Der beste Papa der Welt!

Jachen Wehrli | veröffentlicht am 01.10.2020

Der beste Papa der Welt!
Nebelspalter | (Nebelspalter)

Ja, das bin ich, oder wollte ich zumindest sein. Der beste Papa der Welt! Von seinen Kindern geliebt, verehrt und bewundert – der Held ihrer Geschichte. Einer, der Frieden, Ruhe und Harmonie in den familiären Alltag bringt. Einer, dessen Nachkommen vor lauter Stolz über ihre Abstammung T-Shirts mit dem aufgedruckten väterlichen Gesicht tragen. Einer, dessen Entscheidungen nicht infrage gestellt werden. Der Super-Dad schlechthin – das Vaterwunder!

Lange sah es danach aus, als würde mein Plan aufgehen, als könnte mich nichts aufhalten, als sei mir Ruhm und Ehre gegönnt. In meinen Träumen sah ich bereits, wie mein Porträt als Gemälde, eingefasst in einem güldenen, antiken Barock-Holzrahmen, von der Ruhmeswand der «Family Hall of Fame» erstrahlt. Unzählige neidgeplagte Familienoberhäupter würden es bestaunen und demütig die Ehrentafel mit der Inschrift lesen: «Er hat es geschafft – Jachen Wehrli ist der beste Vater der Welt!»

Ich war mir sicher, ganz sicher, zu sicher, dass ich den Olymp als Übervater erklimmen würde, ritt realitätserblindet auf der Erfolgswelle und ignorierte jegliche Anzeichen des nahenden Ungemachs. Eines Tages, ohne Vorwarnung, geschah das Unvermeidliche und eine heimtückische Kreatur schlich sich in unsere Familienidylle: das Puber-Tier!

Erläuterung: «Das Puber-Tier. Umgangssprachlich auch – Teenager, Halbwüchsiger, Heranwachsender oder Jugendlicher genannt – ist eine mutierte Form des Nachwuchses, welches zur Familie der Ungehorsamen und der Untergruppe der Rebellen gehört. Puber-Tiere neigen zu aufmüpfigem, chaosstiftendem und widerstandsgetriebenem Verhalten. Gelegentlich können auch phlegmatische, lethargische und wach­komatische Phasen auftreten. Puber-Tiere sind in der Regel ungefährlich, jedoch sehr pflegeintensiv und nervenaufreibend.»

Nach und nach entwickelten sich meine Kinder, der Reihe nach – eines nach dem anderen – zu solchen verwirrungsgesteuerten Mitbewohnern. Aus Harmonie wurde Hysterie, Ratlosigkeit machte sich breit und sonntägliche Familienaktivitäten wurden zum Soloprojekt.

An den Zimmertüren, da wo noch vor kurzem süsse, abstrakte Kinderzeichnungen und Wasserfarbenbilder hingen, prangen plötzlich Hassparolen wie: «Zutritt für Eltern und Geschwister verboten!», und: «Besuch unerwünscht!»

Da stehe ich nun, verloren, ahnungslos und ausgestossen. Damit muss man als Erzeuger erst einmal klarkommen!

Hätte ich mir früher über dieses drohende Szenario Gedanken gemacht, ich wäre gefasst gewesen. Aber genau da ist der Hund begraben – es traf mich völlig unerwartet, unvorbereitet, unverhofft mit voller Wucht. Wo sind sie hin, meine kleinen Kuschelmonster, meine lieben Vateraufschauer und Nichtwidersprecher? Sie wurden vertrieben. Geblieben sind zerstreute Wesen auf der

Suche nach ihrer individuellen Persönlichkeit – allzeit bereit, den Weg des grössten Widerstandes zu gehen, um als junge Erwachsene den Pfad des Lebens zu beschreiten. Doch dieser Weg wird steinig und lang.

Die nächsten Jahre werde ich gutherzig damit verbringen, dauernd irgendwelche Dinge aufzuheben, die wild verstreut in der Wohnung herumliegen. Jedes Mal werde ich den Nachwuchs darauf aufmerksam machen, dass das so nicht geht und niemand wird mir zuhören – nichts wird sich ändern. Tag für Tag werde ich von lautem, schlechtem und fragwürdigem Deutsch-Rap beschallt sein und ich werde um Gnade und musikalischen Geschmack flehen. Ich werde unzählige Diskussionen darüber führen, dass ich kein Goldesel bin und mir die Silbertaler nicht aus dem Allerwertesten fallen. Ich werde mir tausendmal anhören, dass es in unserer Familie schrecklich ist und alle anderen Kinder viel mehr Glück bei der Elternverteilung hatten. Türen werden knallen, die Fetzen werden fliegen – immer und immer wieder, in einer Endlosschleife, jahrelang!

Meine Frau und ich sind uns der Wichtigkeit dieser Entwicklungsphase bewusst und begleiten unsere Nachkommenschaft, hoffnungsgetrieben von der Vision wiederkehrender familiärer Glücksmomente, durch die Reifezeit. Aber ganz ehrlich gesagt: «Es ist verdammt schwer und braucht unendlich viel Hoffnung und Geduld, die pubertierenden Stimmungsschwanker bedingungslos zu lieben!» Dennoch tun wir es, ich tue es – ich liebe meine Sprösslinge uneingeschränkt. Ganz egal wie hart es noch wird, wie lange diese Zeit noch andauert. Am Ende werden sie als eigenständige Wesen, mit eigenem Charakter, gestärkt, erfahrungsreich und lebensbereit zu sich selbst finden.

Doch was ist mit meinem Plan, meinem innigsten Wunsch – wie werde ich der beste Papa der Welt? Dies spielt keine Rolle mehr, ich brauche keinen Titel, keine Erwähnung in irgendeiner Ruhmeshalle und erst recht keinen Platz im Olymp. Viel wichtiger ist, dass meine Kinder jederzeit wissen, wo sie Geborgenheit erfahren. Dass meine Tür, mein Ohr, mein Herz stets offen stehen – dass ich sie immer und über alles liebe.

Ich muss nicht der beste Papa der Welt werden, ich bin bereits etwas viel Wichti­geres: Vater der allerbesten Kinder der Welt!

Artikel erschienen in der Ausgabe

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