Aus dem Kampf gegen die Erderwärmung wird eine Religion

Aus dem Kampf gegen die Erderwärmung wird eine Religion

Die Klimabewegten verhalten sich immer mehr wie Missionare. Die religiösen Parallelen sind unübersehbar: Klimawissenschaftler haben den Status von Priestern. Die Verlautbarung des Weltklimarats sind so heilig wie alte Dogmen. Und Greta Thunberg gleicht der als Heilige verehrten Bernadette Soubirous

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von Peter Ruch am 15.10.2021, 04:00 Uhr
Wandporträt von Greta Thunberg in den USA. Bild: Keystone
Wandporträt von Greta Thunberg in den USA. Bild: Keystone
Die Aufklärung hat die Menschen aus ihrer Unmündigkeit befreit. Das ist wahr und stinklangweilig. Die erzählende Literatur bringt solche Botschaften viel witziger herüber. Im Roman «Madame Bovary» lässt Gustave Flaubert einen Apotheker auftreten, der dem Priester eine Standpauke hält: «Mein Gott ist der Gott des Sokrates, der Gott Franklins, Voltaires und Bérangers. Ich bin für die unsterblichen Grundsätze von neunundachtzig! Drum kann es für mich auch keinen lieben Gott geben, der mit dem Spazierstock in der Hand in seinem himmlischen Garten lustwandelt, seine Freunde im Bauche von Walfischen einlogiert, mit einem lauten Schrei verscheidet und nach drei Tagen wieder aufersteht. Das ist an sich alles lauter Unsinn.» Flaubert könnte sich freuen: Selten war die Kirche - besonders in Frankreich - so einflussarm wie heute.
Aber hinter das rationale Denken kann man zurückfallen. Es gab eine Zeit, da der Islam aufgeklärter war als das Christentum, mit mehr Literatur, berühmten Ärzten und toleranten Philosophen. Nach dem Einbruch der Mongolen wandelte sich der Islam ins Mystische. Die Philosophen wurden verketzert, und der plötzliche arabische Reichtum machte die Freiheit überflüssig.

Die marxistische Weltformel lebt weiter

Simple Weltbilder können es mit komplizierten problemlos aufnehmen. Ein Paradebeispiel ist der Marxismus, der die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen erklärt und die Befreiung der Proletarier verheisst. Er wurde in Feldversuchen über Generationen widerlegt. Dennoch lebt die marxistische Weltformel weiter. Man wechselte gleichsam die Räder am fahrenden Zug: Auf die ausgebeutete Arbeiterklasse, folgten die Frauen, Minderheiten, Dunkelhäutige und Afrika überhaupt.

Dem unterdrückten Klima soll aufgeholfen werden. Dafür fühlt sich die Linke zuständig, obwohl in den sozialistischen Staaten jede Umweltdebatte im Keim erstickt wurde.


Nach jahrzehntelangen Fehldeutungen ist das Klima als neues Opfer aufgetaucht. Auf Transparenten lese ich «Klimagerechtigkeit». Dem unterdrückten Klima soll aufgeholfen werden. Dafür fühlt sich die Linke zuständig, obwohl in den sozialistischen Staaten jede Umweltdebatte im Keim erstickt wurde. Trägt die Linke den Umwelt- und Klimaschutz wie eine Monstranz vor sich her, so zeigt das, dass die Fakten mit religiösem Schutt bedeckt sind. «Religion ist die Angelegenheit des gottlosen Menschen», hielt der Theologe Karl Barth in seiner Kirchlichen Dogmatik fest. Der religiöse Mensch will dem, was Gott verheissen hat, vorgreifen und an die Stelle der göttlichen Tat ein menschliches Machwerk setzen. Dieses kann mit christlichen Etiketten angeschrieben sein oder einfach kirchliche Phänomene nachahmen. Das trifft bei der Klimagerechtigkeit zu.

Der freie Wille des Menschen ist schwach

Dass die Klimaerwärmung menschengemacht ist, sei hier zugestanden. Heisst das, dass man sie aufhalten kann? Das globale Bevölkerungswachstum beträgt knapp 100 Millionen Menschen jährlich, die atmen, konsumieren und mehrheitlich ihren Wohlstand verbessern wollen. Der freie Wille des Menschen für Verzichtsleistungen ist schwach, und ohne die Kernenergie gibt es ohnehin keine Reduktion von CO2. Der Klimabericht der UNO vom August erweist das Pariser Abkommen als Makulatur.
Dennoch geniessen Klimawissenschaftler den Status von Priestern. Sie sind die Sachwalter letztgültiger Wahrheiten und die Kenner des richtigen Verhaltens. Die Verlautbarungen des Weltklimarates IPCC sind für viele Medien so heilig wie alte Dogmen: Wer CO2 ausstösst, ist ein Sünder und muss Ablasszahlungen leisten. Wer Verzichte oder Scheinverzichte leistet, erlangt Bonuspunkte wie eine Nonne oder ein Mönch im Mittelalter

Greta Thunberg wurde zur Kultfigur wie Bernadette Soubirous

Besonders erwähnenswert ist Greta Thunberg. Dass ein fünfzehnjähriges Mädchen so plötzlich zur Autorität aufsteigt und auf hochkarätigen Versammlungen eine Bühne erhält, lässt aufhorchen. Es erinnert an Bernadette Soubirous in Lourdes, die nach Marienvisionen im Jahr 1858 ähnlich rasch zur Kultfigur wurde. Das Umfeld schrie geradezu nach einem solchen Phänomen: Die marginalisierte Kirche wollte ihre Bedeutung restaurieren.

Greta bietet zwar keine Marienerscheinung, eignet sich jedoch ebenso wie Bernadette als makellose Lichtgestalt, die Wahrheiten aus höheren Sphären überbringt.


In Lourdes fand die erste Grossveranstaltung mit 60'000 Pilgern statt. Die Embleme der verlorenen Provinzen Elsass und Lothringen wurden in der neuen Basilika neben französischen Flaggen niedergelegt. Die Menschen waren gleichsam zwischen dem Apotheker und dem Priester in «Madame Bovary» hin- und hergerissen und tauchten gerne ins Irrationale ab. Greta bietet zwar keine Marienerscheinung, eignet sich jedoch ebenso wie Bernadette als makellose Lichtgestalt, die Wahrheiten aus höheren Sphären überbringt.

Die Autorität aus der Schwäche vermittelt Trost

Bernadette war gesundheitlich schwer angeschlagen, Greta ist leicht handicapiert. Die Autorität aus der Schwäche heraus knüpft an die Bibel an und vermittelt Trost für eine Gesellschaft, deren Denken von der Informationsflut erstickt wird. Der Klimawandel erfordert offenes Nachdenken. Am wenigsten helfen Fachleute, die ihre Wissenslücken verschweigen, sowie die Verketzerung Andersdenkender oder Fragender. Gerade dies ist ein Merkmal von Religion. Sie steht im Gegensatz zum Gottvertrauen: «Er spendet Schnee wie Wolle, streut aus den Reif wie Asche. Wie Brocken wirft er das Eis, wer könnte bestehen vor seinem Frost? Er sendet sein Wort und bringt alles zum Schmelzen, er lässt den Wind wehen, und es rinnt das Wasser.» (Psalm 147,16-18)

Peter Ruch war reformierter Pfarrer in drei Gemeinden.

Weitere Beiträge:
Judenhass bei der Klimabewegung: siehe hier
«Atomwernis» Ausschluss von der Klimademo: siehe hier

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