Astrophysikerin Kathrin Altwegg: «Menschen würden auf dem Mars elend krepieren»

Astrophysikerin Kathrin Altwegg: «Menschen würden auf dem Mars elend krepieren»

Der Mars-Rover Perseverance, der auf dem roten Planeten gelandet ist, entzückt die Weltraumbegeisterten. Doch wann fliegen die ersten Menschen zum Mars? Und wie sollen wir herausfinden, ob es im All noch andere Zivilisationen gibt? Ein Gespräch mit der Berner Astrophysikerin Kathrin Altwegg.

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von Alex Reichmuth am 27.4.2021, 17:00 Uhr
Mars-Rover Perseverance und Mars-Helikopter Inguenity. Bild: Shutterstock
Mars-Rover Perseverance und Mars-Helikopter Inguenity. Bild: Shutterstock
Frau Altwegg, vor wenigen Tagen hat der Mars-Helikopter Ingenuity zum ersten Mal von der Oberfläche des roten Planeten abgehoben. Welche Bedeutung hat dieser Flug?
Kathrin Altwegg: Ich finde es cool, dass das gelungen ist. Denn die Atmosphäre des Mars ist sehr dünn, nur gerade ein Prozent verglichen mit der Erde. Es ist technologisch interessant, dass so etwas möglich ist.
Ingenuity wurde zusammen mit dem Fahrzeug Perseverance auf den Mars gebracht. Es handelt sich um ein tonnenschweres Fahrzeug, das in einem ausgetrockneten See abgestellt wurde. Ein Durchbruch für die Raumfahrt?
Sicher, auch wenn es sich nicht um die erste und sicher nicht um die letzte Marsmission handelt. Unseren Nachbarplaneten zu erforschen, ist ein wichtiges Ziel. Es geht um Erkenntnisse zur Frühgeschichte des Sonnensystems. Aufgrund der Entwicklung des Mars kann man darauf schliessen, wie die Erde entstanden ist.

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Astrophysikerin Kathrin Altwegg. Bild: Universität Bern

Der Mars-Rover nimmt Bodenproben und untersucht diese vor Ort. Es wurde aber noch nie Marsmaterial zur Erde gebracht. Ist so etwas geplant?
Ja, der Mars-Rover ist sogar der erste Schritt dazu. Er sammelt Steine und legt sie auf einen Haufen. Etwa um das Jahr 2028 soll es dann gleich zwei Missionen zum Mars geben. Eine amerikanische Mission soll die Steine einsammeln und auf eine Umlaufbahn des Planeten bringen. Dort soll eine europäische Mission die Steine übernehmen und zur Erde transportieren.
Das tönt aufwändig.
Das ist es in der Tat (lacht). Noch viel aufwändiger wäre es allerdings, Menschen auf den Mars und wieder zurückzubringen.

«Das grösste Problem ist, dass die Raumfahrer während der ganzen Zeit der kosmischen Strahlung ausgesetzt wären.»


Wie weit sind wir von einer bemannten Marsmission entfernt?
Ziemlich weit, sicher noch mehrere Jahrzehnte. Wir sind derzeit ja nicht einmal fähig, auf den Mond zu fliegen. Das soll zwar in den nächsten Jahren wieder geschehen - wobei ich nicht glaube, dass es schon wie geplant 2024 der Fall sein wird. Eine Reise zum Mars hingegen ist ein ganz anderes Kaliber. Der Flug alleine dauert viel länger, nämlich mindestens drei Monate. Weil man nach der Landung abwarten muss, bis der Mars wieder nahe bei der Erde ist, müssten die Astronauten zwei Jahre auf dem Mars bleiben. Das grösste Problem ist, dass die Raumfahrer während der ganzen Zeit der kosmischen Strahlung ausgesetzt wären. Diese ist mit hoher Sicherheit tödlich.
Auf dem Mars ist man nicht geschützt davor?
Nein, weil der Mars nur eine dünne Atmosphäre und vor allem kein Magnetfeld hat. Die Astronauten müssten ein Loch graben und dort unten verharren, bis die zwei Jahre um sind.
Die Strahlung abschirmen geht nicht?
Kaum. Diese kosmische Strahlung durchdringt so ziemlich alles. Es bräuchte eine 1 Meter dicke Schicht an flüssigem Wasserstoff. Das ist technisch nicht machbar. Während dem Flug würde ein Magnetfeld um das Raumschiff helfen, aber das braucht wiederum zu viel Energie.
Es ist also ein Märchen, wenn Elon Musk ankündigt, schon 2025 Menschen auf den Mars zu schicken?
Das wäre höchstens denkbar, wenn die Raumfahrer hinfliegen und dort nach zwei bis drei Jahren elend krepieren würden.

«Es würde dem Eroberer-Geist des Menschen entsprechen, zum Mars zu fliegen.»


Ist eine bemannte Marsmission überhaupt ein erstrebenswertes Ziel?
Wissenschaftlich gesehen, nein. Wie man jetzt sieht, sind alle Untersuchungen auch mit Maschinen und Geräten möglich. Aber klar, es würde dem Eroberer-Geist der Menschen entsprechen, zum Mars zu fliegen.
Der Mars-Rover hält ja unter anderem nach Spuren von Leben Ausschau. Nach was sucht er genau?
Nach Aminosäuren und Nukleotiden, also nach Bausteinen des Lebens. Es ist allerdings sehr unwahrscheinlich, dass es auf dem Mars aktives Leben gibt - unter anderem wegen der erwähnten Strahlung, die DNA schädigt. Und es gibt wohl auch kein flüssiges Wasser mehr. Das ist aber eine Voraussetzung für Leben, wie wir es kennen.
Wie müsste man sich Leben auf dem Mars vorstellen?
Es würde sich wohl um Mikroben, also Einzeller handeln. Möglicherweise würden diese aber ursprünglich von der Erde stammen. Denn es ist denkbar, dass bei einem früheren Asteroideneinschlag auf der Erde Material weggespickt und auf den Mars gelangt ist, samt Mikroben von der Erde. Oder die gefundenen Einzeller sind ganz banal über die Marssonden eingeschleppt worden.
Wie wahrscheinlich ist es, dass es irgendwo sonst im Sonnensystem Leben gibt? Auf dem Jupitermond Europa soll ja flüssiges Wasser vorhanden sein.
Ja, man vermutet, dass es unter der Eisschicht, die die Jupitermonde bedeckt, flüssiges Wasser geben könnte. Die Gravitationskräfte, die vom Jupiter ausgehen, machen das möglich. So wäre zumindest eine Voraussetzung für Leben erfüllt. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass es im Sonnensystem ausserhalb der Erde Leben gibt. Denn es hätte auf einem Planeten oder einem Mond stabile physikalische Bedingungen über Milliarden von Jahren gebraucht. Das ist kaum irgendwo erfüllt.
Eine faszinierende Frage ist, ob es im Universum sonstwo Leben oder sogar intelligentes Leben gibt. Es scheint, dass diese Möglichkeit mit der Entdeckung der vielen Planeten ausserhalb des Sonnensystems als grösser als früher erachtet wird. Stimmt dieser Eindruck?
Durchaus. Bis vor 18 Jahren kannte man noch keine Exoplaneten, also Planeten ausserhalb des Sonnensystems. Inzwischen hat man schon über 4000 davon entdeckt. Offenbar hat fast jeder Stern Planeten. Es gibt allein in unserer Galaxie, der Milchstrasse, Hunderte Milliarden an Sternen. Und es existieren Milliarden von Galaxien. Also sind ziemlich sicher unvorstellbar viele Planeten mit flüssigem Wasser vorhanden.

«Es könnte auch andere Formen von Leben geben, etwa auf Silizium-Basis.»


Welche Voraussetzungen muss ein Planet sonst noch erfüllen, damit sich Leben entwickeln könnte?
Wichtig ist wie erwähnt, dass die Bedingungen über eine lange Zeit stabil sind. Es braucht zudem etwas kosmische Strahlung, damit Mutationen stattfinden und eine Evolution in Gang kommt. Aber zu viel Strahlung ist auch wieder nicht gut. Weiter darf der Planet nicht zu gross sein, wegen der Wirkung der Gravitation. Grundsätzlich stellt sich die Frage, nach was wir genau suchen. Leben, wie wir es kennen, beruht auf Kohlenstoff. Es könnte aber auch andere Formen von Leben geben, etwa auf Silizium-Basis.
Kann man abschätzen, wie gross die Wahrscheinlichkeit von Leben ist, wenn die erwähnten physikalischen Voraussetzungen auf einem Planeten gegeben sind?
Das ist die Knacknuss. Diese Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, ist wohl das Schwierigste.
Letztes Jahr haben Forscher der Universität Nottingham eine solche Abschätzung vorgenommen und sind zum Schluss gekommen, dass es in der Milchstrasse 36 intelligente Zivilisationen geben könnte. Ist das plausibel?
Absolut. Ich habe auch eine Abschätzung gemacht und komme auf 1000 Zivilisationen in der Milchstrasse. Aber unsere Galaxie ist so gross, dass selbst bei tausend Zivilisationen die nächste 1600 Lichtjahre entfernt ist. Ein Signal bräuchte 1600 Jahre, um dort anzukommen, und die Antwort bräuchte nochmals 1600 Jahre. So kann man nicht kommunizieren.

«Es ist möglich, dass es in der Milchstrasse 1000 intelligente Zivilisationen gibt.»


Könnten wir aber zumindest in Erfahrung bringen, wo es anderes Leben gibt?
Man müsste auf ein physikalisches Muster in der ankommenden Strahlung stossen, das nur mit der Existenz von Leben erklärbar ist. Heute ist man dran, im Strahlungsspektrum nach Anzeichen von Substanzen wie Ozon, Sauerstoff oder Chlor zu suchen, die im Zusammenhang mit Leben auf anderen Planeten stehen könnten. Ob aber eine fremde Zivilisation in der Lage wäre, ein künstliches Signal auszusenden, das wir messen könnten, ist fraglich. Dazu bräuchte es ungeheure Mengen an Energie.
Vielleicht sind andere Zivilisationen intelligenter als wir und finden Wege, um mit uns Kontakt aufzunehmen.
Die Frage ist, ob wir deren Signale überhaupt verstehen könnten. Ausgeschlossen ist zwar nichts. Aber wegen der enormen Distanzen ist es schon sehr unwahrscheinlich, dass man mit fremden Zivilisationen kommunizieren könnte.

Kathrin Altwegg (69) ist Astrophysikerin und emeritierte Professorin der Universität Bern. Sie war Chefin des Projekts Rosina, das die Erforschung des Kometen Churyumov-Gerasimenko zum Ziel hatte. Zudem führte sie das Zentrum für Weltraum und Bewohnbarkeit der Uni Bern als Direktorin.

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