Soziale Härtefälle

Ralph Weibel | veröffentlicht am 26.07.2018

Ob wir wollen oder nicht, es gilt, den Gürtel enger zu schnallen. Angesichts der strafzollerschütterten Weltwirtschaft, des hingerichteten Bankengeheimnisses und des schrumpfenden Reallohns in der Schweiz spielen sich dramatische Szenen ab.

Soziale Härtefälle
Tim Oliver Feicke | (Nebelspalter)

Nehmen wir Frau S. Als Erbin eines grossen Pharma-Produzenten weiss sie kaum mehr, wie sie ihr kleines Anwesen an der Zürcher Goldküste noch bewirtschaften soll. Ihr Gärtner kümmert sich zwar liebevoll um die 23?000 Quadratmeter Umschwung mit Karpfenteich, doch davon hat Frau Schneider nicht gegessen. Zudem liegt ihre Haushälterin Juanita seit Wochen mit deren kranken Mutter in den Ohren und was die Ärzte in Spanien kosten. Zudem müsste die Auffahrt zum Haus neu gekiest werden und in der Ferienwohnung in St. Moritz steht eine Renovation im Wellnessbereich an. Frau Schneider sieht sich in einem immer fortwährenden Kampf gegen den Zerfall der Etikette.

Nicht viel besser ergeht es da Herrn M. Als Manager eines grossen Finanzinstitutes, kümmert er sich nicht nur um Dutzende von Angestellten, nein, auch seine Kinder brauchen seine ganze Aufmerksamkeit. Wie jeder weiss, steigen die Kosten für den Nachwuchs mit jedem Jahr und die drei Kinder von M. sind längst über 30. Richtigen Ehrgeiz hat eigentlich nur der Jüngste, Jonathan, 32, der sich seit Jahren als Tennis-Profi versucht und kurz vor dem Durchbruch steht. Immerhin hat er es in die Top 1000 der Welt geschafft und im vergangenen Jahr seinen ersten Titel gewonnen, beim Challenger-Turnier von Zimbabwe. Tochter Chantal, 34, studiert seit bald 16 Jahren Lichttherapie in New York und ist gleichzeitig alleinerziehende Mutter. Sebastian, 37, ist Tänzer, lebt in Moskau und bewirbt sich jährlich um die Aufnahme ins Bolschoj-Ballettensemble. Alle drei vertrauen auf die Finanzkraft ihres Vaters. Dazu plagen Herrn M. die Anleger in seinem Finanzinstitut, die ihm jährliche Gewinnsteigerungen von unter zehn Prozent als Raub auslegen.

Oder das Beispiel vom Ehepaar B. Kaum hatten sie den neuen Jaguar für Frau B. gekauft, da entdeckte Herr B., dass sein Ferrari einen Kratzer hatte und rundum neu lackiert werden musste. Zu allem Überfluss hatten kürzlich während eines Theaterbesuches böse Nachtbuben den Stern vom Mercedes gerissen. Die Preise für Austern und Champa­-gner stiegen stetig und im Ferienhaus an der Côte d’Azur musste der morsche Bootssteg erneuert werden, kaum war die 30-Meter-Jacht neu gestrichen. Das alles ausgerechnet in einer Zeit, als der Umsatz in seinem Gefrierbackwarenhandel zu stocken begann.

Das sind nur drei Beispiele dafür, wie hart es die oberen Zehntausend trifft, wenn der Weltwirtschaftsmotor stottert. Es leuchtet jedem ein: Hier muss etwas passieren. Nun, Frau S. hat Juanita fristlos gekündigt, ihr mit einem warmen Händedruck die besten Genesungswünsche für ihre Mutter mit auf den Heimweg nach Spanien gegeben. Der Gärtner macht Kurzarbeit. Zum Trost hat sich Frau S. einen Koi für ihren Karpfenteich­ aus Japan einfliegen lassen. Herr M. hat die Hälfte seiner Belegschaft entlassen, die andere schiebt dafür unbezahlte Überstunden. Mit dieser selbstlosen Massnahme hofft M., die Gewinnausschüttung für seine Anleger bei zwölf Prozent halten und gleichzeitig den Kindern auf dem Weg in eine berufliche Zukunft weiter unter die Arme greifen zu können. Herr B. hat seinen Gefrierbackwarenhandel in ein Billiglohnland verkauft und die rund 150 Angestellten entlassen. Statt in seinen Betrieb fährt er jetzt täglich auf den Golfplatz. Zum Abschied liess er es sich nicht nehmen, jedem persönlich die Hand zu reichen mit den Worten: «In dieser finanziell schweren Zeit müssen wir alle bereit sein, Opfer zu bringen!»

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