Her damit!

Ralph Weibel | veröffentlicht am 04.12.2020

Der Impfstoff gegen eine Coronaerkrankung scheint gefunden, zumindest in Reichweite. Bis er einsatzbereit ist, muss die Bevölkerung sturmreif gebombt werden, damit sie sich die Spritzen in den Oberarm rammen lässt. Erreicht wird dies mit Maskenpflicht, dem Jonglieren von Zahlen und Fakten, die manchmal auch etwas zurechtgebogen werden müssen.

Her damit!
Marina Lutz | (Nebelspalter)

Halleluja! Kurz vor Weihnachten hat uns die frohe Botschaft erreicht, es werde schon bald den langersehnten Impfstoff gegen Corona geben. Ein kleiner, oder um es genau zu nehmen, zwei kleine Stiche und endlich kann man wieder die Sau rauslassen. Wobei das Bild mit der Sau bezüglich Krippenfest sicher nicht das beste ist, da wäre eine Ochsentour oder eine herzhafte Eselei passender. Wie dem auch sei, wenn man noch den Mut hat, sich ab und zu nicht nur das Schweizer Fernsehen zu Gemüte zu führen, sondern auch die bewegten Bilder aus dem benachbarten Deutschland oder Österreich, überkommen einen doch ernsthafte Zweifel bezüglich der Seriosität der Berichterstattung. Und dazu muss man noch nicht einmal Verschwörungstheoretiker sein.

Leben und Tod
Die nicht unbedingt für ihre humoristischen Einlagen in ihren Nachrichten bekannte ARD-Hintergrundsendung «aspekte» berichtete von überlasteten Krankenhäusern und gleichzeitigem Halligalli in engen Restaurants und Cafés. Der Terminus liess vermuten, die Schweiz sei ein einig Volk von Coronaverharmlosern. Zudem nähme sie billigend in Kauf, dass Ärzte zu «Richtern über Leben und Tod» würden. Die Berichterstattung war mindestens so dramatisch, ach was, Blödsinn, ein x-faches dramatischer als diejenige aus Aleppo oder einem Flüchtlingslager mit den erbärmlichsten Lebensbedingungen. Überdies wird darüber in der EU noch nicht einmal ansatzweise in der gleichen Ernsthaftigkeit diskutiert wie über die Massentierhaltung in deutschen Schweineställen, von denen aus Europa mit Billigfleisch überschwemmt wird.

Apropos Schwein! Kein solches stört sich daran, wenn Spitalzahlen aus dem Wallis, wo seit mehreren Wochen ein Lockdown gilt und über die gesamte Gastronomie ein temporäres Berufsverbot verhängt ist, was die deutschen Berichterstatter unerwähnt liessen, mit Bildern aus Kneipen in Zürich unterlegt werden. Die Wirkung liess nicht lange auf sich warten. Dutzende andere Medien berichteten weltweit über die katastrophalen Zustände in der Schweiz.

Expertenwissen
Leider können wir bei dieser ganzen Geschichte denen, die mit dem Finger auf uns zeigen, noch nicht einmal verächtlich den nackten Hintern entgegenstrecken. Wir helfen sogar mit, die alarmistischen Signale zu ver­stärken. So liess beispielsweise die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin Mitte November verlauten, «aktuell seien praktisch alle zertifizierten Intensivbetten im Land vollständig belegt». Tatsache ist, die Belegung hat die 80%-Grenze nie geknackt, zudem wurde wiederholt darauf hingewiesen, die Kapazitäten könnten durchaus noch erhöht werden. Dennoch drängte sich wieder so eine Virologin der Uni Genf in den Vordergrund. Isabelle Eckerle twitterte: «Keine Kapazität mehr für #COVID 19, und auch nicht für andere Schwerkranke.» Die ausländischen Medien nahmen diese Aussage genüsslich auf. Dass sie offensichtlich nicht stimmte und zu diesem Zeitpunkt die Zahlen bereits am Sinken waren, wurde nicht oder nur zögerlich erwähnt. Genauso, wie niemand die Maskenpflicht infrage stellt, obschon beispielsweise Länder wie Spanien oder Italien, die seit dem Frühling eine solche im öffentlichen Raum kennen, ebenfalls hohe Infektionszahlen haben.

Völlerei statt Hometrainer
Wenn Sie an dieser Stelle noch nicht entrüstet das Lesen aufgegeben und einen Leserbrief begonnen haben, um Beschimpfungen gegen Coronalügner, Verschwörungstheoretiker und Impfgegner loszuwerden, sei Ihnen gesagt, wo das Denken aufhört, fängt die Fremdbestimmung an. Und man will sich nicht vorstellen, wenn diese Bestimmung von Menschen kommt wie Gesundheitsökonom Willy Oggier, der Massnahmenkritiker medizinisch nicht versorgen lassen will, oder der Präsidentin der Gesundheitskommission, Ruth Humbel (CVP/AG), die vorschlägt, Geimpften oder Immunen mehr Privilegien einzuräumen. Da ist der Schritt nicht mehr weit, Leute auf dem Berg liegen zu lassen, wenn sie sich beim Wandern oder Skifahren den Haxen brechen oder sich über die Festtage der Völlerei hingeben, statt auf dem Hometrainer zu sitzen.

Guter Vorsatz
In unsicheren Zeiten ist nur eines sicher, wir wollen alle unsere alte Welt, oder zumindest eine gewisse Unbeschwertheit, zurück. Vielleicht sind wir auf unserem Weg schon recht weit. Eine Impfung kann sicher dabei helfen. Doch es muss erlaubt sein, sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen, ob ein neuer Impfstoff unbedenklich ist. In jedem Fall würde es uns gut anstehen, etwas weniger hysterisch mit Zahlen und zurechtgelegten Halbwahrheiten um uns zu werfen. Das zumindest ist ein guter Vorsatz fürs neue Jahr.

loader