Tor des Monats: René Fasel

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 29.01.2021

Einmal mehr sieht sich die Redaktion gezwungen, an dieser Stelle den vorgesehenen Pfad der Satire zu ver­lassen und jene Aufgabe zu übernehmen, welcher die Schweizer Mainstream-Medien nicht mehr nachkommen, weil sie Jour­nalismus mit Empörungsbewirtschaftung ersetzt haben.

Tor des Monats: René Fasel
Michael Streun | (Nebelspalter)

Kommen wir also zu den Fakten: Am 11. Januar reiste René Fasel in seiner Funktion als Präsident des Internationalen Eisho­­ckey-Verbands (IIHF) nach Minsk, um den letzten Diktator Europas Alexander Luka­schenko zu besuchen und herzlich zu umarmen. Über Fasel entlud sich daraufhin ein internationaler Shitstorm der höchsten Kategorie. Mit der Folge, dass der IIHF schon am 18. Januar dem Unrechtsstaat Belarus die geplante Weltmeisterschaft entzog.

René Fasel dürfte sich seither fühlen wie ein verkanntes Genie. Oder wie ein gewiefter Stratege, der seiner Zeit voraus ist. Gewiss als einer, der viel Undank auf sich genommen hat, um diese Welt ein bisschen gerechter zu machen. Denn das, was Fasel in Weissrussland getan hat, nennen Experten gekonnte hybride Kriegsführung.

Der IIHF-Boss hatte genau kalkuliert, was der Bruderkuss mit einem Autokraten in der frei empörbaren Welt auslösen würde. Er wusste um die Macht der Bilder, die auch der Grund sind, warum gigantische Sport­anlässe seit Leni Riefenstahl einen unüberwindbaren Reiz auf Reizfiguren ausüben. Der Eklat war vorprogrammiert, und Fasel hatte auch einberechnet, wie seine treuherzigen Statements im Anschluss («Lukaschenko hat viel Gutes für den Sport getan») in der Öffentlichkeit ankommen würden.

Mehr noch: Der Freiburger hat sich Jahrzehnte auf die Mission vorbereitet, den Weltsport ein bisschen besser zu machen. Deshalb präsidiert Fasel bereits seit 1994 den IIHF – um mit eindrücklichen 27 Dienstjahren den grossen Sportförderern dieser Welt punkto Amtsdauer auf Augenhöhe begegnen zu können: Lukaschenko kommt ebenfalls auf 27 Jahre, der lupenreine Demokrat Putin nur auf 21. Katars Scheich Tamim bin Hamad Al Thani ist mit acht Thronjahren gar noch ein richtiger Jungspund.

Inspiration für seinen historischen Auftritt dürfte der hochkultivierte Fasel durchaus in der abendländischen Geschichte und Mythologie gefunden haben: Die tödliche Umarmung ist genauso alt wie die Menschheit selbst. Auch Judas Ischariot verrät der Überlieferung nach den Messias am Ölberg durch Kuss und Umarmung. Kaiser Nero fand grossen Gefallen an einer heute im Pariser Louvre zu besichtigenden Statue des Bildhauers Kalchedon: Sie zeigt einen Knaben, der eine Gans erwürgt, indem er sie innig herzt.

Zurück in der Gegenwart kann man nur hoffen, dass die Reise nach Minsk nicht der einzige Coup des modernen Freiburger Ganswürgers bleiben wird. Wenn der erfahrene Funktionär Fasel dem Druck der Öffentlichkeit standhält, kann er noch viel dafür tun, die Grossanlässe des Weltsports aus der unerträglichen Nähe zu Unrechtsregimes und Potentaten zu lösen.

An Reisezielen mangelt es nicht: Ist die unterirdische Eishalle in Putins Schwarzmeer-Residenz denn schon offiziell eingeweiht? Ist das Grab des unbekannten Bauarbeiters für die Prunkstadien in Katar schon von einer internationalen Delegation besucht worden? Und wie medienwirksam wäre im Vorfeld der Winterolympiade 2022 in Peking ein wenig «Hugs and Kisses» mit Xi Jinping auf dem Platz des Himmlischen Friedens, der Hirngewaschenen Uiguren oder der Hin­gerichteten Dissidenten? Alles kein Problem für Fasel, denn unser Schweizer Spezialist für maskenfreies Despoten-Drücken ist ebenfalls Mitglied des IOC.

Im Schutz eines Satiremagazins, dessen Inhalte per se nicht ernst genommen werden, lässt sich deshalb festhalten: Wer so gekonnt auf der Klaviatur der verbalen und non­verbalen Kommunikation spielt wie IIHF-Präsident Fasel, hat es in der Hand, den Spitzensport aus den Fängen jener milliardenschweren Politiker zu entreissen, die ihn nur für die eigenen Zwecke und ein sauberes Image missbrauchen. Damit Sport künftig endlich in den Händen jener liegt, denen er in einer freien Welt zusteht: milliardenschweren Sponsoren, die ihn für eigene Zwecke und ein sauberes Image unterstützen.

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