Attentate und Terror: Die Schweizer raten zur Flucht, die Amerikaner zum Kampf

Attentate und Terror: Die Schweizer raten zur Flucht, die Amerikaner zum Kampf

In Würzburg erstach ein Somalier drei Menschen. Was tun? Könnte eine private Schusswaffe nützen?

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von Serkan Abrecht am 30.6.2021, 04:00 Uhr
Prävention gegen Gewaltdelikte: In den USA rufen die Behörden zur Selbstverteidigung auf. Bild: Shutterstock
Prävention gegen Gewaltdelikte: In den USA rufen die Behörden zur Selbstverteidigung auf. Bild: Shutterstock
Es waren schauerliche Szenen im bayrischen Würzburg. Ein 24-jähriger Somalier stach vergangenen Freitag mit einem Messer wahllos auf Menschen ein. Dabei tötete er drei Frauen, mindestens fünf weitere wurden schwer verletzt.
Bemerkenswert war der Einsatz der Passanten. Einige bewaffneten sich mit Klappstühlen und gingen auf den Attentäter los, ein Mann nahm eine Holzlatte von einer Baustelle und versuchte den Somalier zu schlagen. Ein anderer Mann rannte ihm mit einem Besen hinterher. So ist es auf Videos im Internet zu sehen.
Am Schluss brachte den Somalier ein gezielter Schuss in den Oberschenkel aus einer Polizeipistole zu Fall. Doch hätten ihn die Passanten nicht drangsaliert – zusätzliche Verletzte oder Tote wären wahrscheinlich gewesen.
Eigentlich wird den Menschen in solchen Situationen vom beherzten Eingreifen dringendst abgeraten – jedenfalls in der Schweiz. Bei einem Terroranschlag rät das Bundesamt für Polizei (Fedpol) den Bürgern: «fliehen, verstecken, alarmieren.» Doch wie lange dauert es bis die Polizeikräfte vor Ort sind? In der Schweiz gibt es dazu keine vorgeschriebene Zeit. In der Stadt kann mit fünf Minuten Reaktionszeit gerechnet werden. Ausserhalb in der Agglomeration oder auf dem Land ist es logischerweise länger.

Rennen, verstecken, kämpfen!

Interessant ist, was die amerikanische Bundespolizei (FBI) rät. In Übersee empfiehlt das FBI: «run, hide, fight.» Also zuerst solle man bei einem Anschlag versuchen zu fliehen, dann sich zu verstecken und wenn gar nichts mehr möglich ist, solle man «kämpfen». Wie in der Schweiz wird in den USA das Recht auf Notwehr und Notstand gesetzlich gewährleistet, aber nur dort wird empfohlen, davon Gebrauch zu machen.
Im Gegensatz zur Schweiz, haben die US-Bürger auch die Möglichkeit sich zu wehren – und müssen nicht wie die Würzburger zu Besen und Klappstuhl greifen. Das offene oder verdeckte Tragen von Schusswaffen ist in den meisten Staaten Amerikas erlaubt. In der Schweiz hingegen ist nur der Erwerb relativ einfach möglich. Das Tragen einer Schusswaffe ist verboten – ausser für militärdienstliche Anlässe, zum Sport oder für die Jagd.

Gewaltprävention durch Schusswaffe

Eine Studie des FBI gibt Aufschluss darüber, was das private Tragen einer Schusswaffe für einen Nutzen haben kann. So wurden zwischen 2014 und 2019 Kriminelle die von einer Schusswaffe Gebrauch machten in 15 Prozent der Fälle von bewaffneten Zivilpersonen gestoppt. Die amerikanische NGO für Kriminalprävention «Crime Prevention Research Center» geht sogar von 30 Prozent von verhinderten oder gestoppten Schusswaffenverbrechen durch ebenfalls bewaffnete Zivilpersonen aus.
Die hiesigen Behörden warnen hingegen vor dem Waffengebrauch. Die interkantonale Fachstelle Schweizerische Kriminalprävention (SKP) rät auf ihrer Website sogar vom Erwerb einer Waffe ab. «Aus polizeilicher und präventiver Sicht ist von einer Anschaffung einer Schusswaffe zum Selbstschutz dringend abzuraten», schreibt die SKP. Eine Waffe könne ungeübten Händen schnell entrissen und vom Angreifer gegen einen selbst eingesetzt werden, begründet die SKP.

Interview mit einem der Passanten, der den Attentäter von Würzburg aufhalten wollte. Quelle: WDR

Manche Fachstellen lassen aber ein Hintertürchen offen. Die Basler Staatsanwaltschaft sagte im Nachgang zum Amoklauf von München im Jahr 2016 als ein 18-jähriger vermeintlich Rechtsradikaler neun Menschen erschoss zur «Basler Zeitung»: «Wird eine Person unmittelbar Zeuge eines schweren Verbrechens und ist klar ersichtlich, dass weitere schwere Delikte begangen werden, die Polizei noch nicht vor Ort ist, so kann der Täter mit einer Waffe an weiteren möglichen Verbrechen gehindert werden.»
Die SKP nimmt selbst keine Stellung zur Gewaltprävention durch Schusswaffenbesitz und verweist ans Fedpol. Dieses schreibt: «Wir kennen in der Schweiz und in ganz Europa ein restriktiveres Selbsthilferecht als in den USA. Wer flieht, sich versteckt und alarmiert sorgt dafür, dass die Polizei und damit die Spezialistinnen und Spezialisten für Terrorlagen schnellstmöglich vor Ort sind. Damit schützen sie andere Personen und sich selbst.» Selbstschutz wird also explizit nicht empfohlen. Zum Glück sahen das die Passanten in Würzburg anders.

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