Auf dem Kirchturm das grüne Huhn

Auf dem Kirchturm das grüne Huhn

image
von Martin Breitenstein am 16.3.2021, 16:12 Uhr
Ich habe mich auf ein Experiment eingelassen, das mich mitunter mehr ärgert, als ich gedacht hätte. Ich habe mich vor etwas mehr als einem Jahr in die Synode der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich wählen lassen. Das gepflegte Tischgespräch mit meiner Ehefrau, die Pfarrerin ist, und mein staats(kirchen)rechtliches Interesse führten mich zur Kandidatur. Das Kirchenparlament kennt wie seine Geschwister aus der Politik Fraktionen. Die Besonderheit besteht allerdings darin, dass die Wähler die Katze im Sack kaufen. Erst nach der Wahl schliessen sich die Synodalen jener Fraktion an, die ihnen am ehesten zusagt; bei mir war das die liberale Fraktion. Liberal bezieht sich hier natürlich in erster Linie aufs Theologische: die Freiheit, kein vorgeschriebenes Glaubensbekenntnis ablegen zu müssen.
Wegen der Corona-Lähmungen konnte ich zwar noch nicht so richtig Fuss fassen in der Synode. Immerhin konnte ich beobachten, wie die Kirche dazu neigt, ihren Schrumpfungsprozess im religiösen Kerngeschäft mit der Weltenrettung qua politischer Einmischung zu kompensieren. Im Gange ist eine Art zweite Säkularisierung, diesmal innerkirchlich, indem die Kirche ihr Wirken lieber auf weltliche Themen fokussiert. Die Konzernverantwortungsinitiative bildete das prominente und bereits durchdiskutierte Beispiel. Die reformierte Kirche erscheint als eine Art Staat im Staat mit übermächtigem sozialdemokratisch-grünem Regierungsblock, bekämpft von einer evangelikalen Opposition, die zwar stur an der wörtlichen Bibelauslegungen klebt, aber dem Mainstream immerhin Paroli bieten kann, und gepiesakt von frei flottierenden Liberalen. Die Synode weist zudem eine gewerkschaftliche Prägung auf, weil die Hälfte der 120 Sitze von Pfarrern und Mitarbeitenden der Kirchgemeinden besetzt werden darf.
Während die Kirche in der Corona-Pandemie seltsam still im Hintergrund geblieben ist, wird sie sich in Zukunft mit umso grösserer Verve auf die Klimapolitik stürzen: Der Kampf gegen die Klimaerwärmung als religiöse Sendung. Gegenwärtig werkelt zum Beispiel eine Arbeitsgruppe Klima der Zürcher Synode an einem Vorstoss, der einen Rahmenkredit von 2,5 Millionen verlangt, um die Kirchgemeinden umweltbewusst zu erziehen.
Anstatt den landauf landab neu fusionierten Kirchgemeinden in der Frage zu helfen, was um Himmels Willen sie mit ihren überzähligen Kirchen denn tun sollen, will man sie mit einem Wust an Umweltbürokratie eindecken: Mindestens 40 Prozent der Kirchgemeinden müssen ISO 14044 zertifiziert sein, oder sie «verbessern und leben ihre Bedürfnisse gemäss der 2000-Watt-Gesellschaft der Stadt Zürich»; alle Liegenschaften brauchen eine professionelle Gebäudeanalyse hinsichtlich der Umweltziele; alle Kirchgemeinden müssen mit dem Umweltmanagement «Grüner Güggel» zertifiziert sein.
Der «Grüne Güggel» ist ein Zertifikat, das die Kirchgemeinden zur Belohnung bekommen, wenn sie sich mit dem Umweltschutz in ihrer Gemeinde Mühe geben, oder im grün-technokratischen O-Ton: «Das Umweltmanagementsystem UMS Grüner Güggel erfüllt die Vorgaben der internationalen Norm DIN EN ISO 14001 ff sowie der Europäischen Öko-Audit-Verordnung EMAS (Eco-Management and Audit-Scheme)».
Bleibt nur noch die Frage, ob das exklusive Maskulinum «Güggel» die Ansprüche der Bibel in «gerechter Sprache» zu erfüllen vermag. Die Zeit des goldenen Hahns auf dem Kirchturm ist offensichtlich abgelaufen. Er muss dem grünen Huhn weichen.

Mehr von diesem Autor

image

SVP-Landgemeinden zocken die urbanen Goldküstengemeinden ab

Ähnliche Themen

image

Der «Blick» enthüllt: Alain Berset wurde vom Ausland bedroht