Regentschaft der Isten

Ralph Weibel | veröffentlicht am 03.07.2020

Wenn in Amerika ein weisser Polizist einen schwarzen Bürger ermordet, ist er ein Rassist. Das empört Herrn und Frau Schweizer. Deshalb entfernen sie verdächtige Süssigkeiten aus Verkaufsregalen und in der Arena wird Sandro Brotz zum Thesenjournalist. Alleine die Endung «-ist-» signalisiert höchste Dringlichkeit. Ein Klärungsversuch zwischen Aktivisten, Rassisten, Sexisten, Islamisten und anderen Randgruppen.

Regentschaft der Isten
Carlo Schneider | (Nebelspalter)

Der Ismus mit seinen Isten begann ganz hinten, auf dem Gestell der Freilandeier. Übrigens wird in diesem Text bewusst auf die weibliche Form verzichtet, weil Rassismus, Islamismus und Ähnliches generell männlich sind, was auch schon rassistisch ist. Jedenfalls sahen sich die Freilandeier schon immer als etwas Besseres. Sie schauten deshalb hinab auf die Eier aus den Legebatterien im Regal unter ihnen. Dies wiederum führte bei den Eiern der unteren Regale nicht etwa zu Solidarität. Im Gegenteil. Die weissen verspotteten lieber die braunen in ihrem Eierkarton, sie seien faule Eier. Die liessen sich das natürlich nicht gefallen und suchten ihrerseits nach Verbündeten.

Uncle Ben arbeitslos
Was bot sich da besser an als der Appenzeller Käse. Dieser musste sich vorwerfen lassen, olfaktorisch gewöhnungsbedürftig zu sein. Die Vorwürfe kamen nicht etwa aus dem Kühlregal selber, sondern aus der Früchte- und Gemüseabteilung. Längst hatten sich dort Bananen, Ananas und Kokosnüsse zusammengetan, um als Opfer der Kolonialisierung vereint gegen den Rassismus zu demonstrieren, der ihnen von den Erdbeeren aus der Region entgegenschlug. Allerdings waren diese damit beschäftigt, den importierten Kollegen aus Spanien ihre Geschmacklosigkeit vorzuwerfen.

Beim Stichwort Rassismus regte sich etwas auf der anderen Seite des Geschäfts. «Wenn hier jemand Rassismus gegen sich reklamieren darf, dann sind das wohl wir.» Um auf sich aufmerksam zu machen, raschelten die Mohrenköpfe mit ihren Aluverpackungen. Ganz zur Freude der Zigeunerschnitzel. «Endlich wehrt sich jemand!», riefen diese und streckten aus Solidarität die Faust in die Höhe.

Hinter Uncle Ben, der seinen Job auf der Reisverpackung verloren hatte und deshalb arbeits- und obdachlos wurde, formierten sich Demonstranten. Diese zogen «Black lives matter» skandierend um die Self-Scanning-Kassen, die unbehelligt von Protesten den Arbeitsplatz einer alleinerziehenden Mutter gefressen hatten. Diese wurde darob ebenfalls arbeitslos, rutschte ab in die Sozialhilfe und sah sich aus finanziellen Gründen gezwungen, zukünftig im grenz­nahen Ausland billig einzukaufen. Doch das ist eine ganz andere, nicht minder traurige Geschichte.

Fromage d’Italie
Die anhaltenden Proteste weckten weitere Begehrlichkeiten im Warenhaus. Das Büchsenfleisch fühlte sich als gestampfter Jude diffamiert und in seinen religiösen Gefühlen verletzt. Dem St.?Galler Schüblig wurde alleine wegen seiner äusseren Erscheinung Sexismus vorgeworfen, das Bündnerfleisch lachte über Wienerli und Hamburger als Junkfood. Der Waadtländer Saucisson verspottete den Fromage d’Italie, der sich darob fleischkäsig fühlte. Die Jägerschnitzel und die Zuger Kirschtorte solidarisierten sich und warfen den Berlinern Faschismus vor. Historisch bedingt muss sich alles, was deutsch ist, auf immer schuldig fühlen, war die Begründung. «Genauso wie die Schweizer, diese elenden Kolonia­listen», tönte es aus der Bananen-Ananas-Kokosnuss-Ecke.
Jetzt platzte den Thurgauer Äpfeln endgültig der Kragen. «Geht doch dahin, wo ihr hergekommen seid», riefen Boskop und Gravensteiner. «Holla die Waldfee, jetzt wird es aber hitzig», freute sich das Henniez, «soll ich euch etwas abkühlen?» – «Ausgerechnet du, du Vertreter der modernen Sklaverei!», riefen die Thurgauer Äpfel. Sie ärgerten sich schon lange über die Produkte der Firma Nestlé, welche unter anderem mit dem Kauf von Wasserquellen Entwicklungsländer ausbeutet, um ihre Aktionäre reicher zu machen. «Dagegen sollte protestiert werden, nicht gegen die Kolonialisierung vor über 200 Jahren!»

Heisst die Rettung Brotz?
Langsam schaukelte sich die negative Stimmung im Warenhaus hoch, und je mehr alle versuchten, ihre Argumente für oder gegen Mohrenköpfe oder Zigeunerschnitzel verständlich zu machen, umso explo­siver wurde die Lage. In diesem Moment trat «Arena»-Moderator Sandro Brotz auf seinem Wocheneinkauf in den Laden. Sofort versuchte er zwischen den Fronten zu vermitteln, was ordentlich danebenging. Vielmehr entpuppten sich seine Bemühungen als Funken, der das explosive Gemisch zündete. Vom Laden blieb nicht viel übrig. Die Eier, bei denen alles angefangen hatte, zerbrachen alle und verschmolzen in der Hitze zu einem Omelett. Und so hatte die Diskussion von Brotz vielleicht doch etwas bewirkt. Zumindest bewirkte sie eine Sensibilisierung, und die ist ja wichtig in dieser Zeit. Es gibt so vieles, was diese böse, böse Welt etwas besser machen kann. Vielleicht ist es aber auch nur vorauseilender Gehorsam und die Angst vor einem Shitstorm in den unsozialen Medien, wenn die Migros 60-tausend Papiersäcke auf den Verdacht von Sexismus hin einstampfen lässt und die Swiss keine Pralinen mehr vom konser­vativen Chocolatier Läderach verschenkt. Vielleicht wäre es für die Empörten ratsam, sich erst das Ziel zu überlegen und erst dann hinzuknien.

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