Bill Gates' Illusionen

Bill Gates' Illusionen

Der Microsoft-Gründer will den weltweiten CO2-Ausstoss mit einer gewaltigen Innovations-Offensive bis 2050 auf Null bringen. Sein Rezept ist allerdings kaum umsetzbar. Eine Nachbetrachtung zum Buch «Wie wir die Klimakatastrophe verhindern».

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von Alex Reichmuth am 3.5.2021, 11:00 Uhr
Bis in 29 Jahren null Treibhausgase - Bill Gates. Bild: Shutterstock
Bis in 29 Jahren null Treibhausgase - Bill Gates. Bild: Shutterstock
Als Journalist befasse ich mich schon seit vielen Jahren mit dem Klimawandel und war darum gespannt auf Bill Gates’ Buch, das seit mehreren Wochen auf der Bestsellerliste steht. Ich schätze Gates für seine wirtschaftlichen Leistungen und sein humanitäres Engagement. Doch würde es dem Microsoft-Gründer gelingen, mich von seiner Sichtweise auf das Problem der Erderwärmung zu überzeugen?
Bill Gates stellt zu Beginn fest, dass der Ausstoss an Treibhausgasen von heute jährlich 51 Milliarden Tonnen auf Null reduziert werden müsse, um eine «Klimakatastrophe» zu verhindern – und das wenn immer möglich bis 2050. Dass das eine Herkulesaufgabe ist, verschweigt Bill Gates nicht. Vielmehr betont er im Buch immer wieder, wie herausfordernd die Aufgabe sei – sowohl gesellschaftlich, technologisch wie finanziell. «Die Welt hat noch nie etwas so Grosses geschafft.» Damit unterscheidet sich Gates wohltuend von vielen Umweltaktivisten, die den Eindruck erwecken, die Dekarbonisierung der Welt sei einfach zu erreichen und fast zum Nulltarif zu haben.
Ich darf sagen, dass mich der Stil von Bill Gates angesprochen hat. Er verschweigt die grossen Probleme auf dem Weg zu null Treibhausgasen nicht. Vielmehr benennt er offen die technologischen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten, die dem gesetzten Ziel im Weg stehen. Er kommt zum Schluss, dass viele Technologien, die es braucht, um «netto Null» zu erreichen, noch gar nicht erfunden seien, und es darum eine gewaltige Innovations-Offensive brauche, um die Lücke zu stopfen. Sei es in der Energiewirtschaft, in der Landwirtschaft, in der Industrie oder im Transportwesen – Bill Gates geht trotzdem davon aus, dass dank technischer Entwicklung alle Hürden zu nehmen sind.

Vage und wolkig

Und hier kann ich Bill Gates nicht mehr folgen: So nüchtern und klar er die Schwierigkeiten auf dem Weg zu einer treibhausgas-freien Welt benennt, so vage und wolkig kommen seine Lösungsansätze daher. Der Microsoft-Gründer setzt vor allem auf das Prinzip Hoffnung.
Im Kapitel zur Stromerzeugung etwa stellt Gates fest, dass heute weltweit zwei Drittel des Stroms von fossilen Kraftwerken kommen, und namentlich Kohlekraftwerke auf dem Vormarsch sind. Er sagt voraus, dass die Welt bis 2050 wegen Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftswachstum und zunehmender Elektrifizierung mehr als dreimal so viel Strom wie heute brauchen wird. Gates hält zwar grosse Stücke auf Sonnen- und Windstrom, verschweigt aber deren grossen Nachteil nicht: die Flatterhaftigkeit. Doch Speichermöglichkeiten, die verfügbar und finanzierbar sind, fehlen weitgehend, wie Gates ebenfalls feststellt.
Hier setzt der Microsoft-Gründer auf neue Technologien – nicht nur, was die Speicherung von Strom angeht (Batterien, thermische Speicherung, Erzeugung von Wasserstoff, etc.), sondern auch, was künftige Möglichkeiten der Stromerzeugung betrifft: Kernfusion, neue Methoden der Kernspaltung oder Geothermie. Solche Technologien sind aber, wenn überhaupt, erst in Ansätzen erprobt und meist noch meilenweit von einem wirtschaftlichen Einsatz entfernt.

Problem Zement

Um die restliche Dekarbonisierung im Strombereich zu schaffen, empfiehlt Gates die Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) – eine Technologie, die noch immer in den Kinderschuhen steckt. «Wenn mir ein Genie einen Wunsch erfüllen würde, einen einzigen Durchbruch in einer einzigen Aktivität, die den Klimawandel antreibt», schreibt Gates ebenso naiv wie hilflos, «dann würde ich die Erzeugung von Elektrizität wählen».
Dass die Dekarbonisierung auch in der industriellen Fertigung eine horrende Herausforderung darstellt, ist sich Gates ebenfalls bewusst. Da ist zum Beispiel die Produktion von Zement, dem Hauptbestandteil von Beton und damit der allermeisten modernen Gebäude. Zement entsteht in einem chemischen Umwandlungsprozess, bei dem automatisch grosse Mengen an Kohlendioxid ausgestossen werden. «Niemand kennt einen Weg, um Zement herzustellen, ohne durch diesen Prozess zu gehen», schreibt Bill Gates. Er verweist zwar auf einige Ideen, den CO2-Ausstoss bei der Zementproduktion zu mindern. Um die restlichen Emissionen zu beseitigen, hofft Gates aber wiederum auf CCS – also auf eine Technologie, bei der fraglich ist, ob sie jemals anwendbar ist.
Auch bei der Landwirtschaft gibt es fast unüberwindbare Hürden. Ein zentrales Problem ist der Methan-Ausstoss von Wiederkäuern wie Rindern, Schafen und Ziegen. Methan ist ein Gas, das 28-mal so klimawirksam wie CO2 ist. Auch dieser Ausstoss ist nicht zu verhindern, obwohl es Ansätze gibt, ihn über geeignete Nahrung oder Nahrungszusätze wenigstens zu mindern. Bill Gates setzt hier auf die Entwicklung von pflanzlichen Fleischersatzprodukten und künstlich gezüchtetem Fleisch (Laborfleisch) als Ersatz für natürliches Fleisch. Es ist aber kaum vorstellbar, dass die Herstellung von Fleischalternativen die Aufzucht von Rindern bis in wenigen Jahrzehnten vollständig ablöst.

Enorm teure Alternativ-Treibstoffe

Ebenso kann Gates im Bereich Transport keine überzeugenden Lösungen nennen. Zwar ist es möglich, dass bis 2050 alle Autos elektrisch angetrieben werden, und der entsprechende Strom aus grünen Quellen kommt. Doch Flugzeuge und Schiffe werden kaum je mit Batterien unterwegs sein, da diese viel zu schwer wären. Hier setzt Bill Gates auf Biotreibstoffe und auf Treibstoffe wie Wasserstoff, die mittels Elektrolyse entstehen. Er muss aber feststellen, dass diese Alternativ-Treibstoffe enorm teuer sind. «Wir brauchen Innovation, um diese Preise nach unten zu bringen», lautet seine lapidare Lösung.
Die grosse Innovations-Offensive, zu der der frühere Microsoft-Chef aufruft, geht sicher in die richtige Richtung. Sie umfasst nicht nur wissenschaftliche Anstrengungen, um neue Technologien zu entwickeln, sondern auch wirtschaftliche Bemühungen, diese Technologien marktfähig zu machen und sie im grossen Stil zu verbreiten. Doch bis 2050 sind es nur noch 29 Jahre. Es scheint unvorstellbar, dass bis dann der Treibhausgas-Ausstoss mit Technologien auf null gebracht werden soll, die heute zu einem grossen Teil nicht einmal ansatzweise vorhanden sind. Es wäre schon ein hochgestecktes Ziel, die vollständige Dekarbonisierung bis Ende des 21. Jahrhunderts zu schaffen.
Bill Gates’ Ansatz, ist zwar sinnvoll. Die Vorstellung aber, dass man damit schon 2050 null Ausstoss an Treibhausgasen erreichen kann, muss als Illusion bezeichnet werden.
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