Letztens im Rössli

Richi Küttel | veröffentlicht am 29.01.2021

Letztens im Rössli
Nebelspalter | Richi Küttel, Texter, Moderator, Protokollant

Ustrinkete. Der letzte Abend im Rössli bevor die Beizen in den Teil-Lockdown gingen. Die allabendliche Feierabendrunde am Stammtisch stierte in ihre Biergläser und schwieg sich angeregt an, als der Hardy plötzlich aus heiterem Himmel in die Runde warf, dass er sich überlegt habe, jetzt auch Experte zu sein, und zwar so ganz offiziell. Man dürfe ihn zukünftig also ruhig und gerne zitieren, mündlich, meinte er. Wenn es denn schriftlich sein müsse, so in der Zeitung oder so, dann verlange er im Fall etwas.

Die Stille am Tisch verstummte. Wir sind ja vorsichtig, wenn der Hardy mit seinen Ideen und Thesen daherkommt. Das kann schnell zu einer hitzigen Diskussion ausarten, wenn man nicht gleich seiner Meinung ist oder mit falscher Wortwahl auf falsche Knöpfe drückt. Und der Hardy hat viele Knöpfe. Und beruhigt sich dann meistens erst, wenn man, um zu beweisen, dass er einen überzeugt hat, seine Rechnung bezahlt.

In Anbetracht des letzten Abends am Stammtisch für eine nicht absehbare Dauer, erlaubte sich der Kläus dann aber doch nachzufragen, wie der Hardy denn da drauf komme und überhaupt, von welchem Fachgebiet er denn gedenke Experte zu sein. Der Hardy, sichtlich erfreut, dass jemand den Faden aufnahm, blickte in die Runde und antwortete, erstens komme er aus Eigenverantwortung drauf, denn Eigenverantwortung bedeute auch, dass man eine eigene Meinung habe, und zweitens spiele es willsgott keine Rolle von welchem Fachgebiet, ihn könne man gerne zu allen Themen befragen, er traue sich, zu allem eine Meinung abzugeben, sozusagen als Allgemeinexperte.

Kläus, der anscheinend vorhatte, nicht nur einen letzten Rausch heimzutragen, sondern auch noch einen letzten Streit vom Zaun zu brechen, lachte nur und meinte, dass der Hardy aber doch nur ein gewöhnlicher Plattenleger mit Anlehre sei, um Experte zu sein, brauche es schon mehr, und es wäre ja noch schöner, wenn jeder ein Experte wäre.

Aber – nur – gewöhnlich – Plattenleger – Anlehre – noch schöner. Unvorsichtige Wortwahl – falsche Knöpfe. Hardy wurde laut. Ob denn der Kläus ein Experte in Expertologie sei. Er solle ihm doch mal beweisen, welcher von den ach so oft zitierten Experten bitteschön kein Plattenleger mit Anlehre sei. Schliesslich würden ja in den seltensten Fällen die Namen der angeblichen Experten erwähnt, geschweige denn deren Legitimation und Kompetenz. Ständig heisse es «Experten meinen» oder «Experten sind der Ansicht», «Experten haben festgestellt». Doktor seien auch nur zwei Buchstaben und Professor vier.

Ja, ja, grinste der Kläus, und der Hirsch habe als Reh habilitiert. Der Experte Hardy solle jetzt mal runterkommen, weil auf den Experten Hardy warte bestimmt keiner.

Eben doch, verwarf der Hardy die Hände. Heutzutage werde ja jeder Rindlifurz von Experten kommentiert, Experten würden am Laufmeter zitiert, so oft und ständig, dass man ja gar nicht mehr wisse, was denn nun stimme, ja es kümmere doch auch keinen mehr, auf einen Experten kämen ja zehn, die das Gegenteil behaupten, und da könne er, der Hardy, locker mitmischen, das sei ein regelrechtes Geschäftsmodell, die Medien bräuchten ständig Expertenmeinungen und er biete eben jede Expertenmeinung nach Wunsch zu jedem Thema aus einer Hand.

Ja, dann solle der Experte doch mal eine Expertise abgeben, lehnte sich der Kläus zurück und stützte seine Stange auf seinen beachtlichen Ranzen.

«Und zu was bitte schön!», rief da der Hardy genervt aus. Der Kläus solle jetzt nicht so überheblich tun, aber bitte schön, wenn der Herr Kläus eine Expertise wolle, könne er ihm gerne eine geben, so, wie er, der Kläus, nämlich seine Maske trage, unter der Nase, das bringe im Fall überhaupt nichts, das sei ja völlig dämlich und auch eklig mit diesem Schnuderhalbkreis im Stoff unter der Nase, und er könne ihm das gerne wissenschaftlich begründen mit Aerosolen und Luftfeuchtigkeit und Strömungsverhalten, er habe sich informiert, aber eigentlich sei es ja gesunder Menschenverstand und der fehle dem Kläus offensichtlich, denn die Nase aus der Maske lampen zu lassen, sei in etwa so, wie wenn er, der Kläus, seinen schrumpligen Pimmel aus dem Hosenschlitz baumeln liesse, was ihm, dem Hardy, in Anbetracht von Kläus’ hässlichem Zinggen übrigens auch lieber wäre, denn erstens sei der Pimmel sicher kleiner als die Nase und zweitens müsse er den nicht ansehen, wenn er dem Kläus etwas Intelligenz unter genau diesen Zinggen reiben müsse.

Alle schauten auf die Gesichtsmaske vor Kläus auf dem Tisch. Der nahm sie und steckte sie stumm in den Hosensack.

Der Hardy beschloss, die stillschweigende Zustimmung als Sieg zu werten, und kam schlagartig runter, blickte in die Runde und grinste, in Zukunft dürften sich also alle an diesem Tisch, jedes Mal, wenn sie eine Expertenmeinung hörten, fragen, ob sie nicht von ihm, Hardy, dem Plattenleger mit Anlehre, stamme. Und für diese Erkenntnis dürfe der Kläus ihm gerne die Zeche bezahlen, das sei das Mindeste.

Was sollte man da noch sagen? Der Kläus wusste es jedenfalls auch nicht. Und zahlte.

Und jetzt juckt ihm jedes Mal, wenn ein Experte zitiert wird, die Nase.

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