Alec von Graffenried

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 01.10.2020

Alec von Graffenried
Michael Streun | (Nebelspalter)

Liebes Ich im Jahr 2050, ich schreibe dir aus dem Herbst 2020. Ich besetze dazu die Rubrik, die sich «Tor des Monats» nennt. Und ich entschuldige mich bei Alec von Graffenried, um den es hier eigentlich gehen sollte, weil er als grüner Berner Stadtpräsident im Amt gegen jene vorgehen musste, die er im Herzen gerne unterstützt hätte. Es ist ihm, wie du siehst, nicht gelungen, diese Spalten bis zum Druck des Magazins zurückzuerobern und meinen redaktionellen Ungehorsam zu brechen.

Eigentlich dient dieser Platz der Unterhaltung der Leserschaft. Aber ist es nicht legitim, wenn ich mich auf diesem Weg direkt an dich wende, um aus erster Hand zu berichten, wie wir in meiner Zeit die grösste Herausforderung angegangen sind? Ich spreche vom Klimawandel, nicht vom Berner Kundgebungsreglement. Zu gerne würde ich wissen, ob der Ausdruck «Klimajugend» anno 2050 noch geläufig ist. Jedenfalls hielt die Klimajugend aus Protest gegen die Politik widerrechtlich einen Berner Platz besetzt. Eigentlich gerade mal für 48 Stunden. Und eigentlich waren viele Jugendliche auch schon Volljährige. Du weisst schon, über 18, mit dem vollen aktiven sowie passiven Wahlrecht und so.

Vermutlich kennst du sogar einige von ihnen. Bei dir im Jahr 2050 werden sie bereits reiferen Alters sein. Ein paar werden inzwischen in den Sälen des Gebäudes sitzen, vor dem sie in meiner Zeit protestiert haben. Sofern dieses Gebäude in deiner Zeit überhaupt noch so genutzt wird wie heute. Vielleicht braucht man das ja gar nicht mehr und trifft sich stattdessen zu Protestcamps oder Tennispartien in Bankfilialen. In meiner Zeit hat man sich hier noch zu Sessionen getroffen: Volksvertreter aus der ganzen Schweiz, um die Zukunft das Landes zu gestalten. «Schweiz» sagt dir hoffentlich schon noch was, oder? Falls wir inzwischen in Basel und Chiasso Meereszugang haben: Wir sahen uns schon immer als eine Art Insel.

 

Hätten wir das gewusst

Ich bin mir fast sicher, dass viele in deiner Zeit sagen werden, sie hätten das halt nicht wissen können und nicht kommen sehen. Das, was zwischen mir und dir alles passiert sein wird. «Sonst hätten wir auf jeden Fall ganz anders gehandelt», werden sie sagen.

Genau darum schreibe ich dir ja. Wir haben es sehr wohl kommen sehen. Doch wir waren mit Wichtigerem beschäftigt. Zum Beispiel mit dem Unterschied zwischen «legal» und «legitim» bei zivilem Ungehorsam. Oder mit der Diskussion, ob man dem Planeten mit provokativen Protestaktionen tatsächlich schneller helfen kann als mit herkömmlicher politischer Mitwirkung. Und mit der Frage, ob die Anrede «Arschlan» mehr den Sprecher als die Angesprochene zum Arsch macht.

Künftiges Ich, um es mit einem einfachen Bild zu beschreiben: Natürlich wussten wir, dass wir alle im selben Boot sitzen. Ein riesiges Boot mit acht Milliarden Passagieren, für die meisten bereits ein maroder Kutter, für andere aber immer noch eine behagliche Luxusjacht. Auch den Eisberg hatten längst alle sehen können. Eisberg sagt dir schon noch was? Auf der Kommandobrücke aber standen lauter Alec von Graffen­rieds: Das Amt verlangte etwas anderes als das Herz. So diskutierte man noch über ein möglichst sanftes Wendemanöver, als vom Bug her schon die Eiswand knarzte.

 

Nur für den Fall

Künftiges Ich, gut möglich, dass du den folgenden Gesetzestext kennst. Weil man ihn irgendwann zwischen mir und dir offiziell so verabschiedet hat. Du sollst einfach wissen, woher er ursprünglich stammt. Von dir.

 

Bundesgesetz über die Beendigung des Klimawandels

Art. 1   Temperaturanstieg
¹ Die Schweiz kompensiert die Klimaerwärmung durch jährliche Anpassung der Temperaturskala.
² Der Bundesrat legt die für das Folgejahr gültige Temperaturskala jeweils in der Woche vor der Wintersession der eidgenössischen Räte fest.
³ Die Erhöhung des Nullpunktes der Celsiusskala über den Siedepunkt von Wasser hinaus (100 °C gemäss alter Skala) bedarf der Zustimmung der vereinigten Bundesversammlung.

Art. 2   Artensterben
¹ Volk und Stände verbieten das biologische Artensterben rückwirkend auf den 3. Januar 2003.
² Einer Spezies, die sich diesem Verbot widersetzt, wird der Status einer eigenen Art aberkannt.
³ Wer als Art entgegen geltendem Recht ausstirbt, wird nach 96 Tagen aus sämtlichen Quellen und Archiven entfernt, es sei denn, es erfolgt ein persönlich erbrachter Existenznachweis innerhalb der vorgegebenen Frist.

Artikel erschienen in der Ausgabe

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