Bio ist auch nicht alles

Bio ist auch nicht alles

Trinkwasser- und Pestizidverbotsinitiative haben nach dem Coup von Bauernpräsident Ritter Rückenwind. Bio ist trotzdem nicht die Lösung.

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von Martin Breitenstein am 24.3.2021, 16:34 Uhr
Ob es einem gefällt oder nicht: Bauernpräsident Markus Ritter ist der gerissenste Spin Doctor unter der Bundeshauskuppel. Er holt neue Milliarden für die Landwirtschaft und pulverisiert den ökologischen Absenkpfad. Er hatte den Freisinnigen gegen die Konzernverantwortungsinitiative geholfen, nun mussten sie ihm beim Wegputzen der grünlichen Grundierung im neuen Agrarprogramm helfen. Offenbar wollten es die FDP-Parlamentarier nicht darauf ankommen lassen, Ritter die Unterstützung zu versagen. Wer es sich mit dem mächtigen Bauernverband verscherzt, hat es schwer bei den künftigen Wirtschaftsvorlagen.
Die journalistischen Auguren denken, die Bauern würden für diesen Coup vom Volk bei den beiden anstehenden Volksinitiativen abgestraft, die am Selbstverständnis der konventionellen Landwirtschaft rütteln: Die Trinkwasserinitiative fordert eine pestizidfreie Produktion, die Beschränkung des Tierbestandes auf betriebseigenes Futtermittel und Einschränkungen beim Antibiotikaeinsatz. Bauern die sich nicht daran halten, sollen keine Subventionen mehr bekommen. Die Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» will deren Einsatz in der Landwirtschaft verbieten. Auch die Einfuhr von Lebensmitteln, die nicht frei von Pestiziden sind, soll verboten werden.
Die grüne Welle bei den Wahlen, schlechte Messwerte im Trinkwasser vieler Gemeinden (Pestizidrückstände) und der Zeitgeist gegen den Klimawandel könnten den Initiativen an der Abstimmung vom 13. Juni in der Tat Vorschub geben. Erstaunlich wäre es dennoch, wenn sie angenommen würden. Angesichts der nach wie vor agrarischen Prägung vieler Kantone dürfte das erforderliche Ständemehr zur unüberwindlichen Hürde werden.
Schiebt man den romantisierenden Populismus der Initiativen einmal beiseite und sucht nach Lösungen, die einer hochentwickelten lebensweltlichen Wirklichkeit näher sind, liegt der wirksamere Weg in einer hochtechnologischen Landwirtschaft, in der mittels GPS-Navigation und sensorgesteuerten Pflanzenschutzspritzen nur noch ein Viertel der heute eingesetzten Pestizide benötigt wird.
Eine andere technologische Errungenschaft, um die Schweizer Politiker aus reinem Opportunismus („es fehlt die Akzeptanz bei den Konsumenten“) noch immer einen grossen Bogen machen, ist die Gentechnologie. Im Auge des europäischen Betrachters hat sie einen schlechten Start erwischt, weil eine der ersten Einsätze eine herbizidresistente Maissorte des amerikanischen Saatgutunternehmens Monsanto war: Unter dem Glyphosat «Roundup Ready» verging das Unkraut, der Mais hingegen gedieh. Im Einklang mit der grossen Skepsis, die im ganzen deutschen Sprachraum vorherrscht, entschied sich der Schweizer Souverän 2005 für ein Anbau-Moratorium, das nun nach Auswertung der jüngsten Vernehmlassung vom Februar bereits in die dritte Verlängerung gehen wird.
Der Einsatz von Gentechnik kann durchaus ökologische Resultate liefern, etwa dank Sorten, die gegen Pilze oder andere Schädlinge resistent sind oder Trockenheit besser ertragen. In der Pflanzenzucht könnte der Einsatz der sogenannten CRISPR-Methode die Züchtung vereinfachen, indem gezielt Erbmutationen ausgelöst werden, wie sie im Grundsatz auch in der Natur ablaufen. Immerhin die Grünliberalen hatten neben den Freisinnigen in der Vernehmlassung verlangt, die neue Methode des «Genome Editing» solle nicht mehr einem Moratorium unterstellt werden.
Agrarische Hightech und Gentechnik wären die klügeren Lösungen für eine ökologischere Landwirtschaft als die beiden Volksinitiativen es sind. Als unverdächtiger Experte ist der renommierte Biolandbau-Forscher Urs Niggli (Leiter des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL in Frick) zu hören. In einem «ZEIT»-Interview vor gut einem Jahr (16. Januar 2020) stellte er fest, die grosse Leistung der konventionellen Landwirtschaft sei, dass in den vergangenen hundert Jahren die Ackerfläche kaum vergrößert werden musste, um statt zwei fast acht Milliarden Menschen ernähren zu können. Seine Losung: «So viel Bio wie immer möglich, aber daneben eine Kombination von Biolandbau und Hightech».

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