Auf zum kollektiven Selbstmord!

Ralph Weibel | veröffentlicht am 29.01.2021

Auf zum kollektiven Selbstmord!
Schlorian (Stefan Haller) | (Nebelspalter)

Wir schreiben das Jahr 2030. Alle Festivitäten zum Jubiläum «10 Jahre Pandemie» sind abgesagt. Nicht etwa, weil es zu gefährlich wäre oder die Hy­giene- und Abstandsregeln nicht ein­gehalten werden könnten. Diese sind längst abgeschafft, weil unnötig. Während des 24. Lockdowns treten Herr und Frau Schweizer höchstens noch vor die Türe, um eine Impfung gegen irgendetwas zu erneuern. Die Zahl der Impfungen steigt von Jahr zu Jahr. Die Bewilligungsverfahren sind mittlerweile so schnell und unkompliziert, dass im vergangenen Jahr erstmals ein Impfstoff zugelassen wurde, bevor es ihn überhaupt gab. Grösstes Problem der Volksgesundheit, und häufigste Todesursache, ist längst der von Nadelstichen durch­löcherte Oberarm.


Licht am Horizont löschen
Eigentlich hätte damals, zum Ende des Jahres 2020 mit der grossen Pandemie, ein Impfstoff die Rettung bringen sollen. Weltweit hatten die Regierungen versucht, die letzten Widerstandsnester von Impfgegnern und -Kritikern mit Lockdowns und Ver­anstaltungsverboten Vakzin-reif zu bomben. Doch die Kritiker liessen sich ebenso wenig ausrotten wie die Covid-Viren. Und so knipsten die Regierungen den Hoffnungsschimmer am Horizont gleich wieder aus. In der Schweiz machte sich allen voran Bundesrat Alain Berset Sorgen über das mutierte Corona-Virus. Damit sprach er einem Grossteil der Bevölkerung aus dem Herzen. Seiner Popularität jedenfalls schadete der ängstliche Blick unter den schwarz-buschigen Augenbrauen über einer festgewachsenen Schutzmaske nicht. Sonst wäre sein Konterfei zum 5-Jahr-Jubi­läum der Pandemie nicht anstelle eines Alphirten im Sennenchutteli auf den Fünfliber gepresst worden.

Erstaunlicherweise führte das Handeln des gesamten Bundesrates damals, Anfang 2021, zu keinen nennenswerten Protesten. Zwar hatten nach einem Jahr Pandemie eine halbe Million Menschen in der Schweiz schon einen positiven Coronatest überlebt, aber 8000 Menschen starben daran. Der grösste Teil davon (72%) hatte schon das stolze Alter von deutlich über 80 Lebensjahren erreicht. Schlimm oder nicht schlimm?


Unsterblichkeit
Die Frage spaltete die Gesellschaft. Für die einen durfte sie überhaupt nicht gestellt werden, die anderen wurden als Coronalügner verunglimpft. Irgendjemand hatte die Unsterblichkeit beschlossen, koste sie, was es wolle. Die Unerreichbarkeit dieses Vorhabens war allen bewusst. Dennoch musste alles dafür unternommen werden. Nach dieser Logik hätte es damals auf der Titanic keine Überlebenden gegeben. Anstelle von «Frauen und Kinder zuerst», dem sogenannten Birkenhead Drill, wäre der Ruf «Alle auf ein Rettungsboot!» erklungen. Zur Sicherheit hätten wir mit einer Axt noch ein Loch in den Boden gehauen. Irgendwie ist gemeinsam untergehen einfach schöner als alleine. Was vielen Menschen in Alters- und Pflegeheimen nicht vergönnt war. Sie mussten alleine in Isolation sterben.

Das war traurig. Dennoch liess sich das Sterben nicht verhindern und so mussten immer neue, härtere Massnahmen erfunden werden. Heute, zehn Jahre später, können wir uns beispielsweise gar nicht mehr vorstellen, wie Menschen mit Bussen dazu gezwungen werden mussten, eine Maske zu tragen, kaum war man aus dem Bett gekrochen. Oder wie sich einzelne Menschen Sorgen machten um die Existenz von Kneipen. Diese sündigen Treffpunkte der hormongesteuerten Grenzüberschreiter gehörten längst vernichtet. Dafür bediente sich unser Bundesrat nicht eines Regens aus Feuer und Schwefel wie der Herr in Sodom und Go­morra. Er verhängte ganz einfach einen Lockdown. Er verbot schlicht alles, was den Menschen vom Affen unterschied: Kulturveranstaltungen, Bücherläden, Sport, soziale Kontakte und sogar die Rekrutenschule verlegte er ins Internet.


Gib mir die Peitsche!
Das Erstaunlichste damals war, wie bereitwillig die Gesellschaft die Massnahmen aufnahm, sogar noch mehr, härtere forderte, wie ein Masochist von seiner Domina. «Ja, gib uns mehr, mehr, wir wollen Peitschenhiebe in Form von Bevormundung, Reisebeschränkungen, Contact-Tracing, Partyverbot, Homeoffice, Maskenpflicht, Besuchsverboten, Versammlungsverbot, und was gibt es letztlich Schöneres, als die Wirtschaft an die Wand zu fahren. Ja, ja, ja, immer feste draufhauen.»

Bei der allgemeinen Entmenschlichung war uns die Technik behilflich. Endlich durften wir ohne schlechtes Gewissen im Internet Kleider, Stabmixer und Sexualpartner bestellen. Das Leben wurde wieder sicherer, mutierte mit dem Corona-Virus aber zu Agonie, einem ständigen Todeskampf. Anders ausgedrückt müssen wir rückblickend feststellen: Wir haben uns vor zehn Jahren, aus Angst vor dem Sterben, zum kollektiven Selbstmord entschlossen.

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