Tor des Monats

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 03.07.2020

Um es gleich vorwegzunehmen: Hier könnte genauso gut ein anderer Name stehen. Es gibt zahlreiche, die sich auch qualifiziert haben. Viele weitere werden noch dazustossen in den kommenden Tagen und Wochen.

Tor des Monats
Michael Streun | (Nebelspalter)

Leute wie Clemens Tönnies zum Beispiel, der deutsche Fleischbaron, in dessen Schlachtfabriken Mensch und Tier fast gleichgestellt behandelt werden. Vladimir Vladimirovic Putin, der seine gros­se Verfassungsreform (sic!) für die Geschichtsbücher unbedingt mit ein paar dicht an dicht defilierenden Militärparaden bebildert sehen wollte. Attila Hildmann, einst bekannt als veganer Kochbuchautor, heute noch bekannter als Dummenkönig, laut dem Hitler im Vergleich zu Merkel ein Segen für Deutschland war und der überzeugt ist, dass die Kanzlerin Hand in Hand mit jüdischen Familien die deutsche Rasse auslöschen will.

Von Novak Djokovic ist hier quasi nur stellvertretend die Rede. Stellvertretend für alle Zweitwellenreiter, die unerschrocken auf dem Heissluftkissen ihres überkritischen Verstandes gegen die mediale Hauptströmung ansurfen und dabei unversehens in unsere Schlagzeilen getragen werden.

Novak Djokovic ist aber auch ein dankbares Opfer. Weil aus Djokovic so schnell «Djocovid» wird. Und aus Novak so einfach «NoVacc». Denn Impfgegner ist er natürlich auch. Und Esoteriker. Seit der Tenniszirkus ruht, serviert der Weltranglistenerste seine Asse vor allem von der Social-Media-Time­line aus. Noch bevor die von ihm initiierte Adria-Tour zum Superspreading-Event wurde, sorgte er mit der Verbreitung seiner Wassertheorie für Gehirnrunzeln: Allein mit mentaler Kraft könne man schmutziges und giftiges Wasser in echtes Heilwasser transformieren. Bereits da haben ihm die ersten Leute kritisch die Meinung gehustet, noch bevor verschiedenen Spielern und Fans auf der Tour der Hals zu kratzen begann.

Weil guter Journalismus immer auf seriöser Recherche beruht, hat der Autor im Zuge dieses Artikels die Wasserprobe aufs Exempel gemacht und einem Glas Dihydrogenmonoxid mehrere Minuten lang Zitate des serbischen Tennisprofis aus den vergangenen Wochen und Monaten vorgelesen – worauf das Wasser tatsächlich eine Reaktion zeigte! Es setzte sich unvermittelt in Bewegung und klatschte gegen das Gesicht des Sprechers. Wollte das Wasser damit auf die drohende zweite Welle hinweisen? Redaktionskollege Weibel behauptet zwar, er sei es gewesen, der dem Schreibenden das Glas in die Visage geschüttet habe, damit er sich den ganzen Stuss nicht länger anhören müsse. Hier steht eindeutig Aussage gegen Aussage.

Stellvertretend für alle Covidioten steht übrigens auch Jokers Reaktion auf die Kritik: Schuld sind die anderen. Natürlich kann man bei sich selbst kein clusterhaftes Benehmen erkennen. Weshalb man auch unbeirrt weiterkämpft – allein gegen den Rest der Welt. Mit der aktuellen Entwicklung wird er ja zum Glück immer kleiner, dieser Rest.

Es ist verlockend, die Irrlehren der antiviralen Attilas und Novaks abschliessend mit einem «Schuster, bleib bei deinem Leisten» zu kommentieren. Djokovic wäre sicher gern bei seinem Racket geblieben, Hildmann ebenfalls bei seinem Kochlöffel.  Erst der erzwungene Stillstand und die daraus resultierende Langeweile verleitete sie dazu, sich selbst auf weitere herausragende Fähigkeiten zu durchleuchten und irrtümlich die Verstandesschärfe zu identifizieren. Hirnmasse im Leerlauf kommt auf die absurdesten, aber auch auf die genialsten Ideen. Evolutionsbiologen halten einen Grossteil menschlicher Kultur eh für ein Nebenprodukt unserer unterforderten Gehirne – geschaffen für komplexe Aufgaben, aber einmal entbunden von existenziellen Aufgaben ständig dabei, sich vermeintlich sinnvoll zu beschäftigen.

Eine der unzulänglichsten Denkfiguren, die menschliche Gehirne kreiert haben, ist jene, wonach Menschen strikte gut oder vorsätzlich böse handeln. Djokovic beteuert, mit seiner Adria-Tour nur beste Absichten verfolgt zu haben. Ob sich Djokovic mit seiner Mentalkraft dauerhaft vom Weltstar des Männertennis zum Mahnmal fataler Pandemieignoranz transformiert hat, wird erst die Zukunft weisen. Dabei erleben wir gerade andernorts, wie schnell Gutes und Schlechtes neu bewertet und Statuen vom Sockel gestossen werden können. So oder so: Die frei gewordenen Sockel wird man am Ende der Pandemie sehr gut brauchen können. Sei es nun zum Gedenken oder zum Mahnen.

Artikel erschienen in der Ausgabe

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