Tor des Monats: Marco Chiesa

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 28.08.2020

Bereits während des Auszählens der Stimmen sei Applaus aufgebrandet, notierte die ‹Neue Zürcher Zeitung› am Wahltag, sodass es nicht mehr möglich war, die genaue Stimmenzahl zu eruieren. Wenn die Schweizerische Volkpartei in Windisch ihren neuen Präsidenten wählt, bekommen selbst erfahrene Demokratoren in Minsk oder Istanbul glänzende Augen: Gewählt wird praktisch einstimmig.

Tor des Monats: Marco Chiesa
Michael Streun | (Nebelspalter)

Der Neue steht für das Alte. Gut, das überrascht jetzt nicht wirklich. Überraschender war da schon, wie schwer sich die wählerstärkste Partei des Landes damit getan hat, einen neuen Protagonisten für das unbezahlte Präsidium zu finden. Wobei «Protagonist» vielleicht nicht ganz der korrekte Begriff ist, denn in der griechischen Tragödie bedeutet das so viel wie «Ersthandelnder». Diese Hauptrolle in diesem Stück kommt aber seit 1977 unangefochten und unwidersprochen dem Herrliberger Übervater zu.

Jedenfalls ist es bedenklich, wie schwierig es geworden ist, geeignete Kandidaten für Präsidialämter zu finden. Nicht nur bei der SVP. Vermutlich verlängern darum die Regenten am Bosporus oder an der Moskwa auch ständig so selbstlos ihren Dienst am Vaterland. Die US-Demokraten wiederum schicken ganz bestimmt nicht den besten Mann ins Rennen, den sie finden konnten, sondern einfach so etwas wie ihren Stammesältesten. Das Durchschnittsalter bei «Trump vs. Biden» dürfte gar noch jenseits eines geriatrischen Konklaves im Vatikan liegen. Fehlt nur noch, dass das Wahlresultat auf dem Capitol Hill ebenfalls mit schwarzem oder weissem Rauch verkündet wird. Bei orangem Rauch hat sich Donnie aus Versehen beim Spritzen von Desinfektionsmitteln selbst angezündet.

Doch zurück zur Sünneli-Partei. Diese hat seit dem Rücktritt von Toni Brunner das Problem, dass das Präsidium idealerweise ein Doppelmandat ist: Parteiboss und Maskottchen. Ersteres nur auf dem Papier, versteht sich. Schon Albert Rösti hat sich schwergetan, an das sonnige Gemüt und die gewinnende Art des Toggenburger Vorgängers anzuknüpfen. Doch bei den lange gehandelten Anwärtern Andreas Glarner oder Alfred Heer wurde es selbst manch eingefleischtem SVP-Anhänger so richtig anders. Wie verheerend einer der beiden Herren für die Zukunft der Partei sein würde, muss deshalb auch der SVP-Verwaltungsrat im Hintergrund erkannt haben. Und da stand er nun plötzlich, dieser Marco Chiesa aus dem Tessin, den diesseits des Gotthards vor ein paar Wochen noch kaum jemand gekannt hat. «Chiesa» bedeutet im Italienischen übrigens «Kirche»: Ein Name, als hätte ihn ein Schriftsteller wie Thomas Mann mit feiner Ironie seiner Romanfigur gegeben. Denn mit dem Tessiner bleibt die Kirche erst einmal im Dorf. Und wie bei den Katholiken ist auch in der SVP der Höchstgeweihte doch nur der Stellvertreter eines höheren Wesens.

Überhaupt: Ist es nur Zufall, wenn sich die SVP-Delegierten genau in dem Jahr um eine(n) «Chiesa» versammeln, in welchem die CVP ihr christliches «C» loswerden will – und damit Stammwähler zu verlieren droht? Man muss übrigens präzisieren: Wieder einmal loswerden will. Zu den Skurrilitäten der Schweizer Parteiengeschichte gehört nämlich, dass die CVP im Jahr 1970, als sie noch Konservativ-christliche Volkspartei (KCV) hiess und sich einen frischen Anstrich verpassen wollte, um ein Haar selbst den Namen «Schweizerische Volkspartei SVP» angenommen hätte.

Heimatlos gewordene CVP-Wähler hätten sicher ein gewisses Potenzial, die SVP-Verluste der vergangenen Jahre wieder auszugleichen. Doch noch steht die Ära Chiesa erst am Anfang. Es spricht vieles dafür, dass sich an der SVP-Liturgie erst einmal wenig ändert. «Forza Marco» wird mit sympathischem italienischem Akzent das Evange­lium predigen, das ein anderer für ihn geschrieben hat. Denn solange Er noch hienieden weilt, wird Er sich weiterhin regelmässig offenbaren, die drohende Apokalypse beschwören und Seine unfehlbaren Dogmen verkünden. Im Namen des Vaters, der Tochter und des helvetischen Geistes.

Falls Marco Chiesa der Fels sein soll, auf den die SVP ihre Kirche bauen wird, muss er jedenfalls noch ziemlich oft die andere Wange hinhalten und PR-Sünden, die übereif­rige Schäfchen weiterhin begehen werden, demütig auf sich nehmen. Dass das Holocaust-Mahnmal als geschmackloses Betonwüste-Sujet nicht der letzte Fauxpas sein wird, ist so sicher wie das Amen an der Delegiertenversammlung.

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