Atomenergie soll in der EU als grüne Technologie gelten

Atomenergie soll in der EU als grüne Technologie gelten

Experten der Europäischen Union bezeichnen Investitionen in die Kernkraft in einem neuen Bericht als nachhaltig. Die EU-Kommission muss nun entscheiden, ob sie der Empfehlung nachkommt.

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von Alex Reichmuth am 1.4.2021, 17:00 Uhr
Atomkraftwerk Leibstadt. Quelle: Shutterstock
Atomkraftwerk Leibstadt. Quelle: Shutterstock
Ist die Kernenergie einen Technologie, die für Menschen und Umwelt ein Sicherheitsrisiko darstellt und wegen ihrem Abfall für Hunderttausende Jahre gefährlich bleibt? Oder ist sie eine Form der Energiegewinnung, die die Ressourcen schont und unverzichtbar ist auf dem Weg zu einer CO2-freien Gesellschaft? Um diese Frage tobt derzeit ein Streit in den Ländern der Europäischen Union.
Die Befürworter der Atomkraft haben in dieser Auseinandersetzung nun einen Punkt erzielt. Denn soeben ist ein fast 400-seitiger Bericht der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission (Joint Research Center, JRC) publik geworden, der sich dafür ausspricht, Investitionen in die Kernenergie als nachhaltig und klimaschonend zu erachten. Die EU-Kommission gab den Bericht im letzten Sommer bei den Fachexperten des JRC in Auftrag.
Der Bericht ist eine der Grundlagen für die Ausarbeitung einer «Green Finance Taxonomy», einer grünen Finanz-Taxonomie, die ab 2022 in allen EU-Staaten gelten soll. Die Taxonomie dient dabei als eine Art Ampel, die angibt, wie ökologisch und nachhaltig bestimmte Formen der Stromerzeugung sind. Sie soll Finanzinvestoren Hinweise geben, in welche Arten der Energieproduktion sie Geld anlegen sollen.

Vergleichbar mit Wasserkraft

Die zentrale Aussage des JRC-Berichts zur Atomkraft lautet, es gebe «keine wissenschaftlich fundierten Belege dafür, dass die Kernenergie der menschlichen Gesundheit oder der Umwelt mehr Schaden zufügt als andere Stromerzeugungstechnologien, die bereits in der Taxonomie als Aktivitäten zur Unterstützung des Klimaschutzes aufgeführt sind». Und weiter: «Der Vergleich der Auswirkungen verschiedener Technologien zur Gewinnung von Elektrizität (insbesondere Öl, Gas, Erneuerbare und Atomkraft) auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt, gestützt auf neueste Lebenszyklus-Analysen, zeigt, dass die Auswirkungen der Kernenergie grösstenteils vergleichbar sind mit denen der Wasserkraft und der Erneuerbaren Energien (...).»
Was die Zahl der Todesopfer verglichen mit der Stromproduktion angehe, so ist diese gemäss Bericht bei westlichen Atomreaktoren der Generation 2 viel kleiner als bei jeder Form der Elektrizitätsgewinnung mit fossilen Brennstoffen und vergleichbar mit der Zahl bei der Wasserkraft und der Windkraft. Nur Solarstrom habe eine noch tiefere Todesfall-Häufigkeit. Ziehe man moderne Reaktoren der Generation 3 heran, so sei die Zahl der Todesfälle sogar die tiefste aller Stromproduktions-Technologien.
Ausführlich gehen die JRC-Experten in ihrem Bericht auf die Entsorgung radioaktiver Abfälle aus dem Betrieb von Kernanlagen ein. Ihr Fazit: «Es gibt gegenwärtig einen breiten wissenschaftlichen und technologischen Konsens, dass die Entsorgung von hochaktivem, langlebigem radioaktiven Abfall in tiefen Gesteinsformationen (...) als eine angebrachte und sichere Methode erachtet werden kann, um diesen sehr langfristig von der Biosphäre fernzuhalten.» Die Technologien für eine Entsorgung im Gestein seien verfügbar und könnten bereitgestellt werden, sofern die öffentlichen und politischen Bedingungen gegeben seien.
«Finnland, Schweden und Frankreich sind weit fortgeschritten, was die Umsetzung einer nationalen Entsorgungseinrichtung im Tiefengestein angeht», heisst es im Bericht weiter. «Es wird erwartet, dass diese Einrichtungen in der gegenwärtigen Dekade ihren Betrieb aufnehmen.»

Proteste folgten auf der Stelle

Im März 2020 hatte ein anderer Expertenrat der EU-Kommission, die Technische Expertengruppe für nachhaltige Finanzen (TEG), noch explizit davon abgeraten, die Kernkraft als grüne Geldanlage in die EU-Taxonomie aufzunehmen. Die TEG hatte dabei unter anderem die Endlagerung von Atommüll angeführt und argumentiert, dass «nirgendwo auf der Welt ein praktikables, sicheres und langfristiges unterirdisches Endlager existiert». Aufgrund dieses Fazits war dann der Bericht des JRC in Auftrag gegeben worden.
Die Proteste gegen die Erkenntnisse, zu denen das Joint Research Center nun gekommen ist, folgten auf der Stelle – namentlich aus Ländern wie Deutschland und Österreich, wo die Atomkraftgegner tonangebend sind. Die deutsche Umweltorganisation Global 2000 etwa warf den JRC-Experten vor, die Probleme gekonnt zu verschleiern. Die wichtigsten Fragen der Atomenergie würden «durch eine rosa Brille verzerrt dargestellt».
Schon früher hatte es Kritik gegeben, das JRC sei in seinem Urteil nicht unabhängig. Das Gremium wurde Ende der 1950er-Jahre zusammen mit der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) gegründet, deren Ziel die Förderung der Kernenergie ist. Das JRC sieht sich aber als neutrales wissenschaftliches Gremium.
Erst wenige Tage vor dem Erscheinen des JRC-Berichts haben die EU-Staaten Frankreich, Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn in einem Brief an die EU-Kommission ihre Unterstützung für die Förderung der Atomkraft betont. Atomstrom sei ein «unabdingbarer» Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel, hiess es im Brief. Es müssten «faire Bedingungen für die Kernenergie in der EU» geschaffen werden. Frankreich produziert seinen Strom zu mehr als 70 Prozent mit Atomkraft. Die sechs osteuropäischen Staaten, die den Brief mitunterzeichnet haben, hängen stark von Kohlestrom ab und sehen die Kernenergie als Möglichkeit, die EU-Klimaschutzziele zu erreichen.
Was die Aufnahme der Kernkraft in die grüne Finanz-Taxonomie angeht, lässt die EU-Kommission die Angelegenheit nun ein weiteres Mal prüfen. Zwei weitere Experten-Gremien sollen sich in den kommenden Monaten mit dem Gutachten des JRC befassen, bevor die Kommission dann die finale Entscheidung trifft.




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