Poetry Slam: Onkel Claude

Valerio Moser | veröffentlicht am 28.08.2020

Ich habe meine Mutter auf Tinder gematcht! Hätte ich sie etwa ablehnen sollen, als ihr Anzeigebild auf mein Display ploppte: Nach allem, was sie für mich getan hat? Wer hat mich auf die Welt gepresst? Mami! Wer hat die bösen Buben verprügelt, die mich auf dem Pausenhof piesackten? Mami! Wer macht die beste Lasagne?

Poetry Slam: Onkel Claude
Nebelspalter | Valerio Moser, Kabarettist und Moderator

Also klar swipte ich sie und zägg: Match! Sie likt mich auch: Das muss wahre Liebe sein. Sofort schrieb sie mir: «Valerio, wusste ich doch, dass ich dich hier finde. Ich hämmer seit einer halben Stunde an deine Tür. Komm raus, heute ist Familienfest!» Familienfest? Shit!

Tinder zu, T-Shirt an, Türe auf, Auto, los. Alle waren sie da: meine Oma, die Kinder meiner Oma, also meine Tanten und Onkel, und deren Kinder, also meine Cousins und Cousinen, und die Goofen meiner Cousins und Cousinen, also die Kinder der Kinder der Kinder meiner Oma. Und natürlich: Onkel Claude. Er war früher immer ein bisschen komisch. Während die anderen Erwachsenen über Steuern, Skirennen und Rotwein diskutierten, guckte er gelangweilt aus dem Fenster. Das habe ich nie verstanden!

Bei unseren Familienfesten gabs immer ein riesiges Buffet. Da konntest du den ganzen Nachmittag richtige Portionen reinschletzen. Teller um Teller um Teller um Teller.Karottensalat, Gurkensalat, Randensalat, Blattsalat, Croutons, zwei Oliven, Tomatenstückchen, Kartoffelstöckchen, eine Wurst reintunken, Spiegelei drüber, mit Salami-scheibchen garnieren. Reibkäse! Viel Reibkäse! Viel zu viel Reibkäse. Bisschen Ketchup in die Ecke für Pommes, Pasta, Penne, Pellkartoffeln, Pilzrisotto. Ein richtig saftiges Steak. Ein deftiges Käse-tropfendes Cordonbleu. Lasagne mit Moussaka vermischt fand auch immer noch Platz, war ein grosser Teller. Einen Muffin drauf und zum Schluss: italienische Salatsauce über alles. Normaler Buffetteller halt. Das hab ich immer gefeiert.

Nur Onkel Claude blieb dem Buffet fern. Wenn Onkle Claude etwas ass, dann war das immer ein Statement. Selbst gezogene Karotten mit selbst gestampftem Hummus und selbst gepflückten Blumenkernen drüber. Onkel Claude war wirklich der komische Onkel. Mittlerweile hat er sich angepasst. Kein Bruch mit den Normen, keine Statements, kein gelangweiltes Starren. Mittlerweile sitzt er mit den Erwachsenen am Tisch und diskutiert über Steuern, Skirennen und Rotwein. Vielleicht, weil er eben doch etwas bewirkt hat.

Das Buffet ist jetzt ein Brunch, mit geschnittenen Karotten und selbst gemachten Dipsaucen. Alles ruhiger, alles weniger lecker, alles langweilig. Darum ziehe ich mich bei Familienfesten oft auf die Toilette zurück und kucke Youtubevideos – das ist witziger.

Bei DIESEM Familienfest ist es aber passiert: Ich hab mich wieder mal auf die Toilette zurückgezogen. Ich also lachend mit dem Smartphone in der Hand vor dem Badzimmerspiegel, als plötzlich die Kinder der Kinder der Kinder im Türrahmen stehen, ich kucke sie an, sie kucken mich an, bis ich realisiere: «Shit! Jetzt bin ich der komische Onkel!»

Mit dem Amt «komischer Onkel» kommt eine Pflicht. Ich kann etwas verändern. Das Erbe von Onkel Claude weiterführen. Vom Buffet zum Brunch, vom Brunch to the Future! Leider ist Nachhaltigkeit gar nicht so leicht. Ich mein, will ich beispielsweise in die Ferien, dann kann ich das nicht mehr einfach so. Beim Fliegen habe ich jetzt immer ein schlechtes Gewissen. Wenn du aber im Flugzeug sitzt und dir denkst: «Okay, diesen Flug kompensiere ich jetzt, indem ich in den Ferien vegan esse», dann ist das auch nicht gut. Einmal fliegen, das sind sicher 300 Mal vegan essen. Aber wenn du innerhalb von neun Tagen Ferien 300 vegane Menus bestellst, logisch magst du nicht alles essen, klar gibts dann Foodwaste! Also darf ich mit dem Flugzeug überhaupt noch in die Ferien? Und wenn ja: Wie weit muss ich mindestens? München? Ankara? Panama?

Ich war noch nie in Panama, aber meine Bananen kommen aus Panama. Sind Panama­bananen jetzt schlecht? Gibt es den Panamabananenpalmenpflanzer immer­hin was zu tun oder beutet es sie aus? Und warum hat diese Banane mehr von der Welt gesehen als ich? Panama, will ich auch mal hin! Aber ich bleibe hier und versuche regional einzukaufen. Schon blöd, wenn du Bananen willst. Sowieso: Warum regional? Vielleicht ist ja genau mein Nahbauer ein Arsch. Vielleicht spritzt ja genau er weiss nicht was für Stereoanlagen aufs Gemüse. Und sowieso wurde jedes Gemüse regional produziert. Auch Bananen werden regional produziert. In der Region Panama!

Nachhaltigkeit – so viele Fragen im Kopf, als mir mein Mami auf Tinder schreibt: «Valerio, du sitzt schon seit satten zwei Stunden gelangweilt am Fenster – wie Onkel Claude früher. Komm lieber wieder an den Tisch!»

Nachhaltig essen, da musst du dich drum tun. Onkel Claude war wohl weniger ein komischer Onkel, als ich immer dachte. Ich sollte auch mal was ändern, sodass sich die Kinder der Kinder der Kinder einmal denken werden: «Valerio, der war ja schon komisch, aber etwas hat er eben doch bewirkt.»

Artikel erschienen in der Ausgabe

loader