Lass mich mitleiden!

Ralph Weibel | veröffentlicht am 01.10.2020

Was gibt es Schöneres, als sich solidarisch zu zeigen? Einfach so mal selbstlos sein, etwas Anteil nehmen am Elend der anderen, vielleicht ein paar Franken spenden oder eine Petition unterschreiben. Brennende Flüchtlingslager, Klimademos, Corona und Grundrechte für Affen ermöglichen uns heute, was im 16. Jahrhundert die Ablasszahlungen waren. Damals wie heute ist unser Verhalten vor allem eines: heuchlerisch.

Lass mich mitleiden!
Marina Lutz | (Nebelspalter)

Waren Sie schon in Moria? Zumindest auf Google Earth könnten Sie da mal ganz bequem hinreisen. Was Sie sehen würden, wäre sehr erstaunlich. Man sieht nämlich überhaupt nichts. Zumindest nicht von einem Flüchtlingslager, oder dem, was nach den verheerenden Bränden im September davon übrig geblieben ist. Die entscheidenden Stellen sind verpixelt. Sie würden uns sonst vermutlich die Schamesröte ins Gesicht treiben. Oder, je nach Gesinnung, die Zornesröte, weil die ganzen Flüchtlinge undankbar da rumlümmeln, wo wir derzeit nicht hinsollen. Der Bundesrat hat uns ja aufgefordert, unsere Ferien im eigenen Land zu verbringen, wo es weit und breit kein Meer gibt. Vom griechischen Flüchtlingslager bis zum Strand ist es dagegen nur ein Spaziergang. Da kann man schon mal eifersüchtig werden. Trotzdem steht in den kommenden Tagen und Wochen nicht nur die zweite Corona-Welle an, sondern auch die zweite Ferienreisewelle, die bei Herrn und Frau Schweizer seit Längerem jeden Herbst losgetreten wird.


Appetit vergangen

Wie zynisch ist das denn?, mögen Sie jetzt entsetzt schreien. Die Bilder der Feuersbrunst, der verzweifelten Menschen, die in den rauchenden Trümmern nach etwas Verwertbarem stocherten und der hilflosen Einhei­mischen gingen um die Welt und erreichten uns just in dem Moment, als wir uns noch ein Rädli Salami vor der Tagesschau abschneiden wollten. Bei den schrecklichen Bildern wäre uns fast der Appetit vergangen. Natürlich, wir sind ja keine Unmenschen. Dabei spielt es keine Rolle, dass vieles schon erbärmlich ist, bevor das Fass zum Überlaufen kommt, oder – um in Moria zu bleiben – in Flammen aufgeht. Offen bleibt nur die Frage, weshalb wir nicht vorher hinsehen und uns über etwas empören, bevor es zu spät ist.


Bemalter Pappkarton

Respektive, was noch viel verrückter ist, wir immer im Nachhinein so verdammt moralisch überreagieren. Das treibt mitunter absurde Blüten. Bei uns in der Schweiz beispielsweise in der grenzenlosen Unterstützung für die «Black Lives Matter»-Bewegung. Nein, Sie müssen mir jetzt nicht sofort schreiben, Rassismus ist verwerflich, nicht zu tolerieren, schlicht eine Sauerei. Da sind wir uns einig. Nur hilft die Symbolik eines bemalten Pappkartons vor dem Bundeshaus in Bern keinem einzigen Opfer von rassistischen Übergriffen. Es hilft bestenfalls, uns dem Unwählbaren, der trotzdem wiedergewählt werden wird, in Washington überlegen zu fühlen.

Dasselbe gilt für die Solidaritäts­welle mit den Flüchtlingen in Moria. Wir können nicht so tun, als ob es die Flüchtlinge nicht schon vor dem Brand gegeben hätte und wie diese unter unmenschlichen Umständen ihr Leben fristeten. Plötzlich schreien wir nach Solidarität. Okay, ich gebe Ihnen Recht, besser spät als nie. Aber sind wir ehrlich! Wie wahrschein­lich ist eine nachhaltige Lösung der Flüchtlingsproblematik auf einer Skala von eins bis, ach was, nehmen wir gleich die Eins.


Verbeulte Pfannen

Erinnern wir uns an den Beginn der Corona-Krise. Was haben wir geklatscht und Beulen in Pfannenböden getrommelt für, Zitat Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga in ihrer 1.-August-Rede, die «Heldinnen und Helden der Krise». Lohnerhöhungen für Pflegepersonal und systemrelevante Berufe? Fehlanzeige! Gut, vielleicht müssen wir Corona zuerst noch etwas sacken lassen. Nachdenken hilft manchmal. Es gibt Hoffnung. Sehen wir nur zu den Klimademos im vergangenen Jahr. Die brachten ökologische Fragen aufs Tapet und wirkten sich auf die Parlamentswahlen aus.

Brachte aber leider auch nichts. Wesentlich lauter als der Aufschrei darüber, dass wir es nicht schaffen, Pestizide zu verbieten, die unser Grundwasser versauen, war jener über den beschränkten Zugang der Lobbyisten im Bundeshaus. Die hätten allerhand zu tun damit, sich für den Erhalt von Kurzstreckenflügen innerhalb Europas einzusetzen und gegen ein erweitertes Angebot von Nachtzügen. Das umzusetzen, wäre doch mal ein mutiger Entscheid. Aber für Mut steht unser Parlament kaum. Zum Beginn des Lockdowns im Frühling stellte die höchste Instanz im Land als Erstes den Betrieb ein. Ins Bundeshaus zurück trauen sie sich erst wieder nach einem Plexiglas-Umbau, der den Nationalratssaal wie ein Affenhaus aussehen lässt.


Im Affenhaus

Was übrigens keine Beleidigung ist. Immerhin erklärte das Bundesgericht die Basler Primaten-Initiative für zulässig. Affen sollen demnach Grundrechte erhalten wie ein Mensch. Darüber mag ich mich schon gar nicht mehr aufregen. Da leuchte ich aus Solidarität mit Kulturschaffenden lieber ein paar Häuser farbig an.

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