Corona und die Frage nach dem richtigen Umgang: Auch Ärzte sind sich uneinig

Corona und die Frage nach dem richtigen Umgang: Auch Ärzte sind sich uneinig

Man soll der Wissenschaft vertrauen, heisst es, nur welcher? Drei Porträts von Berufskollegen, deren Ansichten unterschiedlicher nicht sein könnten.

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von Maria-Rahel Cano am 5.10.2021, 04:00 Uhr
Sven Streit vor seiner Hausarztpraxis in Konolfingen (Bild: MR. Cano)
Sven Streit vor seiner Hausarztpraxis in Konolfingen (Bild: MR. Cano)
Mitarbeit: Dominik Feusi und Stefan Millius

Sven Streit: «Die Pandemie ist noch nicht vorbei»

«Es wurden auch Fehler in der Corona-Krise gemacht», sagt Sven Streit. Er schiebt diese Irrtümer jedoch auf die menschliche Fehlerhaftigkeit und nicht auf ein wissenschaftlich oder politisches Versagen. «Am Ende des Tages sind wir immer noch Menschen, die mit einer Bedrohungslage und mit Risiko unterschiedlich umgehen. Und ich sehe nicht, was man dort noch hätte anders und besser machen können.»
Sven Streit ist Hausarzt und führt zusammen mit seiner Frau die Praxis «Burgweg» in Konolfingen. Gleichzeitig ist er Professor für Hausarztmedizin an der Universität Bern und seit Anfang des Jahres Mitglied der Corona-Taskforce. Im Gespräch wird aber deutlich, dass er hier nicht im Namen der ganzen Taskforce spricht, sondern für sich als Privatperson und Hausarzt.
Die Taskforce nehme Wissenschaftler aber aufgrund ihrer Erfahrungen, nicht aufgrund einer bestimmten Haltung auf. Er bringe sich als Hausarzt und Wissenschaftler in die Expertengruppe ein. Besonders interessant sei die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Fachbereichen in der Taskforce, so Streit, da man durch diese mehrere Perspektiven auf die aktuelle Lage erhalten könne.

Angst vor Überlastung

Angst, selbst an Covid zu erkranken, habe er nie gehabt. Aber dafür Sorge, dass man das Gesundheitswesen überlasten könnte und die Ärzte dann gezwungen wären, eine Triage vorzunehmen. Streit warnt vor dieser Ausgangslage, denn diese sei für einen Arzt menschlich nur schwer auszuhalten.
«Die Pandemie ist noch nicht vorbei», betont Streit. Auf die Frage, was es denn brauche, um die Pandemie für beendet zu erklären, sagt der Hausarzt: «Ich denke, wir werden damit leben müssen, dass es dieses Virus gibt. Aber um aus diesem Wechselbad zwischen strengeren und lockeren Massnahmen herauszukommen, sehe ich nur den Weg über die Impfung.»
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Joseph Widler (Bild: ZVG)

 

Joseph Widler: «Die Alten haben gelitten»

«Am Anfang haben wir die Kommunikation an die Zürcher Ärzte sichergestellt», erzählt Joseph Widler, Hausarzt und bei Ausbruch der Epidemie Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft. «Die Gesundheitsdirektion hatte ja die Mailadressen nicht.» Und dann ging es im März 2020 darum, Schutzmaterial für die Ärzte zu organisieren. «Wir wussten nicht viel und rechneten mit dem Schlimmsten.»

Das Problem sind die Angestellten

Widler war in zwei Altersheimen in Zürich als Heimarzt tätig. Die Einschränkung der Besuche bis zum Einsperren der Heimbewohner auf ihren Zimmern hat er von Anfang an kritisiert. «Die Besucher wissen um die Gefahr, die haben mit wenigen Ausnahmen aus Selbstverantwortung alles unternommen, um ihre Verwandten nicht anzustecken.» Das Problem seien vor allem die Angestellten gewesen.
«Die Alten haben gelitten», sagt Widler im Rückblick. «Ihre Enkel und Urenkel sind deren ganzer Lebensinhalt, davon hat man sie abgeschnitten.» Er habe früher älteren Patienten das Altersheim als «Hotel» angepriesen. In der Epidemie sei aus dem Hotel ein Gefängnis geworden. «Meine Patienten wollen nicht mehr ins Altersheim.»

Mehr Selbstverantwortung

In der Taskforce habe es von Anfang an zu wenig Praktiker und zu viele Theoretiker gehabt. Deshalb habe sie und der Bundesrat nie wirklich auf die Selbstverantwortung gesetzt. «Doch genau das hat doch funktioniert: Junge haben für ihre Eltern eingekauft, dabei immer den Abstand eingehalten und auf die Hygiene geachtet.»
Für Ärztekollegen, die die Krankheit kleinreden oder als erfunden bezeichnen, hat Widler kein Verständnis. «Das Virus ist gefährlich», sagt er. «Aber man kann dieser schweren Erkrankung mit einer Impfung vorbeugen.» Das gelte auch mit Blick auf die Nebenwirkungen . Diese seien im Vergleich zur Schwere der Erkrankung vernachlässigbar.

Zweifel an den Massnahmen

Widler fragt sich allerdings, mit welcher Begründung der Bundesrat jetzt noch an seinem Notregime festhält. «Das Gesundheitssystem war nie überlastet, die Zahlen sinken.» Widler zweifelt daran, dass die geltenden Massnahmen noch gerechtfertigt sind. «Wir müssen wieder in den Normalzustand übergehen.» Er habe den Eindruck, Politik und Verwaltung hätten den Auftrag, das Gesundheitswesen vor einer Überlastung zu schützen, aus den Augen verloren.
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Rainer Schregel (Bild: ZVG)

Rainer Schregel: «Die mRNA-Therapie wird schon lange im Tierversuch erprobt. Der Erfolg ist mässig bis nicht vorhanden…»

Dass er Medizin studieren würde, war für Rainer Schregel von frühester Kindheit an klar, allerdings wollte er zunächst Tierarzt werden. Schliesslich entschied er sich doch für Humanmedizin. Wie für die meisten von uns waren die Nachrichten aus Wuhan seine erste Begegnung mit dem «neuartigen» Coronavirus, mit Coronaviren sei er aber schon in seinem Studium Anfang der 90er-Jahre konfrontiert worden.

Keine Angst vor Corona

Er habe das «völlig angstfrei entgegengenommen», so Schregel, «ich bin im Februar 2020 auch ganz unbesorgt noch nach Vietnam geflogen.» Es habe sich schnell gezeigt, dass das neuartige Coronavirus nicht so gefährlich sei wie berichtet wurde und die Mortalität weit tiefer liege als befürchtet. «Jedes Jahr grassieren saisonale Infekte, und schon immer starben in erster Linie hochbetagte und chronisch kranke Menschen daran.» Das Gros der Menschen habe keinerlei schwerwiegende Probleme mit diesen Atemwegserkrankungen.

Kritische Haltung gegenüber den Massnahmen

Deshalb stehe er den Massnahmen kritisch bis ablehnend gegenüber – und auch der Impfung. Schregel: «Die mRNA-Therapie wird schon lange im Tierversuch erprobt. Der Erfolg ist mässig bis nicht vorhanden, aber mit massiven Nebenwirkungen. Beim Menschen handelt es sich um eine experimentelle Therapie, deren Auswirkungen wir heute gar nicht seriös abschätzen können.»
Als Arzt in einer Praxis, die für einen kritischen Kurs steht, empfängt er auch vor allem hinterfragende Patienten, «die sich freuen, dass wir ihnen nicht einfach etwas verkaufen wollen.» Sein persönliches Leben habe durch die Situation eine positive Wende genommen. «Viele angebliche Freunde haben sich abgewendet, gleichzeitig habe ich unzählige interessante und gebildete Menschen kennengelernt, die meinen Alltag bereichern», sagt Schregel.

Finger weg von den Grundrechten

Schregel wurde letztes Jahr wegen seiner kritischen Haltung als St. Galler Amtsarzt abgesetzt. Dies geschah allerdings rechtswidrig, wie das Verwaltungsgericht feststellte. Jetzt ist er als Hausarzt in Ebikon (LU) tätig. Auf die Frage, was die Schweiz in vergleichbarer Situation besser machen könne, sagt der Arzt trocken: «Die Finger von unseren Grundrechten lassen und auf völlig irrsinnige Massnahmen verzichten.»

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