Bildungspolitik: Wach auf!

Bildungspolitik: Wach auf!

Die Schule bringt den Schweizer Kindern das kritische Lesen nicht mehr bei. Das muss vermuten, wer die jüngsten Ergebnisse der Pisa-Studie zur Lesekompetenz eingesehen hat. Darin kommt klar zum Vorschein, dass viel zu wenige Jugendliche fähig sind, zwischen Fakten und Propaganda zu unterscheiden.

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von Michael Schoenenberger, Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten am 19.5.2021, 15:36 Uhr
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Pandemie! Impfung! Rahmenabkommen! Biden! Putin! Nahost-Konflikt…! Es sind die grossen Themen, die viele von uns derzeit beschäftigen.
Etwas untergegangen ist eine aus meiner Sicht die extrem wichtige Erkenntnis der letzten Pisa-Studie, die zu Beginn des laufenden Monats veröffentlicht worden ist. Die Studie zur Lesekompetenz förderte zu Tage, dass Schweizer Jugendliche nur ungenügend zwischen «Fake News» und zuverlässiger Information unterscheiden können. Was Fakt, was Meinung und was allenfalls Propaganda ist: Hier fehlt es zu vielen Schweizer Jugendlichen gemäss Pisa an der notwendigen Lesekompetenz.
Die meisten Jugendlichen informieren sich ausschliesslich online, verbringen viel Zeit mit anderen Aktivitäten online und bewegen sich in den sozialen Medien. Daran ist nichts negativ – das digitale Zeitalter ist schliesslich in vielerlei Hinsicht geradezu eine Segnung. Allerdings: Auf vielen Plattformen fehlt es bekanntlich an den so wichtigen Gate-Keepern. Das sind Berufsleute, die prüfen, was verbreitet wird. Klassischerweise waren das Journalisten, die nur in die Zeitung hineinliessen, was sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten auf den Wahrheitsgehalt geprüft hatten. Gute Medien kennzeichnen eine Meinungsäusserung klar als solche.

Dimensionen sind entscheidend

Sicherlich: Auch früher war die Lesekompetenz eine wichtige Sache. Nicht alle Medien unterscheiden klar zwischen Nachricht, Berichterstattung, Kommentar und anderem mehr. Und es ist auch nicht immer alles «wahr und richtig», was in Medien erscheint, die von Redaktionen kuratiert werden. Fehler passieren überall. Redaktionen von klassischen Medien übernehmen bei Fehlverhalten allerdings Verantwortung. Betroffene können sich wehren. Und bei gehäuften Fehlern wird das Medienprodukt dies auch ökonomisch spüren, denn es wird Kundschaft verlieren.
In vielen Bereichen des Online-Lebens, besonders in den sozialen Medien, fehlt allerdings die Übernahme von Verantwortung. Und die Dimensionen sind ganz andere: Was ist eine Kurzmeldung in einer Schweizer Durchschnittszeitung mit 40'000 Abonnenten im Vergleich zu einem Post, der potentiell ein Milliardenpublikum erreichen kann? Jeder auch nur halbwegs begabte Machthaber weiss: Die neuen Möglichkeiten und Kanäle lassen sich wahnsinnig gut für Propaganda nutzen. Das zeigt auch der seit gut einer Woche wieder aufflammende Nahost-Konflikt.

Abhilfe in der Bildung

Umso wichtiger wäre es, dass Lesende (online auch: Sehende und Hörende) das Geschriebene und Gepostete sehr gut einordnen können. Es ist nicht allein im internationalen Kontext von äusserster Bedeutung, sondern auch in der meist beschaulichen Schweizer Innenpolitik. Die direkten Möglichkeiten der politischen Mitbestimmung sind hier schliesslich geradezu grossartig. Aber sie erfordern es, dass die Staatsbürger lesen können und mit dem Gelesenen etwas anzufangen wissen. Eben: Es einordnen können. Daran mangelt es gemäss Pisa den Schweizer Jugendlichen.
Jahrelang stellten wir fest, dass es in der Schweiz an Schülerinnen und Schülern mangelt, die sich für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – sogenannte MINT-Fächer – interessieren. Völlig zu Recht haben Verbände und mit ihnen die Bildungspolitik viel investiert, um dies zu ändern. Nun stellen wir fest, dass Schweizer Jugendliche kaum noch zwischen «Fake News» und Fakten unterscheiden können. Wer würde hier das Zepter in die Hand nehmen, wo hier doch, im Unterschied zur MINT-Problematik, nicht so direkt auch wirtschaftliche Interessen involviert sind?
Dieser Pisa-Befund ist derart gravierend, dass es dringendst Programme zur Steigerung der Lesekompetenzen braucht. Einmal mehr sind die Schulen gefordert.
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