Blattschuss

Ralph Weibel | veröffentlicht am 02.09.2020

Kaum sind Butter und Confi auf dem Frühstückstisch, schaukeln die ersten Wespen wie ein bedrohliches Geschwader Kampfhelikopter im filmischen Vietnamepos «Apocalypse Now» auf der Terrasse ein.

Blattschuss
Nebelspalter | (Nebelspalter)

Die geladenen Brunch-Gäste reagieren mit spastischem um sich Schlagen, spitzen Schreien und fachmännischen Aussagen: «In diesem Jahr sind die Sauviecher besonders aggressiv!» Die ersten Angreifer fallen kühn geführten Schlägen mit eingerollten Sonntagszeitungen zum Opfer. Dies wiederum veranlasst jene Besucher, die gemessen an ihren unkoordinierten Bewegungen am meisten zu leiden scheinen, Partei für die gelbschwarze Invasion zu ergreifen, man müsse die Störenfriede am Leben lassen.

Beim Salamischneiden beobachte ich die Szene aus Küche und sicherer Distanz. «Wie mit den Wölfen und dem neuen Jagdgesetz», denke ich mir. «Solange die Viecher weit weg von mir sind, stören sie mich kaum.» Im Gegenteil, ich erfreue mich der Menschen, die sich fürchterlich ärgern und mit komische Abwehrbewegungen die Butter vom Tisch fegen. «Jetzt ist aber genug!» Ich entsichere meine Wassersprühflasche und knall ein Viech nach dem anderen ab, bis die Terrasse wespenfrei ist. «Manchmal», denke ich mir, «ist ein Abschuss doch eine Lösung.»

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