Befürworter werben mit dem Enkeltrick für das CO2-Gesetz

Befürworter werben mit dem Enkeltrick für das CO2-Gesetz

Beim CO2-Gesetz greifen die Befürworter zum Enkeltrick: Gute Grosseltern sagen Ja, schlechte Nein.

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von Martin A. Senn am 27.4.2021, 13:38 Uhr
Umwelt-Aktivismus sei das beste Mittel gegen kindliche Ohnmacht und Depression, sagt Greenpeace: Kinder-Klima-Umzug 2019 im Waadtland. (shutterstock)
Umwelt-Aktivismus sei das beste Mittel gegen kindliche Ohnmacht und Depression, sagt Greenpeace: Kinder-Klima-Umzug 2019 im Waadtland. (shutterstock)
Keine Abstimmungsempfehlung für das CO2-Gesetz kommt ohne Kinder und Enkelkinder aus. Für die Energiestiftung Schweiz sind klimaneutrale Gebäude sowieso nötig, um «Greta Thunberg und unseren Kindern die Zukunft zurückzugeben». Der Grüne Bastien Girod sieht im CO2-Gesetz die einzige Chance, um zu verhindern, «dass unsere Kinder in ein Klimachaos mit Flüchtlingswellen, wie wir sie noch nie gesehen haben, gestürzt werden». Die Mitte-Nationalrätin Priska Wismer-Felder schliesst neben den Enkeln und Urenkeln ausdrücklich auch die «Ururenkel» in ihre weitsichtige Besorgtheit ein. Bundesrätin Sommaruga belässt es dagegen bei der «Verantwortung gegenüber unseren Enkelkindern». Dafür schafft es die Klima-Allianz locker, in vier kurzen Abschnitten viermal die «Kinder» und viermal die «Enkelkinder» zu erwähnen.
Eindrücklich, ein Land mit so vielen Eltern und Grosseltern, die sich um so viele Kinder und Enkelkinder sorgen, möchte man meinen. Wenn man nicht wüsste, dass es in diesem Land noch nie so wenige Kinder und so wenige Eltern gegeben hat wie heute. Die Zahl der Geburten pro 1000 Einwohner hat in den letzten 150 Jahren laut Bundesstatistik von 30 auf 10 abgenommen, die Zahl der Heiraten ist von 8 auf 4,5 (2019) gesunken.
Richtige Seite der Geschichte
Aber darum geht es all den besorgten angeblichen und tatsächlichen Eltern gar nicht. Die Berufung auf die künftigen Generationen gehörte immer schon zum Handwerkszeug selbsternannter fortschrittlicher Kräfte. Wo immer man etwas Neues forderte oder ablehnte, tat man dies angeblich einzig und allein für die Kinder und Enkelkinder. Schon vor hundert Jahren, kurz vor dem Generalstreik schrieb beispielsweise die Zürcher Arbeiterunion: «Die grösste Stunde der Geschichte naht. Sie wird über Wohl und Wehe unserer aller Kinder entscheiden». Und im Bundeshaus erklärte der SP-Nationalrat Gustav Müller, er stehe zusammen mit den Streikenden auf jener Seite, «die moralisch das bessere und höhere Recht für sich hat und der die Zukunft gehört».
Folgerichtig stehen nach dieser Logik die jeweiligen Gegner auf der falschen Seite der Geschichte. Jene, die das CO2-Gesetz ablehnen, «sehen alle nun ihre Profite in Gefahr und sind nicht bereit, von denen abzurücken für die lebenswerte Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder», textet der Jungsozialist Fernando Frauenfelder. Und der Grünen-Präsident Girod schreibt: Die Gegner «haben keinerlei Skrupel, unseren Kindern und Enkel*innen die Probleme und Kosten des ungebremsten Klimawandels zu vererben».
Klimastreik als Psychotherapie
Wie schwer die düsteren ökologischen Aussichten auf dem Nachwuchs lasteten, schildert die wegen ihrer Aktionen gefürchtete Umweltorganisation Greenpeace in einem längeren Artikel auf ihrer Website. Die drohende Klimaerhitzung führe bei Kindern nämlich oft zu schweren Ohnmachtsgefühlen und Depressionen. Als wirkungsvollste Therapie dagegen empfiehlt Greenpeace den betroffenen Jugendlichen und Kindern die Teilnahme an der Klimabewegung, denn, so heisst es: «Aktivismus ist das beste Mittel gegen Ohnmacht und Depression». Fehlt eigentlich nur noch die Forderung, die Kosten für die Klimastreiks müssten von den Krankenkassen zu übernommen werden.
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