Impftirade

Dominic Ledergerber | veröffentlicht am 01.02.2021

In Sachen Corona-Impfung wurden die Thurgauer lange als Trödler verunglimpft. Und jetzt, wo sie sich innovativ zeigen und auf hoher See impfen wollen, geht der Spott erst richtig los.

Impftirade
Nebelspalter | Kampagnen-Titel: Im See gestochen

Erst die «Chlöpf-di-weg»-Party, nun das mobile Impfzentrum: Es scheint, als müssten sozialpolitische Events im Thurgau zwangsläufig auf Schiffen stattfinden, um ihrer Bedeutung gerecht zu werden. Anders ist es nicht zu erklären, warum sich auf einer Fläche von knapp 1000 Quadratkilometern kein Platz für ein weiteres Impfzenturm finden liess.

Stattdessen wich der Kanton auf die «MS Thurgau» aus. «Impfen auf dem Passagierschiff» ist der Slogan, für den sich die Marketing-Verantwortlichen nach zähen Verhandlungen schliesslich durchringen konnten, nachdem «Im See stechen» lange als der sichere Sieger galt.

Dafür war man sich einig, die Injektionen mit dem Fahrplan der grossen Bodenseefähre abzugleichen. «Wenn die Fähre vorbeifährt, ist es zu wacklig für Impfungen», so das stichhaltigste Argument.

Oh, Heimat!

«Oh Thurgau, du Heimat, was stellst du mich bloss», geht es mir durch den Kopf. Als Bürger von Bischofszell (Wakkerpreis-Gewinner 1987) kenne ich dieses Gefühl, wenn mal wieder das ganze Land über den Thurgau spottet, nur zu gut.

Klar, man könnte auch einfach stolz sein auf die innovative Idee, die Corona-Impfungen auf dem Bodensee durchzuführen. Doch ist es noch nicht lange genug her, als ein Passagierschiff wegen eines Superspreader-Events in die Schlagzeilen geriet, an dem 700 Gäste «oben ohne», also ohne Maske, feierten.

Diese «versuchte Durchseuchung» hatte landesweit für Kopfschütteln gesorgt. Dass nun mit der «MS Thurgau» ein anderes Passagierschiff als Impfzentrum herhalten soll, stiftet wenig Vertrauen, zumal der Name dieses Schiffs erst noch an eine Autoimmun-Krankheit erinnert.

Üben an Milliardären

Erst als Trödler verunglimpft, wollte der Thurgau das Ruder mit einer innovativen Impfidee herumreissen, stattdessen erleidet das Image des Kantons nun ein weiteres Mal Schiffbruch. Die Corona-Impfungen sind zu dringlich, als dass damit warten könnte, bis die Fähre vorbeizieht. Doch wenn der Boden wackelt, wird die ärztliche Aufforderung «Bitte stillhalten» zur körperlichen Herausforderung.

 Vielleicht könnte der Kanton weitere impfwillige Milliardäre aus aller Welt aufspüren, an denen die Ärzte an Bord der «MS Thurgau» erst üben könnten, bevor man die eigene Bevölkerung dem Prozess einer Injektion auf hoher See aussetzt. 

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