Das Providurium

Ralph Weibel | veröffentlicht am 06.11.2020

Die Schweizerinnen und Schweizer ächzen unüberhörbar unter den sich inflationär verbreitenden Coronamassnahmen. Speerspitze der Seuchenbekämpfung ist die temporäre Maskenpflicht. Doch vielleicht bleibt uns diese viel länger erhalten, als wir befürchtet hatten. Der Bundesrat verlängert Provisorien gerne ins Unendliche und das Volk stimmt zu.

Das Providurium
Burkhard Fritsche | (Nebelspalter)

Wann haben Sie zum letzten Mal in einem gemütlichen Lokal einen Latte macchiato oder Cappuccino geschlürft und dazu  eine Zeitung oder eine intelligente Zeitschrift wie den ‹Nebelspalter› gelesen? Es muss schon sehr lange her sein. Sind wir ehrlich, mit der grossflächigen Maskenpflicht geht einher, dass die Brille sofort beschlägt und es überhaupt nicht mehr möglich ist, weiter zu lesen als bis ungefähr hierhin, wo Sie sich jetzt befinden. Normalerweise verschwinden ab hier die Buchstaben langsam wie in einem Nebel, der sich voller Melancholie im Herbst über die Landschaft legt.

Torkelnde Zombies
Es würde nicht verwundern, wenn in den kommenden Monaten und Jahren eine schleichende Verblödung bei der Menschheit Einzug halten würde, weil wir wegen der Maskenpflicht den Zugang zu Bildung verlieren. Böse Zungen behaupten, das sei bereits passiert. Wie orientierungslose Zombies torkeln wir jetzt schon herum. Weil wir durch die beschlagene Brille nichts sehen, tasten wir beim Aussteigen aus dem Tram oder Zug wie Betrunkene nach Halt und staksen wegen fehlender Bodensicht storchenartig herum. Zugegeben, das betrifft nur Brillenträger und -innen – draussen ist es weniger schlimm –, was immerhin zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung umfasst.

Das wäre ja alles nur halb so schlimm, wenn man die Masken irgendwann wieder weglassen könnte. Doch davon sind wir weit entfernt. Es ist Salz in die Wunden gestreut, aber an dieser Stelle soll trotzdem noch einmal erwähnt werden, dass zu Beginn der Corona-Pandemie das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes als sinnlos eingestuft wurde. Erst mit Fort­dauer der neuen Epoche entwickelte sie sich zum Ausweg aus der Hilflosigkeit gegenüber steigenden Infektionszahlen. Oder zumindest erlangte sie den Status des öffentlich getragenen Kainsmals gegen die aufkommende Sorglosigkeit. Und so hat die Maskenpflicht mittlerweile ihren festen Platz in unserem Alltag.  

Teller aus Email
Genauso wie beispielsweise die direkte Bundessteuer. Dieser Zusammenhang mag Sie jetzt etwas erstaunen. Aber sie zeigt exemplarisch auf, wie der Bund etwas einführt, das anfänglich als vorübergehend gedacht ist, dann aber nie wieder abgeschafft wird, bis es zu guter Letzt zum festen Bestandteil unseres Lebens wird. Im Volksmund spricht man dabei von einem Providurium. Jeder kennt solche temporären Dauerlösungen. Bei mir beispielsweise hängt es im Schlafzimmer. Bei einem überstürzten Umzug schnell als Lichtquelle montiert, besteht meine Lampe aus einer Glühbirne, die sich in den vergangenen Jahren zu einer Sparlampe gemausert hat, und einem Teller aus Email. Für die jüngeren Leser: Das ist ein Werkstoff und kann nicht per WLAN versendet werden. Das formschöne Design, wie es in jedem Kuhstall vorkommt, hat schon verschiedene Wohnortswechsel mitgemacht und sich immer wieder bewährt.

Damit zurück zur Bundessteuer. Als das Geld im Laufe des ersten Welt­krieges knapp wurde, erhob der Bund in den Jahren 1916 und 1917 eine «Kriegssteuer». Als die Vollpfosten um uns herum endlich die Waffen niedergelegt hatten, schaffte der Bund diese Steuer nicht etwa ab. Er taufte sie einfach ein paar Mal um. Zuerst in «aus­serordentliche Kriegssteuer», daraus wurde 1934 die «Krisenabgabe» und nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schliesslich die «Wehrsteuer». Dies, obschon das Volk eine Verankerung der Steuer in der Bundesverfassung nach dem Ersten Weltkrieg abgelehnt hatte (1918). Erst 40 Jahre später wurde sie aufgenommen und insgesamt neunmal verlängert. Letztmals vor zwei Jahren. Haben Sie drüber abgestimmt, aber wahrscheinlich schon wieder vergessen.

Entschleunigung
Fakt ist, die Bundessteuer ist ein Providurium. Wie das Tempolimit 120 auf unseren Autobahnen. Dieses hat noch mehr Ähnlichkeiten mit der Maskenpflicht. Trotz Unwissenheit über dessen Nutzen gegen das Waldsterben, das heutige Coronasterben, wurde es 1985 eingeführt. Ein Zusammenhang zwischen Fahrtgeschwindigkeit und serbelnden Bäumen konnte übrigens nie nachgewiesen werden. Doch wie beim Homeoffice gefiel Herr und Frau Schweizer die Entschleunigung nach nur vier Jahren richtig gut. An der Urne wurde deshalb eine Wiedereinführung von Tempo 130 deutlich abgelehnt und wir tuckern seither mit den PS-stärksten Boliden herum wie in Seifenkisten.

Den Schnauf geraubt
Nachdem der Bund faktisch die 24-Stunden-Maskenpflicht eingeführt hat, bleibt zu hoffen, das neuste Providurium raube den Jungen nicht den Schnauf. Diesen werden sie in den kommenden 30 Jahren dringend brauchen, wenn sie für die Folgeschäden der Coronamassnahmen bezahlen. Wenigstens können sie sich voll darauf konzentrieren. Weder Partys, Sportanlässe oder Kulturveranstaltungen werden sie davon abhalten.

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