Mehr, immer mehr

Dominic Ledergerber | veröffentlicht am 01.10.2020

Onlineanbieter sind die grossen Gewinner der Coronakrise. Sie florieren, weil wir auch in der Krise nicht auf unseren Konsumwahn verzichten wollen. Amazon steckt dabei alle anderen in die Tasche. Das Unternehmen von Jeff Bezos profitiert sogar von den Profiteuren – und dennoch ist es erstaunlicherweise Bill Gates, der bei Verschwörungstheorien den Kopf hinhalten muss.

Mehr, immer mehr
Oliver Ottitsch | (Nebelspalter)

Bleiben Sie zu Hause, bestellen Sie online. Wäre es unserer Regierung erlaubt, ihre bundesrätlichen Gesichter für Werbung hinzuhalten, so hätte sich Alain Berset für diesen Slogan sehr leicht gewinnen lassen. Es wäre ja ohnehin nur eine Ergänzung seines Mantras gewesen; und an potenziellen Firmen, die an einer solchen Werbung interessiert gewesen wären, hätte es erst recht nicht gemangelt.

Während das Land in eine Rezession stürzte, Unternehmen reihenweise Konkurs anmelden mussten und die Arbeitslosenquote auf ein Rekordhoch kletterte, ist der Onlinehandel richtiggehend explodiert. Garten­geräte, Kleidung, Essen – alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wurde in rauen Mengen geliefert, sodass die Schweizerische Post ihren Angestellten in den Verteilzentren Fitness-Abos spendieren musste, um den physischen Herausforderungen gewachsen zu sein.

Die Coronakrise hat den reichsten Mann der Welt noch reicher gemacht. Das Vermögen von Amazon-Gründer Jeff Bezos wird mittlerweile auf knapp 200 Milliarden US-Dollar geschätzt, weil es sein Unternehmen nicht nur verstand zu liefern, sondern auch von den Profiteuren zu profitieren.

 

Bill Gates ist sauer

In der Pandemie verdoppelte sich die Anzahl der Netflix-Abonnenten, die Video-App Zoom konnte gar einen Anstieg von 10 auf 200 Millionen Benutzer täglich verzeichnen und bei beidem kassierte Amazon kräftig mit, weil das Bezos-Unternehmen seine gigantischen Server untervermietet. Geschickt eingefädelt, Jeff!

Ohnehin ist dieser Mann ein Phä­nomen: Nachdem er bei McDonald’s jobbte, gelang ihm mit Amazon das Kunststück, Bücherwürmer im In­ternet zu rekrutieren. Und obwohl er bei seiner Kampfscheidung satte 60 Milliarden US-Dollar verlor, ist er immer noch fast doppelt so reich wie Bill Gates, auch wenn Corona dessen Microsoft-Imperium ebenfalls eher nutzte als schadete.

«Egal, wie reich du bist, Billie, es wird immer einen geben, der mehr Geld besitzt als du», soll Gates’ Mutter seinem Jungen einst mit auf den Weg gegeben haben, und es sind Worte, die sich heute anfühlen müssen wie Salzkörner in einer offenen Wunde. Der Reichtum ist das eine, doch anders als Bill Gates muss sich Jeff Bezos nicht mit Verschwörungstheoretikern herumschlagen.

 

Auf 5G schiessen

Dazu ein kurzer Selbsttest: Haben Sie schon versucht, eine 5G-Antenne mit einer Hochleistungsarmbrust zu vernichten? Glauben Sie, Ueli Maurer sei ein Reptil? Tragen Sie einen Hut aus Aluminium? Falls Sie eine dieser Fragen mit Ja beantwortet haben, gehören Sie wohl auch zur Gattung der Verschwörungstheoretiker und sind überzeugt davon, dass Bill Gates Sie impfen lassen will und gleichzeitig nebenbei eine neue Weltordnung installieren möchte.

Im Vergleich mit Bill Gates hat Jeff Bezos also a) mehr Geld und b) weniger Verrückte um sich herum, die ihm nach dem Leben trachten. Und dann wohnt er auch noch in derselben Nachbarschaft in Medina, Washington. Das kann einem schon mal den Tag versauen.

 

Der entlarvende Profit

Das Problem mit Verschwörungs­theorien ist doch, dass sie zumeist so absurd sind, dass sich kein halbwegs vernünftig denkender Mensch ihnen anzuschliessen vermag. Nach Ausbruch der Coronapandemie sahen Skeptiker und Leugner derselben bald einmal einen Zusammenhang mit einer Impf-Neurose von Bill Gates. Dabei wäre es doch viel naheliegender, zu analysieren, wer denn von der Krise am meisten profitiert.

Und besonders bei Jeff Bezos und Amazon ist der Profit geradezu ent­larvend. Der Onlinelieferant ist mittlerweile wertvoller als unsere börsenkotierten Unternehmen im Swiss Market Index, alleine dieses Jahr stieg Bezos’ Vermögen um 24 Milliarden US-Dollar. Und sogar Rivale Apple soll Medienberichten zufolge monatlich 30 Millionen Dollar hinblättern müssen, um die Amazon-Cloud nutzen zu dürfen.

Könnte es also sein, dass Corona doch nur Mittel zum Zweck war und ist, um den allerreichsten Mann der Welt, diesen Lieferkönig aus Texas, noch reicher zu machen? Klar, auch diese These ist absurd. Und doch braucht es dazu weniger Fantasie, als sich Ueli Maurer mit einem Echsenkopf vorzustellen.

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