Tor des Monats: Anne Lévy

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 04.12.2020

Tor des Monats: Anne Lévy
Michael Streun | (Nebelspalter)

Ratschiller: Wir befinden uns hier auf der Kommandobrücke der «MS Switzerland», neben mir steht Anne Lévy, die erste Offizie­rin der Bord-Abteilung für Gesundheit BAG. Sie hat den Posten erst im April bezogen, mitten auf der ersten Monsterwelle.

Brennwald: Ha! Schon fängt es an: «Monsterwelle!» Das ist unnötiger Alarmismus statt ausgewogene Berichterstattung.

Ratschiller: Unerhört, Herr Brennwald, das hier ist mein Interview!

Lévy: Oui, Monsieur, Ihr Termin wäre vor drei Wochen gewesen. Es ist wie bei Ihrem Film: Sie kommen leider etwas zu spät.

Ratschiller: Und kritische Fragen stellen kann ich übrigens auch. Stimmt es, dass …

Schiffsarzt: Krankenstation an Brücke! Es sind wieder 141 Betten frei geworden.

Lévy: Da hören Sies, wir sind gut unterwegs. Um Ihre Frage zu beantworten: Seit Beginn der Fahrt wurden bereits 4250 Betten frei.

Ratschiller: Eigentlich habe ich noch gar nichts gefragt. 4250 Passagiere konnten also bisher das havarierte Schiff verlassen? In Rettungsbooten?

Lévy: Nein, in Urnen und Holzsärgen. Wir sind aber dabei, bis Mitte des nächsten Jahres Rettungsboote zu prüfen.
Heizer: Maschinenraum an Brücke! Wann können wir endlich wieder volle Kraft voraus geben? Das Getriebe stottert bedenklich!

Ratschiller: Ist es nicht gefährlich, den Motor auf der Kuppe des zweiten Wellen­berges wieder hochfahren zu wollen?

Rima: Es gibt überhaupt keine Wellen!

Lévy: Herr Rima, Sie sind hier als Clown angestellt, nicht als Captain. Das ist immer noch Alain Berset. Sogar wenn der sich zum Clown gemacht haben sollte. Und auf dem Schiff gilt Schwimmwesten-Pflicht, merde!

Rima: Es gibt überhaupt keine Belege, dass Schwimmwesten etwas nützen.

Ratschiller: Ich kann Sie beim besten
Willen einfach nicht verstehen, Herr Rima.

Lévy: Ja, der Lärm hier auf der Brücke wird tatsächlich immer unerträglicher. Was ist denn überhaupt los?

Zweiter Offizier: Das Bordorchester, Frau Lévy. Es ist heillos zerstritten.

Lévy: Sollte es nicht «Näher, mein Gott, zu dir» spielen?

Zweiter Offizier: Ein Teil des Orchesters macht das auch. Doch die Mehrheit hat sich für die Partitur «Näher mein Geld zu mir» entschieden.

Ratschiller: Die Kakofonie ist tatsächlich ohrenbetäubend.

Zweiter Offizier: Das Orchester hat ja auch gewaltigen Zulauf. Kaum ein Passa­-gier, der nicht mitspielen will.

Lévy: Während der ersten Welle hörte man ja vor allem noch Flöten und Streicher …

Ratschiller: … und jetzt mehr und mehr Trommler und Pfeifen. Wann ist denn wieder mit einem stimmigen Zusammenspiel zu rechnen?

Lévy: Da vertraue ich auf unser System. Ein Orchester mit 26 eigenständigen Registern ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.

Ratschiller: Zurück zu Ihrer Arbeit, Frau Lévy. Sie haben gesagt, dass die «MS Switzerland» im Vergleich zu den umliegenden …

Lévy: … Dampfern gar nicht schlecht im Wasser liegt, genau!

Ratschiller: Obwohl etwa bei der «MS Deutschland» proportional viel weniger Passagiere über Bord gehen?

Ausguck: Ausguck an Brücke! Alarm! Eisberg in Sicht! Eisberg in Sicht!

Lévy: Wunderbar! Sofort ansteuern und anlegen. Lassen wir da die Leute erst einmal ein paar Tage entspannt Ski fahren.

loader