtbild.
Resultat: Die Welt geht unter! Zürich zuerst. Ich bin fassungslos. Erst recht, weil die Wetterprognosen weiter besch....., also bescheiden sind.
Realität: Zürich steht noch. Schicken Sie keine Fresspäckli! Oder wenn, dann ins Pfadilager.

Mehr von diesem Autor

image

Impfzwang: Mach's einfach

Ralph Weibel15.10.2021comments

Ähnliche Themen

image

Der Mann, der Guy Parmelin zum Staatsmann machte: Strippenzieher Martin Baltisser

Dominik FeusiHeute, 04:00comments